Mediale Zuckerwatte in Washington

21. April 2008 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Neue Zürcher Zeitung

Besuch im neuen Newseum in Washington
Wie bereits gemeldet, ist in Washington ein riesiges Museum der Medien eröffnet worden. 450 Millionen Dollar kostete der Koloss aus Stahl und Beton in bester Lage. Neben 6200 Exponaten und 35 000 Titelseiten von Zeitungen beherbergt der Bau 15 Theater, 14 Galerien, 2 Fernsehstudios und 1 Kino. 50 Tonnen Marmor wurden verbaut. Ein Augenschein.

Der Eindruck, den das neue Museum in Washington beim Besucher hinterlässt, ist zwiespältig: Kaum jemand kann sich dem Glitzer der multimedialen und interaktiven Medienwelt gänzlich entziehen, die hier mehr zelebriert als nur vorgestellt wird. Durch seine Internet-Präsenz wird das Newseum nicht nur vor Ort eine magnetische Wirkung entfalten. Seine Botschaft, für Presse- und Meinungsfreiheit zu kämpfen und sie zu sichern («Free Press – Free Speech – Free Spirit»), wird somit ausstrahlen. Anderseits bietet das Museum mehr Boulevard- als Bildungserlebnis – und das obendrein auf eine sehr zentrierte Weise. Was sich über den Journalismus und das Nachrichtengeschäft erfahren lässt, wird so schlicht kommuniziert, dass nachdenklichere Zeitgenossen darin eher einen weiteren Beleg für die Oberflächlichkeit der Branche sehen werden.Zwei Schlüsselereignisse
Nehmen wir zwei Schlüsselereignisse als Beispiel: Der Fall der Berliner Mauer wird – geschichtsklitternd – damit erklärt, dass Nachrichten und Informationen den Schutzwall durchdrungen und das repressive Regime zu Fall gebracht hätten. Wäre das so simpel, dann hätte die friedliche Revolution, die Ost- und Mitteleuropa die Freiheit beschert hat, wohl in der DDR beginnen müssen – denn mangels Sprachbarriere wurde sie viel unmittelbarer vom Westfernsehen infiltriert als die anderen Satelliten der Sowjetunion. Tatsächlich herrschte in Russland, Polen und anderswo jedoch längst Glasnost, bevor die Ostdeutschen Honecker davonjagten. Ebenso fragwürdig scheint der Umgang mit dem 11. September: Die Überreste einer Antenne vom World Trade Center sind das wichtigste Exponat. Die Tragödie wird dokumentiert, aber jedwede Reflexion darüber unterbleibt, inwieweit sich die Medien haben instrumentalisieren lassen.

Bewundernswert ist gewiss, dass die Mittel für das Newseum von privater Seite aufgebracht wurden. Federführend war das Freedom Forum, eine aus dem grössten US-Zeitungskonzern, Gannett, hervorgegangene Stiftung. Aber auch andere Spender von Rang und Namen steuerten Millionen bei – Rupert Murdochs News Corporation, Disney, Time Warner, NBC, Hearst sowie die Verlegerfamilie der «New York Times», Ochs-Sulzberger.

Überdimensioniert, unterhaltsam und verspielt, wie das Newseum ist, zeugt es von der Selbstvergessenheit und vom Grössenwahn einer Branche, die immer mehr auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten statt mit Service public ihr Geld verdient. Wer weiss, wie rigide in Amerika Korrespondentenposten eingespart, Redaktionsbudgets gekürzt werden, ja sogar die bisher sakrosankte Lokalberichterstattung reduziert wird, wird womöglich fragen, wie viel sinnvoller die 450 Millionen hätten ausgegeben werden können.

Das mag kleinlich klingen. Medienleute mit Gedächtnis erinnern sich indes daran, welch hohen Preis der Journalismus für das Newseum entrichten musste. Um es bauen zu können, wurden vor ein paar Jahren das Media Studies Center in New York und fünf weitere Aussenposten des Freedom Forum in London, Hongkong, Johannesburg, Buenos Aires und San Francisco geschlossen. Eine wahrlich vorbildliche, weltumspannende Initiative zur journalistischen Qualitätssicherung mit einer Vielfalt einzigartiger, aufeinander abgestimmter Trainings-, Bildungs- und Forschungsprogramme (NZZ 26. 7. 02) wurde dem Museumstempel geopfert.

Auf unfreiwillige Weise wird das Newseum so selbst zum Kronzeugen dafür, woran die Branche krankt und wie wenig ernst sie ihre öffentliche Aufgabe nimmt. In der Aufmerksamkeitsökonomie glaubt sie, mit «Fluff» statt «Stuff», mit Zuckerwatte und grellen Verpackungskünsten überleben zu können – Showeffekte anstelle von Seriosität und Substanz.

Ein Mausoleum?
Zumindest das Timing für die Museumseröffnung war gelungen – rechtzeitig zur Jahrestagung der amerikanischen Verleger und Chefredaktoren und zum Papstbesuch, aber auch im Blick auf den rapiden Niedergang der US-Zeitungen. «Out of Print», hat Eric Alterman jüngst im «New Yorker» (31. 3. 08) einen bemerkenswerten Essay betitelt, in dem er «dem Tod und Leben der amerikanischen Zeitung» nachspürt. Die Tageszeitung, so spottet er in Anspielung auf das Newseum, sei in ihrem jetzigen Entwicklungsstadium womöglich reif dafür, «als Artefakt unter Glas ausgestellt zu werden». Aus dem Museum würde dann wohl alsbald ein giganteskes Mausoleum – das Newsoleum eben. Kein Ort der Besinnung allerdings, sondern der Ablenkung und des multimedialen Lärms, der mit «Grundrauschen» eher euphemistisch beschrieben ist.

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