Die Perspektive der Frösche

4. Mai 2011 • Ressorts • von

Wir erleben Weltgeschichte. Aber warum schreibt die Presse die Weltgeschichte so klein?

Erst als Baschar al-Assad schießen ließ, dämmerte es auch den Letzten. „Nun führt auch Syriens Präsident Assad Krieg gegen sein Volk“, titelte der Tages-Anzeiger auf Seite eins. „Syriens und Libyens Machthaber setzen Terror gegen Zivilisten fort“, las man auf der Frontpage des St. Galler Tagblatts. „Schüsse auf Protestierende“ war der Aufmacher der Basler Zeitung.

Auf einmal stand Weltgeschichte auf den Titelseiten unserer Blätter.

Weltgeschichte erleben wir in Nahost derzeit jeden Tag. Seit dem Kollaps des kommunistischen Ostblocks gab es keine Zeitenwende, welche die Welt derart veränderte.

Es ist darum eine nette Frage, wie sich unsere Medien in einer historischen Phase verhalten. Wenn wir dazu die Zeitungen durchblättern und ihre jeweilige Gewichtung auf Seite eins betrachten, kommen wir leider zu einem eher deprimierenden Befund. Die Schweizer Medien demonstrieren derzeit eine eher peinliche Provinzialität.

Auch inmitten geopolitischer Umwälzungen halten sie oft an ihrem Tunnelblick fest. „Schweizer Verwaltungsräte verdienen ein Drittel mehr als vor der Krise“, ist für den Tages-Anzeiger trotz Syrien und Libyen dann die wichtigste Information unserer Epoche. „Schweizer Armee schließt die Army-Liq-Shops auf Ende Jah“, verkündet das St. Galler Tagblatt auf der Frontpage als bedeutsamste Meldung des Tages. „Museumsfusion vom Tisch“ ist für die Basler Zeitung das zentrale Thema.

Es ist die Perspektive, die den Fröschen eigen ist. Während große Weltgeschichte geschrieben wird, stürzen sie sich auf die kleinen Banalitäten des Alltags.

Zur Erklärung dieser kollektiven Kleinkariertheit müssen wir etwas zurückgehen. Bis in die siebziger Jahre war der Lauf der Zeit auch der Lauf der Zeitung. Ob Suezkrise, Ungarnaufstand, Algerienkrieg, Kubakrise, Vietnam und Prager Frühling – immer war die große Politik auch das Großereignis im Blatt. Über die Priorität internationaler Relevanz gab es auf Redaktionen keine Diskussion.

Dann, in den achtziger Jahren, erfanden schlaue Chefredaktoren ein neues Wort. Das Wort hieß Lesernähe. Es meinte, dass die internationale Bühne den Leser weniger interessiere als sein spießiges Puppentheater zu Hause. Attraktiver und emotioneller als Kubakrise, Vietnam und Prager Frühling, so wusste man nun, seien die Erhöhung der Hundesteuer, die Honorare von Verwaltungsräten und gescheiterte Lokalprojekte.

Diese neue Philosophie einer Priorisierung des Provinziellen setzte sich schnell durch. “Und was geht das den normalen Leser an?” wurde an Redaktionssitzungen zur Standardfrage bei der Themenselektion. Die klassischen Zeitungen näherten sich damit dem Boulevard-Stil an, wonach Resonanz wichtiger sei als Relevanz. Die heutige Frage darum: Was gehen den normalen Leser schließlich Saleh, al-Assad und Gaddafi an?

Erstaunlich an dieser Haltung ist, dass sie den demografischen Wandel ignoriert. Bis vor zwanzig Jahren las tatsächlich Zeitung, was man als normalen Leser bezeichnen konnte. Heute liest Zeitung fast nur noch das Bildungsbürgertum.

Damit verändert sich das Themenspektrum. Es wird elitärer. Das Bildungsbürgertum interessiert sich für internationale Politik und erregt sich nicht über Hundesteuern und Verwaltungsratshonorare. Das einzige Blatt, das sich immer an diese Einsicht hielt, war die Neue Zürcher Zeitung. Sie schrieb immer für die Elite. Auch diesmal stand das Thema Nahost zuoberst auf ihrer Liste.

Früher war die NZZ der Exot im Gewerbe. Wenn die Entwicklung der Presse in die eingeschlagene Richtung weitergeht, dann werden auch die andern sehr schnell kleine NZZ werden.

Erstveröffentlichung: Weltwoche Nr. 17/2011

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