Journalisten als Spin Doctors

18. August 2006 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Neue Zürcher Zeitung

Kritik an Fehlern der britischen Presse
Wenn Journalisten PR-Experten «vorführen» wollen, bezeichnen sie diese gerne als Spin Doctors – als Gelehrte im Verbiegen und Verdrehen von Tatsachen. Letztere werden so lange zurechtgestutzt, bis eine Geschichte den richtigen Dreh bekommt, um in den Medien den Auftraggeber gut aussehen zu lassen. Wie sehr zumal in Kriegszeiten Journalisten selbst der Versuchung ausgesetzt sein können, sich als Spin-Doktoren zu betätigen, das zeigt am Beispiel der britischen Presse Stephen Bax von der Canterbury Christ Church University.

Episoden aus dem Irak-Krieg

In der «British Journalism Review» (Vol. 17, Nr. 2, Juni 2006, S. 53-58) zeichnet der Forscher, der viele Jahre in der arabischen Welt, darunter von 1985 bis 1988 im Irak, gelebt hat, am Beispiel einzelner Episoden aus dem Irak-Krieg nach, wie sowohl die Boulevardpresse als auch seriöse britische Zeitungen völlig unkritisch die Erfolgsmeldungen der Regierungen Blair und Bush nicht nur übernommen, sondern diese eigenmächtig – bar jeder Recherche – weitergesponnen haben.

Krassestes Beispiel ist die Berichterstattung über einen fehlgeschlagenen Raketenangriff auf Saddam Hussein. Die CIA sei sich «zu 99,9 Prozent sicher» gewesen, dass sich der irakische Diktator auf einem Landsitz seiner Tochter aufhalte, der dann zweieinhalb Stunden lang beschossen und in Schutt und Asche gelegt worden sei. 29 Millionen Dollar kostete die Aktion; die Presse überbot sich wechselseitig, die Präzision und den Erfolg dieser Militäroperation zu feiern. Der «Independent» sprach von einem «beschleunigten chirurgischen Eingriff» (speeded surgical strike), und der «Daily Telegraph» schrieb von einem «tödlichen Akt der Kriegsführung, flink und federleicht» (a deadly act of warfare that was swift and light).

Mehrere britische Blätter schmückten ihre Berichte mit Details zum Ort des Geschehens aus, die so widersprüchlich sind, dass sie sie nur erfunden haben können. Als tags darauf klar war, dass es sich um einen Fehlschlag gehandelt hatte, weil – anders als von der Presse ebenfalls in verschiedenen Versionen berichtet – weder Saddam noch seine Söhne noch seine Militärführung sich auf dem bombardierten Landsitz befanden, phantasierte zumindest die Boulevardpresse aufs Neue: «Sie haben ihr Ziel um Augenblicke verfehlt», wusste die «Daily Mail», und der «Daily Star» kommentierte, Saddams Flucht sei ein «Wunder».

Übersetzungsfehler

Weitere Beispiele zeigen, wie sich aus Unkenntnis der arabischen Sprache und Kultur in journalistische Texte Übersetzungsfehler einschleichen. Saddam Husseins Appell ans Volk, «zum Wohl unserer Kinder» den US-Invasoren standzuhalten, sei zum Beispiel von den Nachrichtenagenturen als Aufforderung präsentiert worden: «Wir müssen unsere Kinder opfern.» In den Redaktionen sei niemand auf die Idee gekommen, den Text noch einmal zu überprüfen; stattdessen wurde das Statement als «eiskalte Ermahnung des Tyrannen» kommentiert.

Auch diesen Propagandatrick, so erläutert Bax, hätten landeskundige Korrespondenten eigentlich entlarven müssen. Weil das Pentagon partout nicht wahrhaben wollte, dass Saddam weiterhin am Leben war und erneut im Fernsehen auftrat, jagte es die Nachricht um die Welt, die Führung in Baghdad habe einen Doppelgänger vor laufender Kamera auftreten lassen. «Kein seriöser Kenner des Iraks hätte so etwas jemals für möglich gehalten.» Doch die britische Presse habe – statt dies kritisch zu befragen – ängstlich darauf gewartet, dass die CIA bestätigen oder dementieren würde, ob es sich doch «um Saddam gehandelt hat».

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