Die Okkupation der Information

22. August 2008 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: St. Galler Tagblatt

Rund um den Kaukasus ist auch ein Krieg um die Information geführt worden.

Der Kaukasus-Krieg weist nicht nur politisch auf eine Zeitenwende hin, sondern auch medial. Und auf mediale Defizite.

Als in Ossetien die ersten Schüsse fielen, gingen die Websites etlicher georgischer Behörden sowie die des Präsidenten Mikhail Saakaschwili zu Boden. Wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, ist bislang nur Vermutung.

Die Server kapitulieren
Sicher ist: Ein Bombardement aus Abertausenden von Anfragen zwang die Server in die Knie, die Websites waren dadurch nicht mehr zugänglich, Präsident und Behörden abgeschnitten von der Plattform, von der sie ihre Stellungnahmen zu den Ereignissen im Kaukasus hätten bequem abfeuern können.

Das georgische Aussenministerium konterte den digitalen Angriff mit einem Blog auf einer Google-Plattform und plazierte dort seine Verlautbarungen. Polens Präsident Lech Kaczynski bot seine Website als Gefechtsplatz an, die aus Georgien stammende Chefin des Hosters Tulip Systems in Atlanta (USA), Nino Doijaschwili, ihren Server. Saakaschwili könne seine Website dorthin verlegen; da sei auch Platz für die eines georgischen Fernsehsenders, rustavi2.com.

Virtuelles Schlachtfeld
Vieles liegt im Nebel. Tbilissi beschuldigt Moskau, für die Online-Angriffe verantwortlich zu sein. Es könnte aber auch das Werk patriotischer Hacker sein, zumal die russische Zeitung «Russia Today» behauptet, sie sei ebenso attackiert worden.

Klar ist: Künftig muss auch mit digitalen Waffen gerechnet werden – in Konflikten zwischen Nationen ebenso wie bei Attacken von Terroristen und Extremisten. Klar ist auch: Medien müssen ebenso gefasst sein, dass ihre Plattformen ganz rasch ebenso Angriffsziele sein können…

Im Kaukasus-Konflikt zeigte ferner die Schlagkraft der Spindoktoren, die Informationen den Dreh geben, den der Kunde wünscht. Der «Guardian» verglich die Kontrahenten. Saakaschwili gab internationale Medienkonferenzen, schrieb noch während der Kriegshandlungen für das «Wall Street Journal» und ist Kunde der PR Firma Aspect Consulting mit Sitz in Brüssel, London und Paris. Dort lassen sich auch Exxon Mobil und Kellogg’s die Kampagnen massschneidern. Während im Kaukasus die Waffen sprachen, flatterten Pressemitteilungen auf die Redaktionsschreibtische in der westlichen Welt, in denen Reizworte standen: Zivilopfer, ethnische Säuberung, Atom…

Wenn Panzer randalieren
Auch die Russen beauftragen PR-Profis im Westen, doch sie mögen das Instrument der Pressemitteilung nicht, mutmasst der «Guardian»; auch das begünstigte Georgiens Sieg im «Krieg der Informationen». Die britische Presse habe zwar nicht alles kritiklos übernommen, aber gefärbt berichtet. Die «Sunday Times» liess russische Panzer in Georgien «randalieren», die georgischen hingegen «bewegten» sich nur. Immerhin, versöhnt der «Guardian», mit der Zeit wurde die Berichterstattung ausgeglichener.

Ein Pulverfass
Die hohen Trefferquoten der Geschosse der Spindoktoren spiegeln Defizite der Medien: Den Mangel an Einblick, an Kenntnis und an Ressourcen. Medien in aller Welt konzentrierten sich auf China und die olympischen Spiele, als die Georgier in den frühen Morgenstunden des 8. August in Südossetien einmarschierten.

Die Angreifer profitierten von der Gunst der Stunde und von der Schwäche der Medien. Die BBC unterschätzte den Nachrichtenwert des heraufziehenden Kriegs und berichtete in den Abendnachrichten am Freitag um 18 Uhr über die Eröffnungszeremonie in Peking. Ähnlich verhielt sich am Samstag ein Grossteil der britischen Zeitungen.

Die Russen klagten, amerikanische und britische Medien zeigten nur russische Panzer, aber nicht die Opfer der Georgier in Ossetien. Stimmt, bestätigt der «Guardian». Das habe daran gelegen, dass anfangs kaum noch Journalisten dort vor Ort waren; denn viele Medien hatten zusätzlich Personal nach China abgezogen; und selbst Reporter, zu deren Spezialgebieten Russland und Zentraleuropa gehören, mussten sich erst kundig machen über Ossetien und die georgischen Regionen.

Frühwarnung unmöglich

Eine fatale Analyse. Und ein Alarmsignal, auch wenn sich die Schweizer Qualitätsmedien in den ersten Tagen des Konflikts achtbarer schlugen. Auch in der Schweiz gilt: Die Ausdünnung der Korrespondentennetze nimmt bedenkliche Ausmasse an, die Korrespondenten sind für immer grössere Gebiete zuständig und können immer schlechter den Überblick behalten; eine Kernfunktion der Medien, die Frühwarnung, wird unmöglich…

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