Das stille Fräulein Riewerts

22. Februar 2005 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Die Welt

Inge Kloepfers Biographie der Friede Springer ist auch ein rasanter Wirtschaftskrimi
Als sie nach Axel Springers Tod sein Erbe übernahm, rumorte es nicht nur im Verlag: «Was war sie denn, was hatte sie denn gelernt?» Jahre später sollten Banker, Manager und Medienmogule vor ihr stramm stehen, würden Bundeskanzler um ihre Gunst buhlen. Aus dem «stillen Fräulein Riewerts» war eine der einflussreichsten Frauen Deutschlands geworden: Friede Springer.

Triumphe und Demütigungen haben im Leben von Friede Springer, geborene Riewerts, der fünften Ehefrau und Haupterbin Axel Springers, oft dicht beieinander gelegen. Ihre Geschichte hat sie nun zum ersten Mal einer Biographin erzählt. Und Inge Kloepfer, Wirtschaftsredakteurin der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung», hat aus dem Lebensroman von Friede Springer ein hoch spannendes Sachbuch gemacht. In diesen Tagen ist «Friede Springer – Die Biographie» bei Hoffmann & Campe erschienen (319 Seiten, 22 Euro).

Kindermädchen für Villenhaushalt gesucht: Über eine Anzeige in der «Welt am Sonntag» gelangt die 23 Jahre alte Friede Riewerts von der Insel Föhr 1965 in das Hamburger Haus Axel Springers. Und noch am Tag ihrer Bewerbung begegnet sie ihm – im Treppenhaus. Er «taxiert sie von oben bis unten», sie ist befangen und zugleich «merkwürdig berührt».

Liebe auf den ersten Blick? Von Seiten Friede Riewerts wohl eher Faszination; Bewunderung für den mächtigen und zugleich privat so charmanten Mann, der mit «Bild» und «Welt» und zahllosen weiteren Zeitungen und Zeitschriften aus eigener Kraft Europas grösstes Medienhaus aufgebaut hat. Springer dagegen, damals 53, ist gleich in sie verschossen.

Doch zunächst trennen sich ihre Wege: Springer lässt sich von seiner vierten Ehefrau scheiden, und das Kindermädchen, dessen Eltern auf Föhr eine Gärtnerei betreiben, heuert als Au-Pair in London an – wo sie kuriose Szenen des Liebeswerbens erlebt: Am einen Abend brüllt ihr neuer Arbeitgeber, ein cholerischer Lederwarenhändler aus Polen, sie im Schlafrock zusammen, am anderen Tag ist Axel Springer am Telefon und «erzählte ihr von seiner Reise zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, Lyndon B. Johnson».

Die beiden werden schliesslich ein Paar – ein ungleiches Paar. Während sie sich im Rückblick auf ihre Jugendzeit als «nicht gerade wortgewandt, alles andere als schlagfertig» beschreibt (Mutprobe in Kinderjahren: «Heute meldest du dich mindestens einmal im Rechnen!»), neigt «Monsieur», wie ihn der Butler nennt, zum Monologisieren.

Die frühen Fotos von Friede Riewerts, die das Buch, neben zahlreichen weiteren privaten Bildern enthält, zeigen eine bildhübsche junge Frau: schmal, mit blauen Augen und einem scheuen Lächeln, das an die junge Lady Diana erinnert.

Doch schon nach wenigen Jahren, in denen sie «Springers Leben lebte», hat sie «keinen Glanz und keine Aura mehr, hatte sich längst ihre auffällig dicken blonden Haare abgeschnitten und sich die freche Lücke zwischen ihren Schneidezähnen richten lassen». Ständig lebt sie «in der Angst, womöglich irgend etwas falsch zu machen, was seinen Unmut hätte erregen können».

Bis zum seinem Tod scheint sie in einer Art Kokon eingesponnen. Das Private dominiert: Reisen, das Schloss in Schleswig-Holstein, das Refugium auf der griechischen Insel Patmos. Die Politik bricht erst da mit Gewalt in ihr Leben ein, als Springer 1968 selbst zum Mittelpunkt heftiger Auseinandersetzungen wird. Den aufbegehrenden Studenten gilt der «Bild»-Erfinder als Hassobjekt, in den siebziger Jahren gerät er ins Visier der RAF.

Die unruhigen Zeiten, mitunter auch Todesangst, schmieden das Paar zusammen, bis sie zum Schluss auf nahezu symbiotische Weise miteinander verbunden scheinen: «Herr Springer, wie geht es Ihnen heute?» fragt ihn einmal ein Arzt in seinen letzten Tagen. «Friede, wie geht es mir?» fragt Springer daraufhin seine Frau. Das Verlagsgeschäft ist ihm längst zur Last geworden. Später einmal wird Friede Springer sagen, dass das «unbegrenzte Vertrauen, das er ihr schenkte», ihr grösstes Glück gewesen sei.

Dass sie zu Lebzeiten ihres Mannes vielleicht keine begnadete Rednerin, dafür aber eine um so bessere Zuhörerin war, wenn Springer über seine Unternehmungen sprach, wird ihr wichtigstes Startkapital für ihr neues Leben, das nach dem Tod Axel Springers im Jahr 1985 beginnt. Denn Springer hinterlässt seiner Haupterbin sein Haus nicht wohl bestellt. Bald gerät der Konzern ins Schlingern. Hinzu kommen Streitigkeiten unter den Erben.

Zunächst geht Friede Springer zwar mehr um der Ablenkung willen in das Berliner Büro ihres verstorbenen Mannes und sagt zu jedem Besucher, der sie an Springers Schreibtisch im 19. Stockwerk des Verlagshauses antrifft, sie sei hier «nur zu Gast». Doch schon bald ist es an der jungen Witwe, vor der, wie es heisst, damals «kaum einer von Springers Hofstaat wirklich Achtung» hatte, den Verlag zusammenzuhalten und gegen die immer aggressiveren Attacken des Münchener Medienunternehmers Leo Kirch zu verteidigen, der mit allen Mitteln nach der Aktienmehrheit an der Springer AG strebt.

Das jahrelange Ringen mit Leo Kirch, von Inge Kloepfer rasant geschildert, laugt Friede Springer aus. Doch zugleich wachsen ihre Entschlusskraft und ihr Selbstvertrauen in die eigenen unternehmerischen Entscheidungen. Am Ende des Buches ist aus dem stillen Fräulein Riewerts eine Konzernlenkerin geworden, der von der alten Schulfreundin aus Föhr bis hin zum Bundespräsidenten Respekt und Bewunderung gezollt wird.

Inge Kloepfer beschreibt das präzise, schnell und nüchtern. Immer wieder blinzeln Witz und Ironie zwischen den Zeilen hervor. Der Verlag verspricht einen «packenden Wirtschaftskrimi», und tatsächlich ist das Buch ungemein spannend – selbst in den frühen Kapiteln, in denen es noch lange nicht um die Schlacht zwischen Friede Springer und Leo Kirch geht, sondern erst einmal um das Duell zwischen dem schüchternen Kindermädchen und der opulenten Hulda Seidewinkel, die anfangs noch das Privatleben des Verlegers orchestriert.

An anderen Stellen gibt sich das Buch wiederum ähnlich schweigsam wie die Portraitierte. Was sie beispielsweise im tiefsten Inneren mit Axel Springer verband: Inge Kloepfer schildert Begebenheiten, zusammensetzen muss man das – auch widersprüchliche – Charakterpuzzle Friede Springers selbst.

Es spricht für die Aufrichtigkeit von Friede Springer, dass sie es zulässt, dass Licht wie Schatten auf ihre Person fallen – und auf die Axel Springers, der als äusserst liebenswürdig und zugleich hochgradig egozentrisch, als genialisch, engagiert und dann wieder kalt und unnahbar beschrieben wird. «Friedes Familie fehlte in der Kirche, sie war nicht eingeladen», heisst es lapidar über die kirchliche Trauung der beiden. Schon zur standesamtlichen Trauung war die Verwandtschaft der Braut ebenso wenig erwünscht wie Springers Sohn – während seine engsten Mitarbeiter zugegen waren.

Am Ende des Buches besitzt Friede Springer – nach zähem Kampf und unter erheblichem unternehmerischem Risiko – nicht nur die Mehrheit der Aktien der Axel Springer AG. Zugleich hat die heute 62jährige in dem früheren «Welt»-Chefredakteur Mathias Döpfner einen Vorstandsvorsitzenden gefunden, dem sie sich geistesverwandt fühlt, und der ihr uneingeschränktes Vertrauen geniesst. Und so endet die Geschichte vom «Kindermädchen, das zur Königin wurde», beinahe wie ein Märchen. Aber eben nur beinahe. Denn die Autorin nimmt es dem Leser nicht ab, sich ein eigenes Bild von Friede Springer zu machen.

Susanne Fengler, Jahrgang 1971, lebt in Berlin und Zürich. Zuletzt erschien ihr Roman «Fräulein Schröder» (Gustav Kiepenheuer) über ihre Arbeit als Texterin für die CDU im Wahlkampf 2002.

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