Krieg aus zweiter Hand

1. September 2011 • Ressorts • von

Eine Studie untersucht, wie sich die Berichterstattung zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr in regionalen Tageszeitungen gestaltet und inwieweit sie durch die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr geprägt wird.

Die Bundeswehr ist als Parlamentsarmee an die Akzeptanz und den Rückhalt in der Öffentlichkeit gebunden. Deshalb räumt sie der Informationsarbeit einen besonders hohen Stellenwert ein.
Mit mehr als tausend haupt- und  nebenamtlichen Mitarbeitern beschäftigt die Bundeswehr mehr Öffentlichkeitsarbeiter als jede andere staatliche Organisation.

Für die Studie wurde die Berichterstattung der Stuttgarter Zeitung (SZ), der Thüringer Allgemeinen (TA) und der Frankfurter Neuen Presse (FNP) in einer Inhaltsanalyse stichprobenartig ausgewertet. Die Untersuchung lässt eine deutliche Dominanz tatsachenbetonter Darstellungsformen in der Berichterstattung der drei  Regionalzeitungen erkennen. Mit 126 Beiträgen sind fast zwei Drittel der Texte Nachrichten (25 Prozent) oder Berichte (38 Prozent).

Weitere 15 Prozent der Beiträge sind der Kategorie Hintergrundberichte zuzuordnen. Reportagen und Features finden sich hingegen kaum (insgesamt vier Texte). Kommentare erreichen einen Anteil von 11 Prozent der Gesamtberichterstattung. Am kommentierfreudigsten zeigt sich die Stuttgarter Zeitung, die meisten Hintergrundberichte erschienen in der Frankfurter Neuen Presse. Die Thüringer Allgemeine behandelt das Thema insbesondere nachrichtlich aber auch mit einem vergleichsweise hohen Anteil an Interviews (8 Prozent). Mehr als die Hälfte der publizierten TA-Beiträge sind allerdings kürzer als 1.000 Zeichen – FNP und die SZ veröffentlichten deutlich umfangreichere Texte.

 

Erfolgsmeldungen sind selten

Der in den Zeitungen vorherrschende Grundtenor gegenüber den internationalen Einsätzen der Bundeswehr war im untersuchten Zeitraum kritisch. Nur selten waren Erfolgsmeldungen aus den Einsatzgebieten oder die „humanitären Leistungen“ der Bundeswehr das Thema der Berichterstattung. In der TA ist die Berichterstattung allerdings deutlich positiver gefärbt als in der FNP oder der SZ. 23 Prozent der Beiträge sind hier in ihrer Tendenz als positiv einzuschätzen und nur neun Prozent der Beiträge weisen negative Konnotationen auf.

Offensichtlich schätzen insbesondere Journalisten der TA-Lokalredaktionen Informationen der Bundeswehr positiv ein (vgl. Riesmeyer 2006). Zum Vergleich: In der Stuttgarter Zeitung zeigt sich ein gegensätzliches Bild. Während hier 10 Prozent der Beiträge einen positiven Beiklang haben, weisen 29 Prozent einen eher negativen Tenor auf. Die Untersuchung ergab zudem, dass sich die Nachrichtenauswahl stark nach den Vorgaben der Tagespolitik richtet. Insbesondere Mandatsbeschlüsse im Bundestag sorgen für Berichterstattungshochs. Außerdem fokussieren die untersuchten Regionalmedien deutlich auf Konflikt- und Krisensituationen. Dennoch setzen die drei  Regionalzeitungen unterschiedliche Themenschwerpunkte in ihrer Berichterstattung.

Während die SZ die Auslandseinsätze aus einer vergleichsweise politischen Perspektive betrachtete und dabei besonders häufig die Situation in den Einsatzgebieten und Fragen der Bündnispolitik thematisierte, wurden die Auslandseinsätze in der TA überdurchschnittlich häufig in den Zusammenhang mit den Erfahrungen von Thüringer Bundeswehrsoldaten gestellt.

 

Thüringer Soldatenschicksale

 

Die TA veröffentlichte im untersuchten Zeitraum ungewöhnlich viele Beiträge zum Themenaspekt „Soldatenschicksale“. Nahezu ein Viertel der Berichterstattung setzt sich aus Geschichten über feierliche Verabschiedungen oder das schwere Schicksal der aus Thüringen entsandten Soldaten zusammen. Die räumliche Nähe wird dazu genutzt, das Thema Auslandseinsätze zu lokalisieren und zu personalisieren. Etliche Beiträge geben die Aussagen von Bundeswehrangehörigen weitgehend unreflektiert wieder und lassen journalistische Distanz vermissen. Neben der Themenauswahl und der Tonalität der Beiträge wurden auch Quellen und Akteure der Berichterstattung untersucht.

Bemerkenswert dabei ist zunächst, dass in 18 Prozent aller Beiträge keinerlei Quellenangaben zu finden sind. Zeitungsübergreifend kristallisierte sich eine zu erwartende Quellendominanz von Bundeswehr und Bundesministerium für Verteidigung (BMVg) heraus. Ein genauerer Blick lohnt sich auch hier, da er die Präsenz dieser Quellengruppe verdeutlicht: In knapp jedem dritten Text sind Bundeswehr oder BMVg die alleinigen Quellen. In mehr als zwei Dritteln aller Beiträge kommen politische und militärische Entscheidungsträger als  Informationsquellen vor.

Der Verteidigungsminister kommt mit Abstand am häufigsten zu Wort (27 Prozent), gefolgt von Abgeordneten der Regierungsfraktionen im Deutschen Bundestag (16 Prozent) und Angehörigen der militärischen Organisationsbereiche des BMVg (15 Prozent). 35 Prozent der Beiträge lassen keine bundeswehrunabhängigen Quellen zu Wort kommen. Die offenbar hohe Informationsabhängigkeit der Medien vom Militär schlägt sich jedoch nicht in der Themenbewertung nieder, was sich damit erklärt, dass es sich bei den Beiträgen ohne unabhängige Quellen mehrheitlich um Texte mit nachrichtlichem Charakter handelt.

Dennoch sei darauf verwiesen, dass unabhängige Experten und Wissenschaftler in der Berichterstattung vergleichsweise selten auftauchen. Sie stellen lediglich fünf Prozent aller Quellen. Die höchste Quellendichte pro Beitrag weisen die Stuttgarter Nachrichten auf, gefolgt von der Frankfurter Neuen Presse und – deutlich abgeschlagen – der Thüringer Allgemeinen. Der Blick auf die Recherche zeigt, dass nur bei einem Viertel der Beiträge eindeutig davon ausgegangen werden kann, dass der Autor originäre Rechercheleistungen erbracht hat. So ließen sich keine Ansätze investigativer journalistischer Arbeit erkennen, hintergründige Reportagen fehlen fast komplett. Hingegen bestätigt sich die erwartungsgemäß hohe Agenturabhängigkeit. Bis auf wenige Ausnahmen stammten die Informationen aus dem Ausland aus dem Angebot der Nachrichtenagenturen.

Hohe Relevanz, partielle Mängel

 

Da das Themenfeld Krieg und Bundeswehreinsätze von besonders hoher gesellschaftlicher Relevanz ist, müssten an dieses auch besondere journalistische Anforderungen gestellt werden. Grund dafür ist auch der enge  Handlungsspielraum der Bundeswehr zwischen Offenheit und Informationsverweigerung gegenüber den Vertretern der Presse, denn natürlich unterliegt militärisches Medienhandeln strategischen, taktischen und klandestinen Erwägungen und besonderen Geheimhaltungsanforderungen. Dieser Herausforderung sollte sich der regionale Journalismus stellen. Die in der Studie dargestellten partiellen Mängel in Quellenvielfalt, Distanz, Rechercheleistung oder Ausgewogenheit zeigen, dass die hohen Anforderungen nur ausnahmsweise erfüllt werden.

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Wissenschaftliche Methode

Im Rahmen einer Bachelorarbeit an der Universität Leipzig wurde untersucht, wie die drei regionalen Tageszeitungen Frankfurter Neue Presse, Stuttgarter Zeitung und Thüringer Allgemeine über Auslandseinsätze der Bundeswehr berichten. Die Stichprobe wurde aus künstlichen Wochen der Jahre 2003, 2006 und 2009 gezogen und umfasst 202 Beiträge (TA: 76; SZ: 61; FNP: 65). Untersucht wurden die Themenauswahl und der Tenor der Beiträge. Auch die Quellen und Objekte der Berichterstattung wurden inhaltsanalytisch erfasst.

Erstveröffentlichung: Message Nr. 3 / 2011

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