Appell des Rettungskomitees KEP

31. Dezember 2009 • Ressorts • von

Die Schweizer Tageszeitungen stehen kurz vor einer besseren Zukunft. Nur einer muss noch wollen.

Wenn es gegen Jahresende geht, dann befällt den Christenmenschen jeweils das Appellationsbedürfnis. Er appelliert an die Welt, damit die Welt besser wird. Er appelliert öffentlich. In den Medien explodiert darum zu Jahresende jeweils die Zahl der sogenannt offenen Briefe.

Letzte Woche etwa schrieb die Schweizer Jazzszene einen offenen Brief an Radio-Direktor Iso Rechsteiner, weil er das Studio falsch umbauen will. CVP-Präsident Christophe Darbellay schrieb einen offenen Brief an die Muslime, weil er ihre Burka nun doch nicht verbieten will. Die Basler Deutschlehrer schrieben einen offenen Brief, weil sie Druckfehler auf städtischen Straßenschildern entdeckten.

Da wollen wir nicht zurückstehen. Auch wir schreiben einen offenen Brief. Wir schreiben ihn als Vertreter des «Komitees zur Errettung der Presse» (KEP). Wir schreiben an Pietro Supino, den VR-Präsidenten von Tamedia:

Sehr geehrter Herr Supino

Anfang Monat haben Sie Ihr Gratisblatt News eingestellt. Das Komitee zur Errettung der Presse (KEP) begrüßt diesen Schritt. Doch er geht nicht weit genug. Mit 20 Minuten gehört Ihnen noch immer eine morgendliche Gratiszeitung.

Das Komitee zur Errettung der Presse (KEP) fordert Sie darum auf: Stellen Sie sofort 20 Minuten ein!
Zehn Jahre an Verwüstung sind genug. Als 20 Minuten im Dezember 1999 auf den Markt kam, da war die Situation der Presse in gutem Zustand. Die fünf führenden Tageszeitungen NZZ, Tages-Anzeiger, Basler Zeitung, Berner Zeitung und Blick erreichten zusammen eine Auflage von 1,1 Millionen Exemplaren.

Zehn Jahre später ist diese Zahl auf 850 000 gefallen. Der Verlust von 250 000 Exemplaren ist primär auf die verheerende Wirkung von 20 Minuten zurückzuführen. Allein bei den genannten fünf Blättern macht das bei den Abo-Einnahmen einen jährlichen Schaden von 90 Millionen Franken aus. Für die gesamte Presse liegt der Verlust bei 120 Millionen.

Vor zehn Jahren war auch das Anzeigengeschäft der Zeitungen in gutem Zustand. 20 Minuten hat ihnen seitdem jährlich 60 Millionen an Werbegeldern weggenommen. Weil die Auflagen der Zeitungen wegen 20 Minuten zusammenbrachen, kostete sie dies jährlich weitere 70 Millionen an Inserateeinnahmen.

20 Minuten hat damit in der Presse einen jährlichen Kollateralschaden von 250 Millionen Franken ausgelöst. 20 Minuten macht im Jahr 2009 einen Gewinn von etwa 20 Millionen Franken. Das ist ein bizarres Verhältnis von Schaden und Nutzen. Es ist volkswirtschaftlicher Irrsinn.

Sie können, sehr geehrter Herr Supino, dieselbe Rechnung auch hausintern anstellen. Allein Ihre zwei Tageszeitungen Tages-Anzeiger und Berner Zeitung haben wegen Ihrer Gratiszeitung pro Jahr über 50 Millionen an Abo- und Werbeeinnahmen verloren. Auch dagegen sind die 20 Millionen Gewinn von 20 Minuten nicht zu rechtfertigen.

Volks- wie betriebswirtschaftlich ist 20 Minuten also ein Desaster. Wir können die Sache aber auch politisch betrachten. Wir verzichten dabei auf Plattitüden wie den «Bannwald der Demokratie». Wir sagen nur, dass Tageszeitungen eines der wichtigsten Diskussionsforen einer Gesellschaft sind. Es gibt keinen Grund, diese Funktion kaputtzumachen.

Natürlich sind wir vom Komitee zur Errettung der Presse (KEP) nicht naiv. Wir wissen, dass es auch nach dem Ende von 20 Minuten Jahre dauern wird, bis sich die Presse vom Terror des Gratisblatts erholt haben wird. Aber eine Chance besteht.

Nur Sie, sehr geehrter Herr Supino, können die Presse retten. Handeln Sie! Stellen Sie 20 Minuten sofort ein!

Erstveröffentlichung: Weltwoche Nr. 51/2009

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