Eine Expertin für (fast) alles

8. März 2011 • Ressorts • von

Kapka Todorova berichtet für die bulgarische Tageszeitung 24 Tschassa („24 Stunden“) aus Deutschland und muss für diesen Job eine Alleskönnerin sein.

„Dieser Job ist mit einer One-Man-Show zu vergleichen“, sagt Todorova. Vor etwa fünf Jahren hat sie ihre Heimat Sofia für diesen Job verlassen. Viele Auslandskorrespondenten, die aus Deutschland berichten, sind im Verein der Ausländischen Presse mit Sitz in Berlin organisiert.

Nach Angaben des Vereins leben und arbeiten 380 der insgesamt 410 Vereinsmitglieder in der Hauptstadt. Kapka Todorova gehörte bisher nicht zu den Hauptstadtjournalisten. Weil ihre Zeitung früher Teil der WAZ-Gruppe war, hat sie sich zunächst – in der Hoffnung auf Synergien – in Essen niedergelassen. Im Dezember 2010 hat sich jedoch die WAZ-Gruppe aus Bulgarien zurück gezogen.

Im April will nun auch Todorova nach Berlin ziehen. „Für mich steht aber auch fest, dass Deutschland mehr als Berlin ist“, sagt die Journalistin. Die ausländische Journalistin besucht schon regelmäßig in Berlin die Bundespressekonferenz. „Die Bundespressekonferenz macht vieles einfacher, weil die Politiker dort zu den Journalisten kommen und nicht umgekehrt“, sagt sie.

Todorova berichtet aber nicht nur über Politik und Wirtschaft, sondern muss sich für ihre Heimatzeitung auch immer wieder auf den Boulevard begeben. „Lothar Matthäus ist so ein Thema“, sagt die Journalistin. Matthäus ist seit September 2010 Trainer der bulgarischen Nationalmannschaft und damit eine Person des öffentlichen Interessens. „Da haben die Kollegen aus der Redaktion angerufen und gesagt: Jetzt bist du dran.“ Innerhalb weniger Stunden hat die Korrespondentin dann Zeit sich in ein Thema einzuarbeiten.

In diesem Fall musste sie sich auch um Matthäus Liebschaften kümmern, denn die haben es in Südosteuropa bis auf die Titelseiten von Lifestyle-Magazinen geschafft. „Ich muss seine Frauen im Blick behalten, Lothar-Expertin bin ich aber noch nicht. Ich kann nicht auf allen Gebieten eine Expertin sein“, sagt Todorova.

Für die Berichterstattung in südosteuropäischen Ländern ist Deutschland ein wichtiges Land, denn Deutschland gilt zum einen als wichtiger Handelspartner, zum anderen als Vorbild für den Transformationsprozess. Als Bulgarin hat sie auch ein Auge darauf, wie Deutschland mit den Kapiteln der Vergangenheit umgeht. „Ich meine nicht nur die NS-Zeit, sondern auch die Integration der ehemaligen DDR“, präzisiert die Journalistin. Diese Vergangenheit bezeichnet sie als journalistische Goldmine.

Ständig ist die Journalistin mit Bahn und Flugzeug in der Bundesrepublik unterwegs, wird auch kurzfristig zu Katastrophen geschickt. Für das Loveparade-Desaster musste sie etwa ihren Sommerurlaub am Meer abbrechen. Dann erinnert sie sich an Situationen, bei denen sie Artikel auf Servietten geschrieben hat – Improvisation sei alles in ihrem Job, sagt sie.

Die überregionale Zeitung 24 Tschassa hat eine Auflage von etwa 120 000 Exemplaren und ist damit die größte Zeitung Bulgariens. Die kyrillischen Buchstaben wirken auf dem Papier sehr exotisch. Todorova hat keine Probleme zwischen den lateinischen und kyrillischen Zeichen hin und her zu springen, denn die Redakteurin hat in Sofia Germanistik studiert und ist dann – per Losverfahren – an ein Praktikum bei ihrem jetzigen Arbeitgeber gekommen.

Ausgebildet wurde sie in der außenpolitischen Redaktion von 24 Tschassa . Die Medienlandschaft Bulgariens sei schon allein aufgrund der Größe des Landes nicht mit der Deutschland zu vergleichen, resümiert sie.
Die deutschen Medien kennt sie nur als Rezipientin, weil sie immer viele Zeitungen lesen muss. Und auch der Blick in den Fernseher gehört zu ihrem Beruf.

Irgendwie fühlt sie sich in Deutschland fernab der Heimat schon ziemlich wohl – vor allem seitdem sie regelmäßig Rotkohl isst. Trotzdem beschleicht sie manchmal ein Gefühl der Heimatlosigkeit. „Es kommt der Moment, in dem man sich zu Hause nicht mehr zu Hause fühlt“, sagt Todorova.

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