Gestifteter Wissenschaftsjournalismus

4. April 2014 • Ressorts • von

Der Wissenschaftsjournalismus steckt in der Bredouille. Immer mehr Medien lösen ihre Wissenschaftsressorts auf und fahren einen Sparkurs, der schmerzlich spürbar ist.

Geht man davon aus, dass Wissenschaftsjournalismus und -kommunikation für die Aufklärung einer modernen Gesellschaft unerlässlich sind, sollten neue Anreiz- und Fördermodelle diskutiert werden. Einen solchen neuen Weg haben die Gebert Rüf Stiftung und die Stiftung Mercator Schweiz gewählt. Die beiden Stiftungen haben sich die Förderung des Dialogs von Wissenschaft und Öffentlichkeit auf die Fahne geschrieben, wobei Jugendlichen als Zielgruppe besondere Aufmerksamkeit gilt.

Mit dem Ziel ihnen Wissenschaft und Forschung näher zu bringen, finanzieren die Stiftungen die Doppelseite „Wissen“, die jeden Freitag in der Schweizer Gratiszeitung 20 Minuten erscheint. Das Institut für Angewandte Medienwissenschaft (IAM) der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)  hat im Auftrag der beiden Stiftungen das Projekt evaluiert. Deutlich wurde: Die Doppelseite „Wissen“ ermöglicht Begegnungen mit Themen der wissenschaftlichen Forschung und technologischen Innovationen und schafft Anschlusskommunikation.

Die Doppelseite „Wissen“ wird von der redaktionsexternen Agentur scitec-media GmbH produziert und in 20 Minuten abgedruckt. Sie will dazu anregen, dass sich Jugendliche regelmäßig zumindest für wenige Minuten mit Wissenschaft beschäftigen und im Idealfall darüber mit anderen sprechen. Wie aus dem Konzeptpapier der scitec-media GmbH hervorgeht, soll der Eindruck vermittelt werden, dass Wissenschaft „cool“ und „nützlich“ ist. Die Gratiszeitung 20 Minuten eignet sich demnach als Plattform ideal, da sie insbesondere bei der jugendlichen Zielgruppe eine große Reichweite hat.

Das Forscherteam von der ZHAW, bestehend aus Michael Schanne, Carmen Koch, Vinzenz Wyss, Angelica Hüsser und Annina Stoffel, hat die Doppelseite „Wissen“ mithilfe eines Mehrmethodendesigns evaluiert, das folgende Module enthielt: 1. standardisierte Befragung von 92 Journalismus- und Kommunikationsstudierenden, 2. Inhaltsanalyse aller Beiträge, die im Verlaufe eines Jahres auf der „Wissen“-Doppelseite erschienen sind (insgesamt 548), 3. standardisierte, nicht repräsentative Befragung vor 20Minuten-Boxen von 345 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren, 4. zwei Fokusgruppengespräche mit Kantonsschulklassen und 5. eine Onlinebefragung von 76 Wissenschaftlern.

Die Analyse attestiert der Doppelseite eine übliche wissenschaftliche Themenselektion und -routine: die großen Schweizer Universitäten (ETH, Uni Zürich, Bern, Basel) dominieren, Fachhochschulen gehen eher unter. Die „harten” Wissenschaftsbereiche werden besonders häufig thematisiert.  Berichtet wird meistens über die natürliche und soziale Umwelt des Menschen, sowie über Körper und Gesundheit. Dabei ist der Fokus auf wissenschaftliche Ereignisse sowie Geschehnisse im Wissenschaftssystem nur schwach ausgeprägt. Die Schaffung von Mehrsystemrelevanz – das heißt die journalistische Kopplung mit Themen anderer Gesellschaftsbereiche (z.B. Politik oder Wirtschaft) – gelingt gut. Üblicherweise vernachlässigte Disziplinen sind auch auf der  Doppelseite „Wissen” selten Gegenstand der Berichterstattung, wobei anzumerken ist, dass die Sozialwissenschaften deutlich häufiger vorkommen als in anderen Formaten.

Bezug zu Lebenswelten der Jugendlichen schafft Interesse

Durch die Kürze der Texte und den hohen Bildanteil sind die Voraussetzungen gegeben, um die Jugendlichen direkt anzusprechen. In der Inhaltsanalyse wird jedoch deutlich, dass der Jugendbezug stärker sein dürfte – etwa indem die praktischen Folgen für den Alltag der Zielgruppe herausgearbeitet werden. Diese Erkenntnis wird bestätigt durch Aussagen der Jugendlichen in den Fokusgruppen, die einen solchen Bezug zu ihren Lebenswelten explizit wünschen. Und obschon die kurzen Texte dem Gusto der Jugendlichen durchaus entsprechen, wird gleichzeitig eine Forderung nach Tiefe laut. Sie wollen herausgefordert werden, möchten etwas lernen. Dabei stehen die Macher vor einem Selektionsproblem, denn die Interessen und die Ansprüche an die Themensetzung variieren stark nach Alter und Geschlecht. Generell sind junge Männer eher für Themen der Technik und Wissenschaft zu begeistern als junge Frauen. Einig ist man sich aber wiederum, dass es klare Etikettierungen brauche: Wo Wissenschaft drauf steht, soll auch Wissenschaft drin sein. Es muss also nachvollziehbar sein, was jetzt an dem Thema genau Wissenschaft ist.

Wissenschaftsthemen scheinen also durchaus Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, auch wenn die Begegnungen mit der Doppelseite „Wissen” oft beiläufig verlaufen. Die Straßenbefragung zeigt, dass von den Befragten zwei Drittel die Doppelseite (wieder-) erkennen, spätestens wenn sie ihnen vorgelegt wird. Insgesamt ein Drittel aller Befragten beziehungsweise rund die Hälfte aller, die die Doppelseite wieder erkannt haben, schauen sie regelmäßig an. Und wer sie anschaut, liest in der Regel auch zumindestens einzelne Beiträge. Insgesamt scheint die Doppelseite „Wissen“ auf Anklang zu stoßen, denn nur ein Fünftel derjenigen, die sie anschauen, findet sie nicht ansprechend. Trotzdem ist man sich der Limitation bewusst: Zwei Drittel fühlen sich mittelmässig, rund ein Viertel gut und knapp ein Zehntel schlecht informiert. Alles in allem erfüllt die Doppelseite „Wissen“ in 20 Minuten ein wichtiges Ziel: Die Jugendlichen beschäftigten sich mit und sprechen über Wissenschaftsthemen, denn rund die Hälfte geben an, das Gelesene in Gesprächen wieder aufzugreifen. Dies ist sicherlich auch im Sinne der befragten Wissenschaftler, die sich trotz gewisser Zurückhaltung insgesamt positiv zur Idee der Doppelseite Wissen äußern.

Eines wird deutlich: Das Stiftungsmodell trägt dazu bei, dass es in 20 Minuten überhaupt wissenschaftsjournalistische Berichterstattung gibt. Und das ist wichtig. Bereits die bloße journalistische Thematisierung von Wissenschaft und Forschung kann als ein Statement zur gesellschaftlichen Relevanz verstanden werden. Die Evaluation zeigt: Das Angebot Wissen in 20 Minuten ermöglicht Begegnungen mit Wissenschaftsthemen und ermöglicht dadurch, dass überhaupt erst eine Nachfrage entsteht. Auch wenn die Begegnungen beiläufig verlaufen, aktiviert sie zum Lesen und schafft Anschlusskommunikation.

Die Studie zum Download: http://www.zhaw.ch/nc/de/zhaw/die-zhaw/publikationen/publikationen-zhaw-angehoerige/zhaw-publikation-detailanzeige.html?pi=204747

Bildquelle: PublicDomainPictures / Pixabay

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