Die amerikanische Pressefreiheit als Opfer des Irak-Konflikts

9. Juli 2003 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Azione

Saddam Hussein ist nicht der einzige Besiegte im Befreiungskrieg um den Irak.
Nach drei Monaten wird der Krieg allmählich in einem anderen, weniger triumphalen Licht gesehen. Der Guerilla-Kampf geht weiter, die Iraker werden zusehends misstrausicher, Saddam ist nach wie vor auf freiem Fuss. Um die Aussichten, das Land zu stabilisieren, ist es immer schlechter bestellt: die britischen und amerikanischen Truppen werden mindestens vier bis fünf Jahre im Irak bleiben müssen. Betrachtet man den Konflikt von den USA aus, bleibt allerdings noch ein anderes wichtiges und symbolträchtiges Kriegsopfer auf dem Schlachtfeld. Überraschenderweise ist das die US-Presse.

Die Medien der Vereinigten Staaten gelten seit eh und je als freier und unabhängiger als sonstwo auf der Welt. Aber sie haben während der langen Periode, in der der Irak-Krieg für die Zeitungen Frontpage-News war – sei das vor dem Krieg, als in der UNO debattiert wurde, sei das während der Offensive, sei das hinterher – mit ihrer Arbeit alles andere als überzeugt.

Ziel der Presse in einem demokratischen Land ist es, Fakten und Ereignisse so zu berichten, wie sie sich zugetragen haben. Einziges Ziel der Recherche ist es, die Wahrheit herauszufinden. Und genau gegen dieses oberste Gebot wurde offensichtlich von der US-Presse immer wieder verstossen. Das Drama besteht darin, dass dies in gutem Glauben und nicht etwa böswillig geschehen ist. Ohne es zu wollen, wurden die Medien konditioniert und haben sie nur über Teilaspekte des Kriegs berichtet – über all jene, die dem Weissen Haus genehm waren.

Der Grund lässt sich leicht benennen: Patriotismus. Für uns Europäer ist das Klima, das sich nach dem 11. September in den USA entwickelt hat, nur schwer verständlich. Zu oft ist in unserer Geschichte Nationalismus die Ursache von Horror und Tragödien gewesen. Auf die Gefahr des Irrtums hin sind wir heutzutage geimpft: Auch wenn man sich in einigen Ländern – zum Beispiel in Frankreich, in England und in der Schweiz – weiterhin stark mit der eigenen Nation identifiziert und die Vaterlandsliebe nie ausgelöscht wurde, bleibt immer eine gesunde Skepsis im Spiel, die im öffentlichen Meinungsklima die nationalen Instinkte mässigt. In Amerika dagegen fehlt es an solcher «Mässigung». Nationalismus ist nicht «von oben» verordnet, er ist im Volk selbst verwurzelt und übergreift alle Ethnien – seien das nun Weisse, Schwarze oder Amerikaner hispanischer oder asiatischer Herkunft. Alle sind stolz darauf, Amerikaner zu sein. Diese ausserordentliche Geschlossenheit des Volks hat es möglich gemacht, auf so eindeutige Weise auf den 11. September zu reagieren. Das Volk hat sich, wie es fast immer in solchen Fällen geschieht, um seinen Führer George W. Bush geschart, der in den ersten Monaten nach dem Anschlag die neu entstandene Situation für sich zu nutzen verstand: Der Krieg in Afghanistan wurde von allen akzeptiert, in Amerika selbst ebenso wie ausserhalb der USA. Aber als er sich gegen den Irak richtete, ergab sich ein anderes Bild: Die Motive, mit denen das Weisse Haus in den Krieg ziehen wollte, reichten nicht hin, um diesen zu rechtfertigen – während für die USA selbst der Krieg vollkommen legitim erschien.

Wie war solch eine unterschiedliche Wahrnehmung und Bewertung überhaupt möglich? Genau an diesem Punkt spielen die beiden Faktoren Patriotismus und Massenmedien eine gewichtige Rolle – im Zusammenspiel mit einem dritten, der schwindenden demokratischen Opposition. Die amerikanischen Zeitungen sorgen sich sehr um ihre Glaubwürdigkeit. Um keine Risiken einzugehen, die mit abweichend-«störenden» Positionen einhergehen, ziehen sie es vor, dass ihre eigenen Ideen auch in der Welt der Politik vertreten sind. Normalerweise entsteht daraus kein Problem: In Amerika sind die Politiker experimentierfreudig und haben keine Angst davor, ihren eigenen Ideen Ausdruck zu verleihen. Aber nach dem 11. September hatte sich auch die Demokratische Partei hinter Bush zusammengeschart. Und als es im vergangenen Herbst darum ging, zum geplanten Irak-Krieg Position zu beziehen und man sich dafür hätte die nötige Zeit zum Nachdenken nehmen sollen, haben die Demokraten umgehend die republikanische Regierung ihrer Unterstützung versichert. Das Land ist zum Monolithen geworden. Und die wenigen Mutigen, die ihre Zweifel noch artikulierten, zum Beispiel Senator Graham – heute einer der Präsidentschaftskandidaten – wurden sofort mit der infamen Anklage, sie seien unpatriotisch, zum Schweigen gebracht.

Was konnten die amerikanischen Medien in dieser Situation tun? Sie hatten theoretisch zwei Optionen:
a) Sie konnten auf die herrschende Stimmung pfeifen und ihre eigene Arbeit gründlich erledigen oder
b) sich dem herrschenden geistigen Klima im Land fügen und sich selbst ebenfalls patriotisch gerieren.

Diese zweite Option hat das Geschehen dominiert, auch aus publizistisch-ökonomischen Motiven: Am Weissen Haus in dieser Situation Kritik zu üben, wäre im Blick auf Verkaufsauflagen kontraproduktiv gewesen. Das Resultat war, dass die amerikanischen Zeitungen in den letzten Monaten sehr dozil und zurückhaltend über den Irak-Krieg berichtet haben. Sie haben sich auch denjenigen angepasst, die sich noch patriotischer aufgeführt haben, insbesondere die TV-Sender. Und da wiederum gilt es den Effekt des Nachrichtenkanals Fox zu sehen, der – politisch rechts positioniert – bei seiner Berichterstattung zwei Techniken angewandt hat, die den Traditionen des angelsächsischen Journalismus zuwiderlaufen: die Dramatisierung a la Hollywood. Und der «überschäumende Begeisterung» der Kommentatoren, die die Kriegsnachrichten auf analysierten, als handle es sich um ein Eishockey-Match oder ein Fussballspiel in der Champions League. Die Tragödie ist, dass die Einschaltquoten für Fox nach oben gingen, was wiederum andere Sender, allen voran CNN zwang, sich den neuen Standards anzunähern: Heute berichtet auch CNN deutlich weniger unparteiisch und zugleich sehr viel mehr szenografisch in seinen Nachrichtensendungen. Die Presse hat dies alles zusätzlich abgesichert: Die Tonlage hat sich nicht geändert, aber eben die inhaltliche Substanz: Keinerlei Kritik.

Inzwischen beginnt eine Phase der kritischen Selbstinspektion: Zeitungen ringen sich zum Mea culpa durch, und vor allem Fachzeitschriften veröffentlichen heftige Anklagen. Tatsächlich ist die Liste der Irrtümer und Naivitäten lang. Ein paar Beispiele:

Vizepräsident Cheney und Sicherheitsberater Perle sind in flagranti ertappt worden: Der eine hat ein Unternehmen, dessen Aktionär er war, mit Irak-Verträgen für die Zeit nach dem Krieg begünstigt, der andere hat Gespräche mit amerikanischen Grossfirmen präsidiert, um zu erklären, wie sie finanziell vom Sturz des Saddam-Regimes profitieren könnten. Die Presse hat diesen Vorfällen Aufmerksamkeit geschenkt, wollte sich aber nicht die Hände schmutzig machen: ein paar Artikel, und damit war die Angelegenheit unglaublicherweise erledigt.

Die Massenvernichtungswaffen, die zur Hauptrechtfertigung der militärischen Intervention geworden waren, fanden sich nicht. Anfang Januar behauptete Präsident Bush in seiner jährlichen Rede an die Nation, dass Saddam Hussein kürzlich nennenswerte Mengen Uran in Afrika eingekauft habe. Die Nachricht sorgte für einigen Lärm. Aber einige Tage später, während der Verhandlungen bei den Vereinten Nationen, erwähnte Aussenminister Powell, als er das Belastungsmaterial gegen Saddam ausbreitete, das Thema bereits nicht mehr. Ein guter Journalist hätte nachgefragt, warum es zu dieser offensichtlichen Auslassung kam. Aber kein einziger Kommentator in den USA hatte diesen elementaren Spürsinn. Sind also alle amerikanischen Journalisten dumm? Nein, aber alle offenbar unfreiwillig kondizioniert, hypnotisiert von der Regierung, die sich ungestraft den Luxus erlauben konnte, sich selbst zu widersprechen. Zumindest im eigenen Land, denn die Weltpresse war weitaus weniger willig.

Episoden dieses Typs sind zahllos. Erwähnt sei nur noch eine, die besonders viel Aufmerksamkeit erzielt hat: Die Beifreiung von Jessica Lynch, der verwundeten US-Soldatin, die den Irakern widerstand – eine authentische Heldin. Alle erinnern sich an die spektakulären Bilder von der nächtlichen Blitzaktion der US-Marines, um die Soldatin aus dem von Saddams Truppen bewachten Hospital zu befreien. Und dann hat sich ein BBC-Journalist in das Krankenhaus begeben und Krankenschwestern und Ärzte befragt – und eine erschütternde Wahrheit herausgefunden: Lynch wurde nicht bei Kampfhandlungen, sondern bei einem Autounfall verletzt. Sie war immer in einem Hospital untergebracht, das von wenigen Polizisten besetzt war. Diese waren schon eine Weile fort, als die US-Blitzaktion erfolgte, das Krankenhaus war unbewacht. Die ganze Aktion war nur eine Inszenierung, um dem amerikanischen Volk und der Welt Tüchtigkeit und Tapferkeit der US-Soldaten vorzuführen – ihre Entschlossenheit, ihr Leben für die Befreiung von Jessica zu opfern. Ein Lügenmachwerk mit Hollywood-Effekten. Und siehe da, eineinhalb Monate lang hat keine US-Zeitung das Thema aufgegriffen – das Schweigen wurde erst Mitte Juni von der Washington Post gebrochen.

Seit einigen Tagen beginnt nun die US-Presse, ihre Autonomie und ihren verlorenen Mut zurückzugewinnen: Immer mehr Artikel erscheinen, die die Lügen des Weissen Hauses zur Rechtfertigung des Krieges denunzieren. Ein gutes Zeichen. Es bleibt trotzdem der Eindruck haften, dass auch in Normalzeiten die Mechanismen, die den Informationsfluss in den USA regeln, nicht mehr angemessen sind. Für diejenigen an der Macht ist es zu leicht geworden, auf die öffentliche Meinung Einfluss zu nehmen. Ein ungewohnter und unerfreulicher Eindruck von der Führungsmacht der freien Welt.

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