Gratulation, sehr schöner Spin

21. September 2007 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Weltwoche, Nr. 37/2007

Die Staatskrise der letzten Woche war die achte in wenigen Jahren. Aus journalistischer Sicht war sie darum lohnend, weil ein neues Chefredaktoren-Talent am Himmel aufging. 

Wir alle können uns noch gut an das gigantische Geheimdienst-Komplott von Oktober 2003 erinnern. Das gigantische Geheimdienst-Komplott von 2003 bestand darin, wie wir uns alle erinnern können, dass Ruth Metzler vom türkischen Geheimdienst Informationen über Micheline Calmy-Rey bekam und damit zu Pascal Couchepin rannte, der damit zum türkischen Botschafter rannte. So oder ähnlich. Jedenfalls war es eine gigantische Staatskrise.

Der Tages-Anzeiger entdeckte in der damaligen Staatskrise nicht einen, nicht zwei, sondern gleich drei Skandale und hyperventilierte: «Der dritte und grösste Skandal, den die Geheimdienstintrige offenbart, ist der jämmerliche Zustand der Kollegialregierung.» Selbstverständlich bekam der Autor für seine Beschreibung des Komplotts von 2003 sofort den Zürcher Journalistenpreis.

In diesem Jahrzehnt gab es, grob geschätzt, etwa sieben weitere gigantische Staatskrisen in der Schweiz. Die letzte davon hat die Nation soeben bedroht. Es ging, wenn wir richtig verstanden haben, um irgendwelche linkischen Zeichnungen eines Ex-Bankiers. Dennoch titelte auch diesmal der Tages-Anzeiger hyperventilierend: «Hinweise für ein Komplott gefunden».

Der Anlass ist gut geeignet für etwas Medienkunde zum Thema News. News-Redaktionen, muss man wissen, unterscheiden auf Zeitungen und im TV generell zwischen zwei Vermittlungsformen. Es gibt die «Nachrichten». Und es gibt die «Geschichten».

Nachrichten sind sachorientiert, bringen die wichtigen Fakten und sind eher emotionslos – also uninteressant. Geschichten sind personenorientiert, unterschlagen missliebige Fakten und sind emotionell – also interessant.

«Was ist die Geschichte?», ist im Redaktionsalltag die tägliche Frage, die der Chefredaktor oder Ressortleiter den Journalisten stellt. Wer keine gute Antwort weiss, bekommt 50 Zeilen im Blatt oder 25 Sekunden auf «10 vor 10». Wer eine überzeugende Antwort gibt, also eine «sexy Geschichte» hat, bekommt mehr Platz, mehr Sendezeit, mehr Ruhm.
«Mehrwertsteuer: Bundesrat Merz will Einheitssatz.» Das ist eine fade Nachricht. «Mehrwertsteuer: Merz im heftigen Streit mit Leuthard.» Das ist eine gute Geschichte. «Zeichnungen von Ex-Bankier aufgetaucht.» Das ist eine fade Nachricht. «Hinweise für Komplott gefunden – Staatskrise!» Das ist eine gute Geschichte. Eine Nachricht wird zu einer Geschichte durch den Spin, den man ihr gibt, also den Dreh, der die Fakten emotionalisiert.

Es trifft sich gut, dass Politiker hier genauso wie Journalisten funktionieren. Auch sie sind an nüchternen Sachfragen nicht interessiert. Auch sie sind am Spin orientiert. Sie denken darum in Kriterien der Kabale, also in Formen von Intrige, Verschwörung, Skandal, Affäre, Staatskrise und Komplott.

Sehr schön hat dies soeben die St.Galler CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz demonstriert. Als sie ihre Komplott-Theorie zur Entfernung des Bundesanwaltes vorstellte, redete sie von einem «gezielten Plan zur Absetzung des Bundesanwaltes, an dem Politiker oder Behörden mitgearbeitet haben». Das ist eine sehr gute Geschichte. Als man nachfragte, worauf sie sich dabei stütze, sagte sie: «Wir haben diese Dokumente nicht in der Hand, gehen aber von ihrer Echtheit aus.» Das war journalistisch ebenfalls einwandfrei, Gratulation, sehr schöner Spin.
Wir wollen darum zum Schluss eine kleine Anregung anbringen. Falls beim Tages-Anzeiger oder beim Blick demnächst eine Stelle in der Chefredaktion frei wird, würden wir Lucrezia Meier-Schatz wärmstens empfehlen. Die Dame versteht etwas vom Geschäft.

Ende der Geschichte.

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