Zweifel am Alleskönner

12. März 2008 • Redaktionsmanagement • von

Neue Zürcher Zeitung, 7. März 2008

Studie zu multimedialen Redaktionen
Folgt man vollmundigen Deklarationen auf Medienkongressen, aber auch den Zielvorgaben von Spitzenmanagern der Medienindustrie, so verwandeln sich derzeit in den USA und anderswo herkömmliche Zeitungsredaktionen in «integrierte Newsrooms», die «multimediale Plattformen» bedienen und dort neben klassischen Texten auch Audio- und Video-Inhalte anbieten.

Wasser in diesen Wein giesst allerdings John Russial von der Universität Oregon. Wie weit Anspruch und Wirklichkeit in grossen Medienunternehmen auseinanderklaffen können, hat er am Beispiel von 210 US-Tageszeitungen untersucht. Er wollte herausfinden, inwieweit das vielfach proklamierte Ziel, herkömmliche Print-Redaktionen und ihre Online-Ableger zu verschmelzen, auch tatsächlich umgesetzt wird.
Die Ergebnisse seiner Umfrage, die sich auf Blätter mit einer Auflage von mehr als 30 000 Exemplaren bezieht, sind eher ernüchternd: Zwar würden allenthalben die Redaktionen zu integrierten Newsrooms weiterentwickelt, beim Nachhaken ergebe sich aber, dass die traditionelle Arbeitsteilung in den Redaktionen weitgehend beibehalten werde. So würden Zeitungsreporter meist nicht mehr als zehn Prozent ihrer Arbeitszeit der Online-Berichterstattung widmen. Wenn eine Redaktion eigenproduzierte Videoclips ins Netz stelle, so stammten diese meist nicht von Journalisten, sondern würden von den Fotografen der Redaktion gedreht. Selbst wenn Blätter multimediale Websites betrieben, würden oft nur ein paar Video- und Audio-Beiträge pro Woche ins Netz gestellt. Insgesamt kommt die Integration auf der operativen Ebene offenbar nur sehr zögerlich voran.
Das relativiert Zahlen, mit denen noch im Vorjahr die Bivings Group, ein Consulting-Unternehmen in Washington, darauf aufmerksam gemacht hat, wie schnell sich US-Zeitungen die neuen Möglichkeiten des Web 2.0 zunutze machten (NZZ 7. 12. 2007).
 
Russial glaubt, dass als Erklärung nicht nur die übliche Trägheit taugt, mit der grosse Organisationen – zumal Redaktionen traditionsreicher Zeitungshäuser – Innovationen abwehren. Auch der Kostenfaktor spiele eine beträchtliche Rolle. Videos auf Zeitungs-Websites seien teuer, würden aber bisher kaum zusätzliches Publikum anlocken. Der Forscher und Journalistikdozent, der beim Philadelphia «Inquirer» viele Jahre lang Praxiserfahrungen sammeln konnte, rät deshalb Journalistenschulen eher zur Vorsicht, was die multimediale Ausbildung anlangt. Er ist nicht nur skeptisch, ob sich solche Alleskönner ausbilden lassen, sondern hegt auch Zweifel, ob diese wirklich nachgefragt und gebraucht werden. «Spezialisten haben vermutlich auch in Zukunft bessere Job-Chancen als Multimedia-Journalisten», so interpretiert Russial seine Daten.
Befragt wurden von ihm pro Blatt je zwei Produktions-Redaktoren – einer aus dem Presse-, der andere aus dem Online-Bereich. Die Rücklaufquote betrug 44 Prozent. Bei den meisten Zeitungen hat zumindest einer der Befragten geantwortet, so dass für 74 Prozent der ursprünglich in die Untersuchung einbezogenen Zeitungen ein Befragungsergebnis vorliegt – das sind mehr als 150 Titel.
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