Der Geruch von frischem Blut

31. Juli 2008 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Weltwoche 31

Ein bisschen Nationalstolz darf sein. Beim Kampagnen-Journalismus sind wir Schweizer richtig gut.
Zuerst wollen wir der Sonntagszeitung gratulieren. Der Abschuss von Armeechef Roland Nef war eine blitzsaubere Sache. Nur zwölf Tage nachdem das Blatt seine Beziehungsprobleme publik gemacht hatte, war Nef aus dem Amt gefegt.

Allein hätte es die Sonntagszeitung nicht geschafft. Damit ihr Primeur zum Kreuzfeuer wurde, brauchte es die Mithilfe der Journalistenkollegen. Mit 800 Presseartikeln und Hunderten von TV- und Radioberichten bauten sie gegen Nef in kurzer Zeit eine aggressive Kampagne auf. Gratulation also an alle, es war eine der besten Leistungen des neueren Fertigmacher-Journalismus.

Entscheidend im Fall Nef war die enorm schnelle Rudelbildung. Sie ist bei kollektiven Kampagnen gegen Individuen so etwas wie ein Todesurteil. Es gibt nur ganz wenige Jagdopfer, die der Meute widerstanden. Bestes Beispiel war Bischof Wolfgang Haas.

Schnelle mediale Rudelbildung führt zu einem Stakkato der Anklage. Sie lässt den Gejagten keine Zeit für Flucht- und Ausweichmanöver. Unter Zeitdruck stolpern sie dann in Fallen wie überhastete Pressekonferenzen und Interviews.

Die Effizienz der Rudelbildung ist beeindruckend. Beispielhaft waren die Fälle von Botschafter Thomas Borer (Vorwurf: Ehebruch, Rudelführer: Blick) und Banker Thomas Matter (Vorwurf: Betrug, Rudelführer: NZZ am Sonntag). Ähnlich liefen die Kampagnen gegen Geheimdienstchef Peter Regli (Vorwurf: Geheimkontakte, Rudelführer: Sonntagsblick), gegen Bündens Regierungsrat Peter Aliesch (Vorwurf: Pelzmantelannahme, Rudelführer: Südostschweiz), gegen Postchef Jean-Noël Rey (Vorwurf: Abgangsentschädigung, Rudelführer: Blick) und gegen Zürichs Regierungsrätin Dorothée Fierz (Vorwurf: Indiskretion, Rudelführer: Tages-Anzeiger).

Nur kurz zur Erinnerung: Alle genannten Medienopfer wurden zum Rücktritt gezwungen. Alle wurden später voll rehabilitiert oder vor Gericht freigesprochen.

Die Schweizer Medien, das muss man ihnen lassen, haben einen guten Killerinstinkt. Besonders erfolgreich sind ihre Treibjagden, wenn sie die Schwächen der Gegenseite nutzen können.

Journalisten können Blut riechen. In den Fällen Borer und Rey wussten sie genau, dass deren Chefs, die Bundesräte Joseph Deiss und Moritz Leuenberger, die beiden nicht ausstehen konnten und darum opfern würden. In den Fällen Regli und Nef wussten sie genau, dass deren Chefs, die Bundesräte Adolf Ogi und Samuel Schmid, die eigene Haut retten und sich von beiden distanzieren würden. In den Fällen Aliesch und Fierz wussten sie genau, dass beide in der Regierung mitleidlose Widersacher hatten.

Wenn dieser Geruch von Blut nicht in der Luft liegt, dann findet die Rudelbildung nicht oder nur verzögert statt. Als etwa die Weltwoche die Zürcher Regierungsrätin Monika Stocker wiederholt wegen des Missbrauchs von Sozialhilfegeldern attackierte, sprangen kaum andere Medien auf. Stocker schien zu unangreifbar. Als ein Jahr später ihr politischer Rückhalt zu bröckeln begann, wurde sie sofort zum Freiwild der Medien. Stockers Rücktritt folgte umgehend.

Gegen gegnerische Geschlossenheit kann die beste Kommandoaktion scheitern. So verpufften zahllose Kampagnen gegen Fifa-Chef Sepp Blatter (Machtmissbrauch-Skandal), weil er immer die notwendige Protektion bekam. Schnell ging auch den Attacken gegen Zürichs Unispital-Direktorin Christiane Roth (Herzverpflanzungsskandal) und SRG-Chef Armin Walpen (Spesenskandal) die Luft aus. Ihre Vorgesetzten Verena Diener und Moritz Leuenberger stellten sich voll hinter ihre Mitarbeiter.

Zum Glück ist Samuel Schmid anders gestrickt. Seinen Armeechef gab er eilfertig zum Abschuss frei. Weidmannsdank.

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