Ein putziges Relikt

29. November 2010 • Ressorts • von

Die «Vauvau» lebt. Die Vollversammlung der revolutionären Medienarbeiter kämpft weiter für uns.

Bevor es zur externen Volksabstimmung kommt, kam es zur internen Abstimmung in der Redaktion. Das Resultat war links, wie erwartet. Die Redaktion des Tages-Anzeigers, so teilte sie nun ihren Lesern bedeutungsschwer mit, «empfiehlt mehrheitlich die Annahme der SP-Steuerinitiative».

Putzig daran ist zweierlei. Zum einen bewies der Tages-Anzeiger einmal mehr, dass ausgerechnet eine Zeitung aus der Schweiz zu den linksten Blättern Europas gehört. Nur die Libération aus Paris hält noch einigermaßen mit.

Noch putziger ist, wie sich das Ritual der Basisdemokratie nur auf dieser Redaktion gehalten hat. Es ist ein Relikt der 68er, die inzwischen Alt-68er geworden sind. Nicht der Verleger, der Verwaltungsrat oder der Chefredaktor bestimmen den Kurs der Zeitung, sondern die Vollversammlung der Journalisten: «One man, one vote.»

Das Ritual der Abstimmungsempfehlung zeigt schön auf, welches Verständnis von Presse sich hier gehalten hat. Denn wer gibt vor einem Urnengang eine Stimmempfehlung ab? Das tun nur Interessengruppen, also die Parteien, der Arbeitgeberverband, die Gewerkschaften und die Umwelt-, Konsumenten- und Bauernlobbys. Sie fassen ihre Meinung an ihrem Verbandstag. Neutrale Organisationen hingegen geben nie eine Stimmempfehlung ab.

Eine Zeitung, die sich wie ein Verband verhält, deklariert sich als nicht neutral. Sie ist ein Interessenvertreter, in diesem Fall der Interessenvertreter für die Lobby der Umverteiler. Dass die Redaktion des Tages-Anzeigers dies so hemmungslos tun darf, hat natürlich mit der schlaffen Führung zu tun. Ihr neuer, junger Verleger Pietro Supino hat nicht den Schneid, mit diesem basisdemokratischen Blödsinn aufzuräumen.

Das Blatt aus Zürich ist mit seiner revolutionären Romantik damit eine weltweite Ausnahme. Zur Interpretation gehen wir kurz zurück. Es gab in der Schweizer Pressehistorie ein Ereignis, das einzigartig war. Es war ein Boykottaufruf. Im Jahr 1994 riefen der Präsident und der Zentralsekretär des Journalisten-Verbandes ihre Mitglieder dazu auf, den damaligen SVP-Nationalrat Christoph Blocher zu boykottieren. Sie schalteten dazu sogar Zeitungsinserate: «Aufruf: Boykottiert Blocher!»

Der Journalisten-Verband war keine wilde Gewerkschaft, sondern eine seriöse Standesorganisation. Der Aufruf wurde teilweise befolgt, und der Verband konnte in seinem Verbandsblatt stolz vermelden: «Zahlreiche Zeitungsredaktionen halten sich tatsächlich bezüglich Anzahl und Umfang von Blocher-Beiträgen zurück.»

Es war der Höhepunkt der 68er und ihrer Kollaboration mit der Sozialdemokratie. Noch Anfang des 21. Jahrhunderts, so zeigte eine Umfrage, bezeichneten sich 60 Prozent der Journalisten als links. Nur 1,5 Prozent sympathisierten mit der SVP.

Dann kam eine stetige Wende. Führende Tageszeitungen wie Aargauer Zeitung, Berner Zeitung, Neue Luzerner Zeitung und Südostschweiz positionierten sich zunehmend als offene Plattformen. Sie stellen die Information vor die Ideologie. Zuletzt marschierte auch die Basler Zeitung von links in diese Richtung. Das rosarote Milieu reagierte mit nervösen Protesten. Die Nervosität war nachvollziehbar weil das Verlagshaus ausgerechnet Christoph Blocher angeheuert hatte, um seine defizitäre Druckerei zu sanieren. Das führte zu Panik in der Linken.

Ich erinnere mich gut, wie in den achtziger Jahren die alten sozialdemokratischen Parteiblätter wie Volksrecht und AZ verschwanden. Der damalige SP-Präsident Helmut Hubacher nahm es gelassen und sagte mir: «Das ist nicht so schlimm. Wir haben ja noch euch.»
Das stimmt, sie hatten uns. Doch inzwischen haben sie uns nur noch in Zürich.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 47/10

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  • Stephan Russ-Mohl

    Herzig, diese Rückerinnerung an die Vollversammlungszeiten…Wobei – von Alt-68er zu Alt-68er, nicht nur KWZ war wohl einer, sondern auch ich bekenne mich zu meinen Jugendsünden als “Sympathisant” – vielleicht weder zählt, was die Redaktion will, noch was der Verleger an Linie vorgibt.

    Letztlich entscheiden nämlich doch die – hoffentlich mündigen – Leserinnen und Leser. Wenn es nur noch ein Monopolblatt gibt, sollte es schon aus ökonomischen Gründen ein Forumsblatt sein, das nach allen (demokratischen) Seiten offen ist. Gibt es dagegen – wie in Zürich – mehr als eine Zeitung, macht es auch ökonomisch Sinn, wenn sich die eine weiter links, die andere weiter rechts positioniert. Vielleicht ist Supinos Führung also doch nicht so “schlaff”, sondern ganz einfach nur liberal und weise…

    Ganz “unpolitisch” übrigens dazu schon vor Jahrzehnten der Ökonom Hotelling, der darüber nachdachte, wie sich Eiskremverkäufer auf einem Stück Strand positionieren müssen, wenn sie gute Geschäfte machen wollen – je nachdem ob es einer, zwei oder viele sind, die ihr Gelato loswerden wollen. Ist es einer, sollte er sich in der Strandmitte postieren, sind es zwei, sollten sie sich die linke und die rechte Strandhälfte teilen…

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