Die blaue Mauritius

27. Mai 2013 • Ressorts • von

Zeitungssammeln ist wie Briefmarkensammeln. Es ist ein Vergnügen für reiche Rechte. Der letzte Einkauf lief in Oklahoma. Warren Buffett, der drittreichste Mann der Welt, kaufte sich die Tulsa World. Das Blatt hat eine Auflage von 93 000 Exemplaren.

Es war die 28ste Zeitung, die Großinvestor Buffett, der Hauptaktionär von Berkshire Hathaway, innerhalb von fünfzehn Monaten übernahm. Eine Zeitung zu kaufen, ist derzeit ähnlich unkompliziert wie der Erwerb eines Occasionswagens. An jeder Ecke werden einem die Dinger nachgeworfen. Als letzte Angebote kamen eben die Los Angeles Times und die Chicago Tribune auf den Markt.

Als favorisierte Käufer für die beiden Blätter werden die Gebrüder Charles und David Koch genannt, die ihr Geld im Energie- und Chemiegeschäft gemacht haben. Sie sind noch eine Spur finanzstärker als Warren Buffett. Auf der Forbes-Liste der reichsten Erdbewohner liegen sie zusammengezählt auf Rang zwei.

Es ist derzeit chic in der gehobenen Milliardärskaste dieses Planeten, sich die eine oder andere Zeitung zu gönnen. Auch der Reichste hienieden, der mexikanische Telekom-Tycoon Carlos Slim, hat sich bei der New York Times eingekauft. Ohne ihn wäre die Traditionszeitung womöglich den Bach runtergegangen. Der vermögendste Europäer, der Luxus-Unternehmer Bernard Arnault, leistet sich mit Les Echos ebenfalls ein eigenes Blatt.

Das Ganze hat etwas Trendig-Morbides. Es ist ein bisschen wie Briefmarkensammeln. Die blaue Mauritius oder die gelbe Treskilling haben zwar keinen echten Geld- oder Nutzwert. Aber sie sind, wie Zeitungen, über 150 Jahre alt und hübsch anzuschauen. Man wird bewundert, wenn man sie hat. Helvetische Gutverdiener wie Tito Tettamanti und Christoph Blocher haben sich bei der Basler Zeitung ebenfalls unter die Sammler eingereiht.

Zeitungen bieten für Männer zudem eine spezielle Form von Sinnlichkeit. Das hat olfaktorische Gründe. Nichts riecht für eine männliche Nase besser als der Duft von Druckerschwärze. Frauen hingegen bevorzugen eher den Geruch von Diamanten.

Die Sinnlichkeit besteht auch darin, dass Zeitungen eine neue Dimension erschließen. Die Männer auf den Reichsten-Listen leben ja meist in ihrem geschlossenen Kreis. Der einzige Kontakt zum gemeinen Volk ist die jährliche Aktionärsversammlung.

Eine Zeitung nun bietet das Erlebnis der öffentlichen Kommunikation im Tagesrhythmus. Das ist faszinierend. Manche der neuen Zeitungsbesitzer erliegen darum der Versuchung, ihre politische Botschaft in die Welt hinauszusenden. Für diese Botschaft decken sie gerne ein Defizit.

Natürlich ist das harmlos. Meinungsfreiheit ist in unserer Gesellschaft kein Problem. Es ist kein Problem, wenn ein Zeitungsbesitzer im eigenen Blatt von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch macht.

Doch damit sind wir beim Problem. Zeitungen kosten Geld. Geld haben erfolgreiche Leute. Erfolgreiche Leute stehen rechts. Wenig oder kein Geld haben hingegen die Linken. Dennoch wollen sie im Journalismus mitreden.

Bei der Los Angeles Times und der Chicago Tribune, beides liberale Blätter, erleben wir darum dasselbe Theater, das wir schon dutzendfach erlebt haben. Die potenziellen Käufer, die Brüder Koch, stehen der Tea Party nahe. Von Gewerkschaftern und linken Aktivisten hagelt es darum heftige Proteste.

Man kann das schon verstehen. Große Monopolzeitungen gehören zwar formell einem Besitzer, informell aber gehören sie auch der Öffentlichkeit. Kluge Käufer wissen das.

Am klügsten hat sich bisher Warren Buffett verhalten. Bei keinem seiner 28 Blätter hat er je politischen Druck gemacht. Zu seiner Schulzeit arbeitete er als Zeitungsjunge. Er kennt seit je den Geruch von Druckerschwärze.

Erstveröffentlichung: Die Weltwoche vom 22. Mai

Bildquelle: S. Hofschlaeger  / pixelio.de

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