Aus Mangel an Vorstellungsvermögen

6. Oktober 2006 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Neue Zürcher Zeitung

Eine Analyse der unkritischen US-Medien beim Thema Folter
Den amerikanischen Medien fiel es lange schwer, kritisch über die Behandlung von Terrorverdächtigen durch die US-Regierung zu berichten. Ein Fachartikel analysiert nun das Versagen.

Dass US-Geheimdienste und -Armee Terrorverdächtige gefoltert und zu diesem Zweck ein weit verzweigtes Netz von Geheimgefängnissen unterhalten haben, diese Tatsachen haben die amerikanischen Medien lange und nahezu kollektiv nicht wahrhaben wollen. In einer Titelgeschichte für die «Columbia Journalism Review» (Sept./Okt. 2006) hat jetzt Eric Umansky, derzeit Fellow an der School of Journalism der Columbia University, dieses Versagen der einstmals für ihren regierungskritischen, investigativen Zugriff gerühmten US-Presse akribisch nachgezeichnet.

Frühe Korrespondentenberichte

Die Erklärung, die er liefert, ist ebenso schlicht wie plausibel: Bevor die Fotos aus Abu Ghraib in Umlauf geraten seien, habe es auf Seiten der Redaktionen schlichtweg einen Mangel an Vorstellungsvermögen gegeben, dass die eigene Regierung und die eigenen Militärs solcher Verfehlungen fähig sein könnten. Dabei hätten einzelne Korrespondenten durchaus frühzeitig Verdacht geschöpft und Einzelfälle gründlich recherchiert. Zum Beispiel spürte Carlotta Gall von der «New York Times» bereits 2002 in Afghanistan zwei mysteriösen Todesfällen in Militärgefängnissen nach. Dana Priest von der «Washington Post» interessierte sich ebenfalls bereits zu dieser Zeit für die Geheimgefängnisse. Ähnlich früh befasste sich ihr Redaktionskollege Barton Gellman mit den Verhörmethoden bei Taliban- und Al-Kaida- Gefangenen der USA.

Diese Reporter mussten allerdings immer wieder erleben, wie ihre und andere vergleichbare Geschichten «beerdigt» oder auf hinteren Seiten heruntergespielt wurden. Die Patriotismus-Welle nach dem 11. September 2001 habe zu einem Klima in den Redaktionen geführt, wo in Sachen Folter niemand «der Erste sein wollte, der seinen Kopf hinausstreckt». Auch dem Sonderkorrespondenten der AP, Charles Hanley, sei es ähnlich ergangen. Als er im Sommer 2003 in Baghdad bei sechs früheren Gefangenen recherchierte und übereinstimmende Berichte von den Foltermethoden der Amerikaner erhielt, reagierte das Militär einfach nicht auf seine Fragen. Seine Geschichte erzielte weltweit Echo – nur nicht in den USA. Am meisten Aufmerksamkeit zollte ihr die deutsche Illustrierte «Stern». – Der Kongress habe sich ähnlich wie die amerikanischen Redaktionen verhalten und den Kopf in den Sand gesteckt, schreibt Umansky. Es habe keine parlamentarischen Anhörungen gegeben, und eine beantragte unabhängige Untersuchung sei von den Fraktionsführungen lange Zeit blockiert worden. Besonders «smart» habe die Regierung Bush agiert. Statt sich mit Vorwürfen auseinanderzusetzen, habe sie schlichtweg abgeblockt und geleugnet, dass es irgendwelche «policies of abuse» gebe. Zuvor hatte allerdings Präsident Bush bereits öffentlich erklärt, dass Al-Kaida-Mitglieder nicht von der Genfer Konvention geschützt seien. Ausserdem hätten Anwälte der Regierung Folter auf ihre Weise neu definiert. Davon könne nur dann die Rede sein, wenn sie «zum Tod, zu Organversagen, oder zu dauerhaften Schädigungen wichtiger Körperfunktionen führt».

Selbst als die Abu-Ghraib-Fotos auftauchten, sei dies in Amerika nicht sofort «big news» gewesen. Auf Wunsch der Militärs habe das Fernsehnetzwerk CBS die Fotos zunächst zwei Wochen lang zurückgehalten, um nicht eine laufende Militäraktion in Falluja und zwei amerikanische Geiseln zu gefährden. Statt einen Sturm auszulösen, hätten die führenden Tageszeitungen eher mit «Sprühregen» reagiert: Die «New York Times» habe auf Seite 15, die «Los Angeles Times» auf Seite 8 und die «Washington Post» auf Seite 24 über die Zustände in Abu Ghraib berichtet – und keines der drei Blätter habe auch nur eines der Folterbilder veröffentlicht. Nicht die Berichterstattung der US-Medien, sondern die Empörung im Ausland und die darauffolgenden Reaktionen von Präsident Bush hätten schliesslich aus Abu Ghraib doch noch eine «grosse Geschichte» werden lassen.

Eigendynamik der Medien

Ein besonders beeindruckender Teil des Beitrags besteht in einer Illustration, in der – fortlaufend über mehrere Seiten hinweg – im Rückblick «Ereignisse» und «Medienberichterstattung» einander gegenübergestellt werden. Schon dieses Dokument zeugt von den Eigengesetzlichkeiten des Journalismus. Publizistikwissenschafter wie Hans Mathias Kepplinger haben bereits wiederholt gezeigt, dass die Berichterstattung der Medien oft weitgehend losgelöst von den tatsächlichen Ereignissen erfolgt und Skandale erst durch journalistisches Rudelverhalten entstehen. Mit Umanskys Worten: «Ein Skandal ist so lange kein Skandal, und ein Scoop so lange kein Scoop, wie er nicht von den Medien als solcher gespielt wird. Nach den Attacken des 11. September waren die meisten Redaktionen eben sehr zögerlich, sich auf dieses Spiel einzulassen.»

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