Die schleichende Entmündigung

3. November 2008 • Ressorts • von

Message 4 / 2008

Frankreichs Zeitungen bauen schleichend ihren Politikjournalismus ab. In Italien ändert sich wenig – der Journalismus bleibt eng mit der Politik verwoben. Ein Bericht über zwei aufwändige Studien.

Der politische Journalismus in Frankreich verliert an Bedeutung. Der Platz, der einst in den Medien für Nachrichten und Meinungsbeiträge zur Verfügung stand, ist geschrumpft – zumal bei der führenden Tageszeitung Le Monde.

Ganz anders in Italien: Dort spielt die Politik, wie eh und je seit dem Zweiten Weltkrieg, in den großen Tageszeitungen die Hauptrolle. In epischer Breite werden Hintergründe ausgeleuchtet, es wird leiden¬schaftlich und vollmundig kommentiert – während man nach wie vor mit der politischen Macht aufs Ungesundeste vermählt ist.

Dies jedenfalls ist das Ergebnis zweier Studien, die kürzlich in der italienischen Fachzeitschrift Comunicazione Politica veröffentlicht wurden. Die erste stammt von Eugénie Saitta, einer Politologin an der Universität von Rennes in Frankreich. Sie spürt der »Krise des politischen Journalismus« nach, indem sie die Entwicklungen in beiden Ländern über 20 Jahre hinweg vergleicht.

Ihre Forschungsarbeit ist deshalb wichtig, weil sie eine viel beachtete These der Medienwissenschaftler Daniel Hallin und Paolo Mancini aus dem Jahr 2004 in Frage stellt: Die beiden behaupteten, weltweit würden die Medien immer ähnlicher und steuerten auf eine einheitliche globalisierte Journalismuskultur zu; die professionellen Normen glichen sich einander ebenso an wie die Beziehungsgefüge zwischen politischen und medialen Institutionen.

Während Hallin und Mancini somit auf Gemeinsamkeiten setzen (vor allem in den Ländern des Mittelmeerraums), schält Saitta die Unterschiede zwischen dem französischen und dem italienischen Journalismus heraus. Sie erkennt allerdings auch an, dass es eine Reihe von Gemeinsamkeiten gibt: dass die Presse elitär und wenig auflagenstark sei, dass sie aufgrund der damit einhergehenden Ertragsschwäche oftmals mit öffentlichen Geldern subventioniert werde, dass der Journalismus meinungsorientiert sei und oftmals von Regierung, Parteien und der Wirtschaft instrumentalisiert würde.

Frankreich: Politikteil schrumpft

Doch die gefundenen Unterschiede sind beachtlich. In Frankreich, so Saitta, sei eine Entwertung des Politikressorts auf drei Ebenen zu beobachten:

■ Politik verliere ihren Nachrichtenwert, was sich vor allem in der Reduktion des redaktionellen Raums äußere, den Tageszeitungen der Politik widmeten. Bei Le Monde, Le Figaro und Libération habe sich der Umfang der Politikteils innerhalb von 20 Jahren von durchschnittlich knapp 9 Prozent auf 7,7 Prozent reduziert; bei Le Monde sei der Rückgang von 10 auf 8 Prozent noch stärker ausgeprägt.

■ Die Politikredaktionen hätten ihre Unabhängigkeit verloren. Die Nachrichtengebung sei zunehmend einem Prozess der Zentralisierung von Entscheidungen in den Chefredaktionen unterworfen, die Nachrichtenauswahl erfolge »von oben nach unten«.

■ Die politischen Journalisten seien ihrer Zuständigkeit für die Kommentierung beraubt worden. Die Analyse der politischen Entwicklungen, auf der einstmals ihre professionelle Autorität gründete, sei an externe Autoren und Kolumnisten ausgelagert worden.

Die empirische Basis, auf welche sich die inhalts¬analytischen Daten beziehen, ist allerdings schmal. Die genannten Blätter wurden von Saitta jeweils über einen Monat hinweg in den Jahren 1981 und 2002 untersucht – die Daten sind also obendrein veral¬tet. Wichtiger sind deshalb wohl die beiden zuletzt genannten Gesichtspunkte.

Italien: Alles beim Alten

Kontrastierend dazu bleibt in Italien, so hebt die Forscherin hervor, die Politik und damit auch die Politisierung der Redaktionen stark:

■ Die Politik habe nicht, wie in Frankreich, ihren Nachrichtenwert eingebüßt.

■ Die Machthaber in der Politik unterliefen nach Kräften die Presse- und Meinungsfreiheit und suchten die Medien zu instrumentalisieren.

■ Die politischen Journalisten hätten nichts von ihrer Zuständigkeit eingebüßt, auch wenn sich italie¬nische Zeitungen ebenfalls vieler qualifizierter exter¬ner Mitarbeiter bedienten, sofern sich diese auf der redaktionellen Linie des Blatts bewegten. Diese wür¬den von den Redakteuren als Kollegen betrachtet.

Die aktuelle Entwicklung in Italien bestätigt Saittas Einschätzung von der starken politischen Einfluss-nahme: Die Seifenoper um die »Rettung des vierten Kanals« (»Salva Retequattro«) wird derzeit weiter gespielt, und im Parlament nutzt die Regierungspartei des Ministerpräsidenten Berlusconi wieder einmal all ihre Mittel, um dem Medienmagnaten Berlusconi die Frequenz für Retequattro und damit seine drei TV-Kanäle zu erhalten – entgegen einem noch bestehenden Beschluss der Vorgängerregierung Prodi, wonach bis 2012 der dritte Rai-Kanal und Rete 4 bis 2012 zu digitalisieren sind.

Auch die geplante Reform der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt RAI, die eine von der Politik losgelöste Unternehmensführung vorsah, wird voraussichtlich an der alten Logik des Parteienproporzes scheitern. Das noch von der alten Berlusconi-Regierung verabschiedete Gasparri-Gesetz, das Interessenkonflikte ganz im Sinne des Ministerpräsidenten und Medienmagnaten regelt, wird stattdessen in Kraft bleiben.

Rollenverständnis verschiebt sich

Zu den Verdiensten von Saittas Studie zählt, dass sie auch dem Rollenverständnis des politischen Journalisten in Frankreich und Italien nachspürt.

In Frankreich, so arbeitet sie heraus, sei die Aufgabe des Kommentierens und Analysierens von Politik-Redakteuren Teil einer »Rhetorik kritischer Expertise« (»rhétorique de l’expertise critique«, Padioleau 1985, s. Literaturliste) gewesen. In den 70er und 80er Jahren sei die Autorität des politischen Journalisten auf sei¬ner Kompetenz als Spezialist gegründet gewesen, und zumal bei Le Monde habe dies hohes Sozialprestige und professionelle Anerkennung für die Kaste der politischen Redakteure mit sich gebracht.

Heute werde diese »kritische Kompetenz« jedoch immer mehr von Nicht-Journalisten ausgeübt – dies deute auf einen entsprechenden Mangel an Expertenwissen bei den Journalisten hin. Das Kommentieren, zumal das Partei-Ergreifen, sei aus den Redaktionen ausgelagert worden. Die Journalisten selbst würden zu Generalisten ausgebildet, die Berichterstattung würde beliebig, die Verjüngung der Redaktionen habe – zumal bei Le Monde – dazu geführt, dass der klassische Politikexperte, der auch über ein politisches Gedächtnis verfügt, verschwunden sei.

Auch die Qualitätskriterien für einen »guten Journalisten« hätten sich in Frankreich gewandelt: Statt der Nähe zur Politik und langjähriger Erfahrung zählten eine Ausbildung an einer Journalistenschule und eine Diversifizierung journalistischer Kenntnisse. Die »neuen Journalisten« seien Spezialisten der Flexibilität, nicht mehr spezialisierte, kritische Experten.

In Italien – und dabei bezieht sich Saitta im Wesentlichen auf den Corriere della Sera – seien Autonomie und Kompetenz der Journalisten dagegen stark statusabhängig. Einfache Redakteure verrichteten ihre Arbeit nach Anweisung in einer stark zentralisierten Redaktion und seien im Grunde auch dort für alles zuständig – sie müssten schon deshalb sehr flexibel sein, weil die politische Redaktion klein sei. Dagegen hätten die altgedienten Politikjournalisten nicht nur hohen Status, sondern auch viel Erfahrung, weil sie meist zwischen 10 und 20 Jahren im Geschäft seien. Anders als bei Le Monde sei diese ältere Generation von politischen Redakteuren präsent geblieben.

Wahlberichte offenbaren Abhängigkeiten

Eine gute Ergänzung zu diesen Befunden bietet die zweite eingangs erwähnte Studie, die sich ausschließlich Italien widmet. Die Forschungsarbeit des Doktoranden Giovanni Zavaritt von der Universität Lugano untersucht die Berichterstattung der italienischen Qualitätspresse im vorletzten Wahlkampf, genauer gesamt in den letzten 52 Tage vor der Parlamentswahl 2006. Es geht um das Duell der beiden Spitzenkandidaten Silvio Berlusconi und Romano Prodi.

Zavaritt zeigt am Beispiel des Corriere della Sera und des führenden Wirtschaftsblatts Il Sole 24 Ore, wie stark der italienische Journalismus ins politische Machtgefüge eingebunden ist und Gefangener des symbiotischen »collateralismo« bleibt. Einerseits seien in der Wahlkampf-Berichterstattung »Dynamiken der Sensationalisierung« erkennbar, so Zavaritt, andererseits sei die Möglichkeit, selbst auf die politische Agenda Einfluss zu nehmen, angesichts der Abhängigkeit des Journalismus von der Politik blockiert.

Corriere della Sera: Das Prodi-Blatt

Für den Corriere della Sera sind die Untersuchungs-ergebnisse eindeutig: Das Blatt hat sich im Wahlkampf klar auf die Seite von Prodi geschlagen – und zwar nicht nur, weil sich Chefredakteur Paolo Mieli in einem »Endorsement« vom 28.3. 2006 offen zur linken Mitte bekannt hat. Nur 10 Prozent aller Beiträge im redaktionellen Teil des Blatts über Berlusconi hatten einen positiven Unterton, während 26 Prozent der Aussagen klar negativ waren. Beim Herausforderer Prodi dreht sich das Verhältnis nahezu um: 14 Prozent Negativ-Aussagen stehen 26 Prozent der Beiträge mit positivem Tenor gegenüber.

Die Zahlen widersprechen den Erklärungen der Chefredaktion, dass deren Vorgaben nicht »die Meinungsfreiheit der eigenen Journalisten« eingeschränkt und die »Tradition und Verpflichtung, die Nachrichten möglichst unparteiisch und objektiv zu präsentieren und zu fundieren«, unterminiert habe.


Il Sole 24 Ore: Keine eigene Themensetzung

Aber auch bei Il Sole 24 Ore vermag Zavaritt nicht die nötige Autonomie auszumachen, die er sich für ein »gesundes Informationswesen« wünscht. Das Blatt gehört dem Unternehmerverband und genießt dennoch Ansehen, weil es weniger parteilich als die anderen italienischen Zeitungen berichtet. Diesem Ruf ist es auch im Wahlkampf 2006 durch eine deutlich ausgewogenere Berichterstattung als der Corriere della Sera gerecht geworden.

Was Zavaritt jedoch auch hier vermisst, ist eine redaktionelle Unabhängigkeit, die selbst Themen setzt und damit nicht nur auf den Kommunikationsfluss reagiert, wie er von offizieller Seite und von den Wahlkampfstrategen vorgegeben wird. Die beiden politischen Spitzenkandidaten hätten gänzlich verschiedene Kommunikationsstrategien gewählt, mit diesen auch ganz unterschiedliche Effekte beim Wähler erzielt – aber beide haben, wenn man die Ergebnisse der Inhaltsanalyse betrachtet, von ihrer jeweiligen Seite her die Prozesse der Nachrichtenproduktion klar bestimmt. »Wenn man die strategischen Manöver der Kandidaten und die Berichterstattung der Tageszeitungen zueinander in Beziehung setzt«, so fasst Zavaritt zusammen, »ergibt sich ein Bild, das die Politiker als Dirigenten und die Journalisten im Orchester zeigt.«

Die Möglichkeiten des italienischen Journalismus, zum Agenda-Setting aktiv beizusteuern, seien begrenzt. Der italienische Politikjournalismus bleibe »strukturell fragil« – dem politischen System untergeordnet, das seinen Einfluss weit über die Grabenkriege bei der öffentlich-rechtlichen RAI und auch über die Interessenkonflikte innerhalb von Berlusconis Mediaset hinaus geltend mache. Dem Überfluss an Kampagnen- und PR-Botschaften hätten die Redaktionen keine eigenständigen Recherchen entgegen-zustellen, sondern nur allzu einseitige Parteilichkeit im Fall des Corriere della Sera und vordergründige Ausgewogenheit ohne eigenes publizistisches Profil bei Il Sole 24 Ore.

Und was ist bei der Wahlkampagne in diesem Jahr anders gelaufen? Auf den ersten Blick eine ganze Menge: Die Töne der Auseinandersetzung waren weniger schrill, die Parteien und die Medien haben sich mehr auf Programme konzentriert, das politische Hickhack ist in den Hintergrund gerückt – so sehr, dass die Medien schon über ein heimliches Einvernehmen zwischen den beiden Spitzenkandidaten Berlusconi und Walter Veltroni zu spekulieren begannen.

Am symbiotischen Verhältnis zwischen Politik und Journalismus hat sich indes in Italien auch diesmal nichts geändert: ein circulus vitiosus in der Endlosschleife.


Literaturhinweise

Hallin, Daniel. & Mancini, Paolo (2004), Comparing Media Systems: Three Models of Media and Politics. Cambridge: Cambridge University Press.

Padioleau, Jean G. (1985). Le Monde et Le Washington Post. Précepteurs et mousquetaires. Paris: Puf.

Saitta, Eugénie (2007): Una crisi del giornalismo politico? Un paragone fra l’Italia e la Francia dagli anni ’80, Comunicazione Politica vol. VIII, n. 2 Autunno 2007, Franco Angeli Editore, Roma, pp.187-209.

Zavaritt Giovanni (2008): Il Giornalismo Fragile. In: Comunicazione Politica, Vol. IX, Nr.1, Primavera 2008, Franco Angeli Editore, Roma, pp. 61-73.

Dichiarazione di indipendenza del Corriere (2003) http://www.corriere.it/speciali/cdr/dichiaraITA.shtml

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