Journalismus als Frühwarnsystem?

10. Mai 2007 • Ressorts • von

Werbewoche, Nr. 18, 2007

Überschätzer Journalismus: Ob Klimakatastrophe, Ozonloch, Volgelgrippe, SARS, BSE oder Übergewicht – solche Themen werden stets hochgespielt und dann schnell wieder "entsorgt".

Nehmen wir die Klimakatastrophe als Beispiel: Wie so oft, klaffen normative Erwartungen an den Journalismus und  empirische Befunde auch in Bezug auf seine Seismographen-Funktion weit auseinander. Sowohl Journalisten selbst als Kommunikationsforscher haben immer wieder die aufklärende Rolle des Journalismus herausgearbeitet und allen Ernstes gehofft, er könnte halbwegs verlässlich vor Gefahren, vor sich anbahnenden Krisen und Katastrophen warnen.

Geknüpft waren solche Erwartungen an einen funktionierenden Wettbewerb auf dem „Marktplatz der Ideen“: Wo viele Redaktionen um Information und um öffentliche Aufmerksamkeit konkurrieren, müsste sich auch eine Vielfalt der Blickwinkel ergeben. Man sollte somit auch Gefahrenherde gesellschaftlicher Entwicklung frühzeitig erkennen können: Der Journalismus könne als „Frühwarnsystem“ verlässlich funktionieren, weil er sich unabhängig, fachkompetent und gegenüber den Publika „treuhänderisch“ um  umfassende, ausgewogene, faire Information bemühe und dabei aus einer Vielzahl zwar eigeninteressierter, aber sich wechselseitig  kontrollierender PR-Quellen schöpfe.

Soweit die Bilderbuch-Legende. Wer dagegen in der Öko- oder Gesundheitskommunikation, also in Bereichen, die es mit existentiellen Risiken zu tun haben, das Feld sondiert, gelangt zu einem eher gegenteiligen Eindruck: Egal ob Klimakatastrophe und Ozonloch, Vogelgrippe, SARS und  BSE oder Übergewicht – es scheinen immer wieder ähnliche Dynamiken dafür zu sorgen, dass aufgebauscht und verzerrt berichtet wird, dass Themen hochgespielt und dann schnell „entsorgt“ werden, ganz egal, ob sie langfristig „virulent“ sind oder nicht.

Zur Präsizierung:

  • „Spiegel-Online lässt die Welt seit dem Klimabericht der UN täglich neu untergehen“, mokierte sich kürzlich die Frankfurter Allgemeine Zeitung über die Panik-Mache der Hamburger Kollegen. „Mit der Vorhersage einer ‚Klima-Katstrophe’ für Sydney ging es los. Dann nahte die ‚Klima-Apokalypse’, gefolgt vom ‚Horror-Klima’…Schliesslich war die Endzeit in der deutschen Kernwirtschaft angekommen: ‚Killer-Klima für Deutschlands Autobauer.’“
  • Obschon es bis heute keinen einzigen Toten gibt, der nachweislich an BSE-verseuchtem Rindfleisch gestorben wäre, haben die Medien das Thema in mehreren Wellen hochgespielt, zunächst in der Schweiz, ein paar Jahre später in Deutschland. Die überdrehte Medienberichterstattung liess den Rindfleischkonsum einbrechen und verursachte Millionen-Schäden in der Landwirtschaft und der fleischverarbeitenden Industrie.
  • Das Wall Street Journal hat die Zahl der SARS-Opfer denen gegenübergestellt,  die an Aids, Tbc und Malaria gestorben sind. Diese Statistik legt den Schluss nahe, dass die Berichterstattung über SARS ebenfalls völlig aus dem Ruder gelaufen ist und Gesundheitsrisiken dramatisiert hat – diesmal vor allem zu Lasten der Tourismusbranche. 620 SARS-Todesopfer gab es weltweit bis 2003. Die Gegenrechnung des Blatts listet für Aids 3,1 Millionen, für Tuberkulose 1,6 Millionen und für Malaria mindestens eine Million Todesfälle auf.
  • Magersüchtige Models haben vermutlich weit mehr Medienaufmerksamkeit erhalten als eines der Kernprobleme der westlichen Zivilisationen, das Übergewicht.  Eine wissenschaftliche Studie des Health Communication Lab der Universität Lugano zur Berichterstattung zur Fettleibigkeit stellt darüber hinaus fest, dass die Medien in willkürlicher Weise zu unterschiedlichen Verschuldungs-Zuschreibungen gelangen – und somit den Betroffenen wohl kaum helfen, die Risiken des eigenen (Fehl-)Verhaltens zutreffend einzuschätzen.

 “Die Logik des Journalismus ist Beliebigkeit”, resümiert ein wenig resigniert Vinzenz Wyss von der Zürcher Hochschule Winterthur. Eine erste „Gegenbilanz“ zu den euphorischen Erwartungen der „Aufklärer“ hätte also zu konstatieren, dass

  • vermutlich viele Risiken unter der medialen Wahrnehmungsschwelle verbleiben;
  • einige Themen – wohl stark abhängig von Zufällen wie der jeweiligen Nachrichtenlage, aber auch vom Agenda setting seitens der PR und weniger Leitmedien – dramatisiert und hochgespielt werden;
  • Öko- und Gesundheitsprobleme von den Medien somit vor allem dann erkannt werden, wenn es von interessierter Seite gezielte PR-Anstrengungen gibt, um ein Issue auf die Medienagenda zu lancieren.

Die Erkenntnisse des Mainzer Kommunikationsforschers Hans Matthias Kepplinger vom „Blindflug“ und von den „künstlichen Horizonten“ der Medienberichterstattung sind aktueller denn je. Die journalistische Frühwarnung funktioniert nicht. Gebot der Stunde ist es, durch Frühwarnungen vor dem Journalismus dessen Wirkungspotential zu entschärfen.

Print Friendly, PDF & Email

Send this to friend