Eindeutige Marschrichtung

1. Februar 2005 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Message, 2/2005

«To whom are you true?» – «Wem gegenüber sind Sie wahrhaftig?»

Mit dieser Gretchen-Frage beginnt die Textsammlung von Stuart Allan und Barbie Zelizer zur Kriegsberichterstattung. Der Band offeriert Beiträge von insgesamt 23 europäischen und amerikanischen Journalisten und Medienforschern.

Im ersten Teil werden die wichtigsten Veränderungen der Kriegsberichterstattung beschrieben; der zweite Teil ist eine virtuelle Reise quer durch bekannte wie in Vergessenheit geratene Konfliktgebiete, von Afrika bis zum Balkan, von den Falklands bis nach Kaschmir. Der dritte Teil befasst sich ausschliesslich und detailliert mit den Golfkriegen.Das Bild, das aus dem Mosaik von journalistischen Kriegseinsätzen entsteht, gibt nicht gerade zu Optimismus Anlass. Der Journalist im Krieg ähnelt immer mehr dem Protagonisten einer griechischen Tragödie: Ausgerüstet mit seiner ureigenen Art und Weise, Erlebtes zu interpretieren, muss er im Fronteinsatz den Kampf mit zwei destabilisierenden Kräften aufnehmen: dem Druck und der Manipulation durch die Propaganda, und den sich verselbständigenden, oftmals ver-rückten Regeln des Mediengeschäfts. So werden etwa in einem Beitrag von Allan und Zelizer die unternehmerischen Zwänge dargestellt, die einen Nachrichtensender wie Fox News dazu bringen, klar und einseitig Stellung zu beziehen und unausgewogen zu berichten, um möglichst hohe Einschaltquoten zu erreichen.

Zu den Highlights zählt der Beitrag von Oliver Boyd Barret, der beschreibt, welche Macht das Pentagon besitzt, Informationen zu verfälschen. Die Einflussmöglichkeiten übertreffen inzwischen alles, was im ohnehin schon pessimistischen «propaganda model» von Herman und Chomsky aus dem Jahr 1988 angedacht worden war. Piers Robinson räumt mit dem Mythos auf, der technologische Fortschritt führe zu grösserer Unabhängigkeit der Journalisten. Die Marschrichtung der Kriegsberichterstattung werde weiterhin hauptsächlich von Armeeoffizieren vorgegeben. Unter einer rhetorischen Analyse-Perspektive beschreibt Howard Tumber, inwieweit sich das «embedding » von Journalisten in die allierten Truppen für die Militärs auszahlt: Reportagen aus erster Hand von der Front tendierten, bewusst oder unbewusst, allesamt dazu, zwischen «uns» und «ihnen» zu unterscheiden und trügen so zur Identifizierung der Journalisten mit den „eigenen“ Truppen bei.

Herausgegeben von Stuart Allan und Barbie Zelizer  – Routledge: Oxon and New York, 2004

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