Das redaktionelle Umfeld

4. April 2012 • Ressorts • von

Wer interessiert sich eigentlich für Luxus- und Stil-Beilagen?

Am schrecklichsten ist es immer im Frühling. Weil jetzt Frühling ist, ist es darum jetzt am schrecklichsten. Immer im Frühling nämlich erfasst unsere Zeitungsredaktionen ein luxuriöser Lemming-Effekt. Gleichzeitig und geballt hauen sie nun ihre Luxus-Beilagen raus.

Die Luxus-Beilagen heißen wechselweise auch Stil-Beilagen. Die einzigen Themen der Luxus- und Stil-Beilagen sind Luxus und Stil. In der Selbstdarstellung der Verlage tönt das so: Finest, die Luxus-Beilage der Sonntags­zeitung, “ist im Luxusbereich positioniert”. First, die Luxus-Beilage der Bilanz, “ist ein hedonistisches Lifestyle-Magazin”. Stil, die Luxus-Beilage der Weltwoche, “inspiriert zum Genuss des Schönen”. Z, die Luxus-Beilage der Neuen Zürcher Zeitung, beschreibt “die genussvollen Seiten des Lebens”. Luxe, die Luxus-Beilage der Finanz und Wirtschaft, wirkt “im Themenkreis Luxus und Lifestyle”. Luxus, die Luxus-Beilage des Tages-Anzeigers, “präsentiert luxuriöse Themen”.

Wir sind damit in einem Grenzbereich des Journalismus angekommen. Es ist der Bereich des Gefälligkeitsjournalismus. Der Gefälligkeitsjournalismus unterscheidet sich vom Normalfall durch seine spezielle Zielgruppe. Für einmal schreiben die Journalisten nicht für ihre Leser. Sie schreiben für ihre Inserenten. Sie wissen, dass sich kein Leser derart ­geballt für Luxus und Stil interessiert. Für Luxus und Stil interessieren sich derart geballt nur die Werbekunden aus der Luxus- und Stil-Industrie.

Wir sagen nicht, es handle sich beim Gefälligkeitsjournalismus um Korruption. Es ist nur eine Vorstufe davon.

Am schrecklichsten treibt es die NZZ

Erkennbar wird das jeweils an der Redaktionssitzung. An der Redaktionssitzung der ­Luxus- und Stil-Beilagen darf, anders als sonst, auch der Anzeigenleiter dabei sein. Der Anzeigenleiter sagt dann: “Ich habe mit dem Werbechef der Firma W gesprochen. Die würden eine Doppelseite schalten. Die schalten sie aber nur, wenn ihr darum herum eine schöne Story macht.” Die Journalisten in der Runde wissen nun, was zu tun ist. Der Anzeigenleiter fügt dann noch an, er habe auch mit den Werbechefs der Firmen X, Y, Z sowie A, B, und C gesprochen.

Damit unsere Leser kundig mitreden können, machen wir einen kurzen Ausflug in den Fachjargon. Diese journalistische Einbettung, diese unwesentlichen Artikel rund um die wesentlichen Anzeigen, nennt man in der Branche das “redaktionelle Umfeld”. Schöner Ausdruck, nicht wahr?

Am schrecklichsten in diesen redaktionellen Umfeldern treibt es die NZZ-Gruppe, oder am erfolgreichsten, je nach kultureller Sichtweise. Sie verlegt das wöchentliche Stil-Magazin Stil. Es liefert “Tipps und Trends zu Design, Genuss, Schönheit”. Dazu gibt es das Stil-Magazin Z. Es liefert “das ganze Spektrum der gepflegten Lebensart”. Soeben hat die NZZ eine dritte Publikation auf den Markt gebracht. Das Ding heißt Gentlemen’s Report. Es liefert “die Aspekte des kultivierten Lebensstils”.

Gentlemen’s Report. Was für ein Name. Was für ein Name, wenn man bedenkt, dass der Ausdruck “Report” für eine klassische Form von schwierigem, analytischem und manchmal lebensgefährlichem Journalismus steht. Weil diese Kolumne aber traditionellerweise völlig frei von Polemik ist, verzichten wir auf eine kritische Würdigung dieses neusten Geniestreichs im Luxus- und Stil-Schaffen.

Völlig ohne Polemik stellen wir darum zu Finest, First, Stil, Z, Luxe, Luxus, Gentlemen’s ­Report und all den anderen nur eine neutrale Frage: Interessiert das irgendwen, außer ein paar Verlegern, Redaktionsleitern und Marketingchefs?

Erstveröffentlichung: Weltwoche vom 28. März 2012

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  • Solange mit dem Geld, das durch die Anzeigen in Z und Gentlemen’s Report generiert wird, Reportagen und Artikel im Hauptblatt quersubventioniert werden (würden?), habe ich nichts gegen diese vor allem auch den Zeitungsausträgern sprichwörtlich zur Last fallenden Luxusprodukte. Nur habe ich an dieser Quersubventionierung so meine Zweifel….

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