Heiss-kalte Zeiten

24. Februar 2008 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: St. Galler Tagblatt

Bis vor kurzem war die Welt noch in Ordnung: Eine gewaltige Welle von Klimaberichten schwappt seit Monaten über uns. 

Am Samstag, 17. August 2007, stellten sich 600 Freiwillige aus ganz Europa splitternackt auf dem Aletschgletscher vor die Kamera des Künstlers Spencer Tunick, um auf die Verletzlichkeit der schmelzenden Gletscher aufmerksam zu machen.

Wir sonnten uns im morbiden Licht der nach unseren Lebzeiten nahenden Katastrophe und schoben aktuelle Probleme in den Schatten. Spätestens als Al Gore den Nobelpreis erhielt, wollten wir im Schulterschluss – Mensch, Medien, Politik – fürs Klima auf die Energie-Bremse treten. Nun gerät alles aus den Fugen.

Die Medien und das Klima

Nun gerät alles aus den Fugen. Schuld sind zwei Medienwissenschafter aus Mainz. Klimaforscher behaupten, Menschen bewirken den Klimawandel, Hans Mathias Kepplinger und Senja Post hingegen ermittelten nach einer Online-Befragung von 133 deutschen Klimaforschern: Medienmenschen beeinflussen den Klimawandel. Sie veröffentlichen jetzt die Ergebnisse der Studie als Buch: «Klimakatastrophe oder Katastrophenklima?».

Zur Schau gestellte Einigkeit

Beide bezweifeln nicht, dass es wärmer wurde. Aber sie rütteln an der Schuldfrage: Sind wirklich wir dafür verantwortlich? 80 Prozent der Wissenschafter halten die Berichterstattung für überzogen. Es gebe vielerlei Meinungen, wie gravierend die Veränderungen tatsächlich sind, nicht aber die öffentlich zur Schau gestellte Einmütigkeit.

Sie ist kein Zufall, denn: Wer warnt, gewinnt Forschungsmittel. Wer Flut- und Dürreszenarien schildert, kommt zu Wort. Post und Kepplinger folgern: Grundsatzentscheidungen werden vom Wissenschaftssystem ins Mediensystem verschoben.

Wie funktioniert so etwas? Die Welle von Klimaberichten wurde nach Ansicht von Kepplinger in Schwung gebracht durch Berichte über Naturkatastrophen, die Menschen generell, und somit auch Journalisten, empfindsam machten für Umweltfragen. Politiker entdeckten Umweltthemen als Meilensteine einer erfolgreichen Karriere und setzten neue Impulse, indem sie von der allmählich abgenutzten nationalen Ebene, vom Blick auf kahle Wälder und versiegelte Landschaften, auf die globale Perspektive wechselten.

Die Medien halten die Welle in Schwung, indem sie sogar die üblichen Sommerbrände in Mittelmeerländern als Beleg der globalen Erwärmung gross aufmachen. Der Klima-Hype, behauptet Kepplinger, wäre noch weit grösser, würde die Klimaforschung tatsächlich alarmierende Ergebnisse liefern.

Enttäuschende Haltungen

Selbst wenn wir für den Klimawandel nichts könnten, dürfen wir nicht aufatmen. Aus vier Gründen: Es ist erstens sicher nie nützlich, Gift in die Luft zu blasen. Zweitens schadet keinem, wenn er bewusster mit Ressourcen umgeht. Drittens beunruhigt, wenn Forscher nicht aufheulen, sobald ihrer Auffassung nach dramatisiert wird. Und viertens enttäuscht, dass viele Journalisten Wissenschafter, die entwarnen, lieber nicht zu Wort kommen lassen. So versumpft Glaubwürdigkeit – auch in Erinnerung an alte Diskussionen um das Waldsterben oder eine neue Eiszeit – und verleitet, abzuwinken: «Alles egal, alles schon da gewesen.»

Dass es anders sein könnte

Was bleibt? Michael Würtenberg erhielt den Preis «Swiss Press-Fotograf 2007», weil er auf dem Aletschgletscher die andere Seite fotografierte. Doch er lieferte nur eine andere Perspektive des Gleichen. Das ist zu wenig. Notwendig ist ein Journalismus, der seine Qualität in tiefgründiger Recherche empfindet, nicht in Oberflächlichkeit. Der stets offen ist dafür, dass alles auch ganz anders sein könnte.

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