Klima-Journalisten als Deutungsgemeinschaft

22. April 2014 • Ressorts • von

Von dem Irrglauben, dass Journalisten die Welt genau so beschreiben könnten, wie sie ist, ist in der Wissenschaft schon lange nichts mehr übrig. Eine vollkommen objektive Berichterstattung bleibt Menschen seit jeher verwehrt.

Vielmehr schlägt die amerikanische Forscherin Barbara Zelizer seit 1993 vor, Journalisten als Deutungsgemeinschaft, als sogenannte Interpretive Community, zu verstehen. Dieser Begriff bezeichnet eine Deutungsgemeinschaft, deren Mitglieder Ereignisse auf ähnliche Art und Weise interpretieren und ihnen einen vergleichbaren Wert beimessen.

Da Journalisten sich immer daran orientieren, welche Inhalte ihre Kollegen veröffentlichen und auf Basis welcher Quellen sie dies tun, bilden auch sie eine solche Deutungsgemeinschaft. Diese schließt neben den Informanten auch das Publikum mit ein.

Gemeinsame Frames als Ausdruck einer Deutungsgemeinschaft

Journalisten greifen bei der Berichterstattung auf Interpretationsmuster ihrer Kollegen, Quellen sowie ihres Publikums zurück. Diese Interpretationsmuster werden in der Wissenschaft als Frames bezeichnet. Gemeinsame Frames sind somit Ausdruck einer Deutungsgemeinschaft. Frames prägen sowohl den inhaltlichen Entstehungsprozess als auch die formale Darstellung der journalistischen Produkte. Jedes Berichterstattungsthema kann dabei mit eigenen Frames aufwarten.

Eine besondere Herausforderung für journalistische Routinen stellt das Thema Klimawandel dar: Der Klimawandel ist kein einmaliger Event sondern langfristiger Natur. Er ist außerdem mit viel Unsicherheit verbunden, da zugehörige wissenschaftliche Szenarien nicht immer leicht verständlich und eindeutig sind. Als Folge ist die Wahrnehmung des Klimawandels in der Öffentlichkeit eine andere als in der Wissenschaft. Während Forscher des Weltklimarats (IPCC) die Dringlichkeit von Klimaschutzmaßnahmen betonen, betrachten Bürger den Klimawandel als weit entferntes Problem.

Das Projekt „Framing Climate Change“

Diese Diskrepanz versuchen Michael Brüggemann und Sven Engesser vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich zu erklären. In dem mehrjährigen Projekt Framing Climate Change (FCC) haben sie untersucht, welche Frames Journalisten bevorzugen, wenn sie Informationen in einen Artikel über Klimawandel verarbeiten. Sie haben außerdem überprüft, mit welcher Häufigkeit die Journalisten über Klimawandel schreiben.

Zu diesem Zweck wurde eine Onlineumfrage unter Klima-Journalisten aus Deutschland, Indien, der Schweiz, Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Amerika durchgeführt. Pro Land waren es Journalisten von je zwei Elite-Zeitungen, einer Boulevard-, einer Regionalzeitung und einer Nachrichtenwebsite.

Drei Typen von Klima-Journalisten

Es zeigte sich, dass Klima-Journalisten eine transnationale Deutungsgemeinschaft um einen gemeinsamen Masterframe bilden. Der Masterframe beruht auf dem wissenschaftlichen Konsens, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Diese Einstellung hält die Begrenzung von Emissionen für notwendig, um der globalen Erwärmung gemäß der Ergebnisse der IPCC-Reports entgegenzuwirken. Der Masterframe deutet darauf hin, dass die Informanten der Klima-Journalisten oft aus der Wissenschaft stammen. Die wissenschaftlichen Quellen sind also auch Mitglieder der Deutungsgemeinschaft, der auch die Klima-Journalisten angehören, die den anthropogenen Klimawandel nicht in Frage stellen.

In dieser Deutungsgemeinschaft konnten drei Typen von Klima-Journalisten identifiziert werden: skeptische Gelegenheitsschreiber, zustimmende Gelegenheitsschreiber und Vielschreiber. Die skeptischen Gelegenheitsschreiber bilden die kleinste Gruppe unter den befragten Klima-Journalisten. Sie haben in der achtzehnmonatigen Untersuchungsperiode die wenigsten Artikel veröffentlicht (durchschnittlich 5,8 Artikel) und zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Thesen des IPCC kaum bis gar nicht zustimmen.

Die größte Gruppe unter den Klima-Journalisten sind die zustimmenden Gelegenheitsschreiber. Sie haben im Durchschnitt 6,3 Artikel veröffentlicht und unterstützen die Thesen des IPCC vollständig. Auch die Vielschreiber orientieren sich an den Deutungsmustern des IPCC. Sie lassen Klimaskeptiker in ihren Artikeln nicht zu Wort kommen, bewahren sich aber trotzdem eine kritische Distanz gegenüber dem IPCC. Das bedeutet, dass sie den Äußerungen des IPCC nicht blind zustimmen. Obwohl die Vielschreiber nur ein Viertel der befragten Journalisten ausmachen, sind sie für zwei Drittel der klimajournalistischen Artikel verantwortlich. Sie schrieben im Durchschnitt 37,2 Artikel.

Klima-Journalisten verwenden fünf Frames

Wenn sie selber die Frames bestimmen könnten, nach denen die Medien über Klimawandel berichteten, würden die befragten Journalisten fünf Frames besonders viel Raum geben. Der erste Frame der Klima-Journalisten thematisiert die Rolle der Politik der Industrieländer als Ursache des Klimawandels. Den befragten Journalisten zufolge haben die Industrieländer die Verantwortung, klimabedingten Hungersnöten und Krankheiten vorzubeugen. Der zweite Frame stellt Kapitalismus und Konsum als ursächliche Probleme dar, die einer dringenden Reform bedürfen, um den Klimawandel zu stoppen.

Der dritte Frame schreibt der Industrie ein hohes Lösungspotential im Kampf gegen die globale Erwärmung zu. Der vierte Frame hebt die Rolle der Schwellenländer als Mitverursacher des Klimawandels hervor. Der fünfte Frame sieht die Lösung des Klimaproblems in einem verbesserten Ökologiebewusstsein der Gesellschaft, welches durch eine bessere Kommunikation des Themas erwirkt werden soll.

Eine Fortsetzung der Untersuchungen sieht als nächstes vor, zu überprüfen, inwiefern sich die bislang identifizierten Interpretationsmuster der Klima-Journalisten tatsächlich in ihren journalistischen Produkten wiederfinden. Dazu wird aktuell eine vergleichende Inhaltsanalyse durchgeführt.

 

Mehr über das Projekt Framing Climate Change (auf Englisch):

http://www.ipmz.uzh.ch/Abteilungen/InternationalComparativeMediaResearch/Research/Framing.html

http://www.nccr-democracy.uzh.ch/publications/workingpaper/pdf/wp_59.pdf

 

Bildquelle: Markus Vogelbacher  / pixelio.de

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