Der Sturz eines Denkmals

6. Mai 2008 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Message 02/2008

Die Historikerin Renata Broggini hat ein Jahr im Leben von Indro Montanelli unter die Lupe genommen und unbequeme Details über einen der bekanntesten Journalisten Italiens aufgedeckt.

Der wahrlich große Journalist ist nicht objektiv. Viele der Anekdoten, die ich erzähle, sind von mir selbst oder anderen erfunden und zusammengetragen, weil sie es mir erlauben … ein wahrhaftiges Bild zu zeichnen.« Das Zitat stammt nicht etwa von Tom Kummer, dem Borderline-Journalisten und Meister gefälschter Interviews mit Hollywood-Stars, sondern von Indro Montanelli, Italiens überragendem Journalisten des 20. Jahrhunderts. Montanelli hatte einst beim Corriere della Sera gearbeitet, bevor er die heute sechstgrößte italienische Tageszeitung Il Giornale gründete.

Seine Einstellung zum objektiven Journalismus lässt erahnen, dass Montanelli auch über sich selbst Anekdoten verbreitet haben könnte, die näherer Prüfung nicht standhalten – ähnlich wie etwa bereits vor ihm Egon Erwin Kisch oder der große amerikanische Journalist Henry Louis Mencken.

Bis ins kleinste Detail recherchiert
Und dies ist genau der Punkt, an dem die Tessiner Forscherin und Historikerin Renata Broggini den Hebel ansetzt. »Auf Durchreise in der Schweiz – Das versteckte Jahr von Indro Montanelli« (»Passaggio in Svizzera – L’anno nas¬costo di Indro Montanelli«) ist eine bis ins kleinste Detail recherchierte historische Analyse von Montanellis Aufenthalt im nördlichen Nachbarland von August 1944 bis Mai 1945.

Es ist durchaus spannend, was Broggini zutage fördert. Ihr Bericht beginnt damit, dass Montanelli im Februar 1944 von den Faschisten in einer Villa am Ortasee westlich des Lago Maggiore festgenommen wird. Zu dieser Zeit versuchte der Journalist, zu einem Partisanen-Kommandanten Kontakt herzustellen. Das trägt ihm sechs Monate im Gefängnis von San Vittore ein, bis er Anfang August 1944 freigelassen wird.

Von hier aus flieht Montanelli ins Tessin, wo er ein Jahr verbringen wird – eben jene Zeit, die Broggini sehr sorgfältig und genau unter die Lupe nimmt, um vielerlei bisher unbekannte Details und unbeque¬me Wahrheiten aufzudecken. Sie stimmen mit den Geschichten so gar nicht überein, die Montanelli selbst gerne über den Schweizer Aufenthalt erzählte.

Im Widerspruch zur Autobiografie
Die Autorin weist etwa nach, dass Montanelli, der sich gerne als Anti-Faschist darstellte, in Wirklichkeit auch Kontakte zu Nazis und zu Faschisten pflegte und sich diese gefällig machte. Vieles, was die Historikerin aus Dokumenten, Briefsammlungen und Schriften von Montanelli im Schweizer Achiven in Bern und Bellinzona sowie im italienischen Staatsarchiv in Rom herausgefiltert hat, steht eindeutig im Widerspruch zu dem, was Montanelli in seiner Autobiografie über sich verbreitete.

So habe Montanelli auch die Legende in die Welt gesetzt, er sei wenige Tage nach seiner Haft und sei¬ner Ankunft im Gefängnis von Gallarate (dort verbrachte er drei Monate, bevor er nach San Vittore gebracht wurde) vor dem Militär-Gericht gelandet. Laut Montanelli wurde er »von einem Pflichtanwalt verteidigt, der nach einer Rede von zwei Minuten das Berufungsgericht um Begnadigung bat. Nach weniger als 15 Minuten Beratung kam das Gericht zurück in den Saal, und der Präsident verkündete das Todesurteil. […] Es war der 20. Februar 1944.«

(In: 2007, S. 83) Bildhaft beschreibet er weiter: »Und der Major Boheme rollte, ohne mich anzusehen, das Pergament aus und las vor: Todesurteil.« (ebd.) In späteren Erzählungen Montanellis heißt es dann sogar, dass das Todesurteil von Mussolini in Person unterschrieben wurde.

In Wirklichkeit – so Broggini – wurde Montanelli nie zum Tode verurteilt. Der Beweis dafür ist ein Telegramm vom 4. Mai des Polizisten Tullio Tamburini an das Mailändische Polizeipräsidium, aus dem hervorgeht, in Bezug auf Montanelli und seine Frau sei noch eine Ermittlung im Gang und keine Entscheidung getroffen worden.

Ein weiteres Beispiel: In der italienischen Presse hatte Montanelli berichtet, er sei Augenzeuge der Hinrichtung Benito Mussolinis und seiner Geliebten Clara Petacci Ende April 1945 in Mailand gewesen. Broggini zeigt anhand von Dokumenten, dass sich Montanelli zu dieser Zeit in Bern befand.

Montanelli der Lüge überführt
Für Broggini ist Montanelli damit der Lüge überführt: Aus ihrer Sicht hat er seine eigene Biografie geschönt und zurechtgebogen – wie viele andere freilich auch. Der Denkmalsturz, den Broggini im Sinn gehabt haben muss, hat in Italien heftige Kritik und Kontroversen ausgelöst. Diejenigen, die sich vor Montanelli stellen, fragen, warum das Buch erst jetzt, sieben Jahre nach dessen Tod erschien, und welches Motiv die Autorin gehabt haben könnte, zehn Jahre lang verbissen über ein einziges Jahr in Montanellis abwechslungsreichen Leben zu recherchieren.

Wer das Buch liest, spürt als Leser eindeutig eine feinsinnige, jedoch anhaltende Bitterkeit der Autorin gegenüber ihrem Untersuchungssubjekt. Die Darstellung ist einseitig, keine einzige Seite im Buch zeugt von der Größe Montanellis – andererseits hat bisher niemand begründete Zweifel an den zusammengetragenen Dokumenten geltend gemacht.

Vielleicht tun wir gut daran, Montanelli beim Wort zu nehmen. Das Eingangszitat zeugt nicht nur von ernstzunehmender Suche nach tieferen Wahrheiten, sondern auch von seinem legeren journalistischen Umgang mit Tatsachen in für ihn brenzligen Situationen. Fast scheint es so, als hätte er geahnt, dass irgendwer die Wahrheit irgendwann herausfinden würde – und als hätte er mit diesem Satz einem solchen Fiasko vorbeugen wollen.

Pars pro toto für italienischen Journalismus
Die Weise, in der er das getan hat, mag Außenstehende irritieren, die sich der angelsächsischen Tradition des seriösen, wahrheitsgetreuen Journalismus verpflichtet fühlen. In seinem sybillinischen Spruch dürfte sich indes für all jene, die mit seinem publizistischen Wirken vertraut sind, durchaus Montanellis komplexe und faszinierende Persönlichkeit widerspiegeln.

Streng genommen, zeugt das Zitat aber auch von einem Grunddilemma des italienischen Journalismus – denn Montanelli durfte darauf bauen, dass man ihm wohl augenzwinkernd konzedieren würde, dass es ein Mann seiner Statur mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen braucht.

Literatur:
Renata Broggini: Passaggio in Svizzera. L’anno nascosto di Indro Montanelli. Milano: Giangiacomo Feltrinelli Editore, 2007.

Indro Montanelli: Soltanto un giornalista. Milano: Rizzoli, 2002.

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