Nachhilfe zur Finanzkrise

9. Mai 2012 • Ressorts • von

Weil die Schuldenkrise gerade wieder hochzukochen beginnt, sei im folgenden auf zwei Arbeiten verwiesen, die stark journalistisch geprägt sind und doch auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

Sie sind bereits 2011 in Reaktion auf das Krisendebakel in einem forschungsaffinen Umfeld entstanden – und dürfen dennoch für sich in Anspruch nehmen, im Mai 2012 aktueller denn je zu sein.

Gabriele Reckinger und Volker Wolff, beide hochangesehene Wirtschaftsjournalisten und letzterer darüber hinaus Journalistik-Professor an der Universität Mainz, haben etwas zustande gebracht, was im Zeitalter von Wikipedia und Corporate Spin Doctoring altmodisch anmuten mag, aber notwendiger denn je sein dürfte. Sie haben ein Kompendium „Finanzjournalismus“ verfasst, das alles andere als ein klassisches Lehrbuch ist und doch als Ratgeber in jede Wirtschaftsredaktion gehört. Weil das eklatante Problem des Finanzjournalismus im Zeitalter ausgedünnter Redaktionen und florierender Gratisangebote vor allem  mangelnde Sachkenntnis der hochkomplexen Finanzwelt sein dürfte, haben sie 56 beschlagene Kolleginnen und Kollegen gebeten, ihr Fachwissen zu einzelnen Stichworten preiszugeben. So ist ein bemerkenswert lesbares und kenntnisreiches Buch entstanden, das nicht nur über Behavioral Finance, Hedge Fonds, Private Equity, Termingeschäfte und anderes aufklärt, sondern Journalisten gezielt mit Tips versorgt, was sie zu solchen Themen bei ihren eigenen Recherchen wissen sollten.

Nur eine Kostprobe: Andreas Henry, bis vor kurzem Korrespondent der Wirtschaftswoche in New York, warnt vor einer Berufsgruppe, die sich inzwischen auch in renommierten Blättern mit ihren Börsentipps austoben dürfen: „Journalisten, die sich bei ihrer Arbeit stark auf das Urteil und die Berichte von Analysten verlassen, sind entweder zu faul, oder nicht in der Lage, sich etwa durch das Studium von Bilanzen oder durch eigene Recherchen ein Bild über ein Unternehmen zu machen.“ Ein guter Journalist liefere den Analysten Informationen, nicht umgekehrt. Vor allem sollten Journalisten wissen, in wessen Interesse Analysten agierten: Es gebe solche auf der „Sell Side“, die von einer Bank oder einem Broker beschäftigt würden und die „mit ihren Unternehmensstudien Aktienkäufe generieren sollen, für die die Bank oder der Broker dann Gebühren kassiert“. Analysten auf der „Buy Side“ arbeiteten dagegen für einen institutionellen Investor. Ein unabhängiges Urteil sei von solchen Leuten also eher nicht zu erwarten.

Zu einer ganz anderen Forschungsarbeit hat die Krise Cristina Marconi inspiriert, eine italienische Journalistin, die in Brüssel als Korrespondentin gearbeitet hat, bevor sie am Reuters Institute for the Study of Journalism in Oxford Fellow wurde. Sie hat sich angesehen, wie führende Blätter in Italien, Frankreich und Großbritannien über die Europäische Union und den griechischen Schuldenberg berichtet haben. Die Financial Times ausgenommen, beobachteten alle von ihr untersuchten Blätter die Geschehnisse in Brüssel jeweils „nur aus dem Blickwinkel nationaler Interessen“. Es gebe keine unvoreingenommene Sicht; damit verstellten sich die Journalisten den Blick auf das, was auf der europäischen Ebene wirklich passiere. Die Griechenland-Krise sei ein gutes Beispiel dafür, wie die Presse die „toughen“ Fragen zum Gebaren der EU-Institutionen gar nicht mehr stelle, gerade weil sie entweder ihre europhilen oder ihre euroskeptischen Vorurteile kultiviere. Es liege in der Natur der Sache, dass die EU sehr häufig Kompromisse kommunizieren müsse – also Politik-Ergebnisse, „mit denen sich oft keiner mehr richtig identifizieren kann.“

Das freilich gilt auch anderswo für die Kunst des Möglichen. Vielleicht ist das eigentliche Problem der EU ein ganz anderes: Sie investiert viel zu viel Geld in Selbstdarstellung und Public Relations – statt etwa durch eine großzügige Förderung  journalistischer Aus- und Weiterbildung an den wenigen europäischen Hochschulen und an Bildungsstätten wie dem European Journalism Center in Maastricht dafür zu sorgen, dass ihre Arbeit von wirklich fachkundigen, aber eben auch kritischen Journalisten begleitet wird.

Gabriele Reckinger/Volker Wolff (Hg.): Finanzjournalismus, Konstanz: UVK 2011

Cristina Marconi: Does the Watchdog Bark? The European Union, the Greek Debt Crisis and the Press, Reuters Institute for the Study of Journalism, University of Oxford, 2011

http://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/about/news/item/article/does-the-watchdog-bark-the-europea.html

Erstveröffentlichung: Schweizer Journalist Nr. 4+5/2012

 

 

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  • Aus meiner Sicht hat die EU selbst aber auch die Banken und andere Unternehmen keinerlei Interesse daran, das ihre Arbeit oder ihr Werk allgemein den normalen Bürgern verständlich gemacht wird. Dann würden sich diese nämlich fragen, was denn davon wirklich rechtens oder ethisch vertretbar sei.
    Die Presse müsste es selbst in die Hand nehmen aber dafür ist sie leider zu abhängig von großen Medienhäusern geworden. Kritisches Hinterfragen ist längst nicht mehr erwünscht.

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