Nicht traurig, aber wahr

4. Oktober 2010 • Ressorts • von

Meinung

Die Zahl 229 steht beispielhaft für eine Episode der neueren Mediengeschichte.

Wir können heute zu einem Schweizer Rekord gratulieren. Die neue Bestmarke steht auf 229. In den letzten 16 Monaten hat das Zürcher Verlagshaus Tamedia 229 Stellen von Journalisten abgebaut. Das ist auch europaweit ein Spitzenwert.

Wenn wir die normale Weltsicht eines Journalisten hätten, also eine linke Weltsicht, dann wäre der Fortgang dieser Kolumne voraussehbar. Wir würden nun zum gewerkschaftlichen Gezeter anheben, wonach der größte Verlag im Heimmarkt ein übler Zerstörer von Arbeitsplätzen sei.  Weil wir aber nicht die normale Weltsicht eines Journalisten haben, betrachten wir Tamedias Rekord unpolitisch und ungerührt. Wir listen zuerst einmal auf, wo die 229 Journalisten zuvor gearbeitet haben und warum sie rausgeschmissen wurden.

49 Köpfe rollten, wie soeben bekannt wurde, weil sich Tamedia bei Zürcher Oberländer, Zürcher Unterländer und Zürichsee-Zeitung einkaufte. Das ermöglichte Synergien bei den verschiedenen hauseigenen Lokalredaktionen und im sogenannten Mantelteil. Aus vergleichbarem Grund flogen 22 Journalisten in Bern, weil dort der einheimische Bund nun eng mit dem Zürcher Tages-Anzeiger kooperiert.

57 Journalisten feuerte man beim Stammblatt Tages-Anzeiger, weil die Redaktion zu fett und zu teuer geworden war. Aus demselben Grund mussten bei Edipresse 30 Journalisten gehen. Tamedia hatte den Westschweizer Verlag (Le Matin, Tribune de Genève) im Frühjahr 2009 übernommen. Das überlebende Edipresse-Management erkannte schnell, was die neuen Zürcher Herren erwarteten.

Weitere Kündigungen setzte es, weil Fehlinvestitionen bereinigt wurden. 27 Journalisten wurden vor die Tür gesetzt, als Tamedia das Gratisblatt News beerdigte. Weitere 17 waren weg, als das Solothurner Tagblatt eingestellt wurde. 27 Stellen wurden zudem abgebaut bei Fusionen und Restrukturierungen der Gratisblätter Le Matin Bleu, 20 Minutes und Berner Bär. Rechnen wir also nach: 49 plus 22 plus 57 plus 30 plus 27 plus 17 plus 27. Gibt im Total 229 Journalisten weniger. Ein stolzer Rekord, erreicht in gerade mal 16 Monaten. Wir gratulieren nochmals.

Nun sind Tamedia und ihr CEO Martin Kall tatsächlich einsame Rekordhalter, aber der Rekord erklärt, was in der Medienbranche geschah. Die Verlagsbranche ist seit der Krise nach 2008 definitiv in der real existierenden Wirtschaft angekommen. Es zählen nun auch hier die üblichen Kennzahlen jeder Ökonomie, also steigende Produktivität zu geringeren Kosten und damit verbesserte Effizienz.

Barbaresco von Gaja auf Spesen

Lange war das umgekehrt. In der Presse verdiente man über Jahrzehnte viel Geld ohne große Anstrengung. Die Anzeigenkunden hatten keine andere Wahl, und die Margen kletterten in guten Zeiten bis zur Zwanzig-Prozent-Grenze hoch. Die Redaktionen wuchsen und wuchsen. Die Spesenbudgets waren unbegrenzt. Zu unseren besten Zeiten blieben wir beim Italiener mit den Kunden und ein paar Flaschen Barbaresco von Gaja auch bis 17 Uhr sitzen.

Die schönen Zeiten sind vorbei. Darum wollen wir auch nicht dem Barbaresco hinterher jammern. Die schönen Zeiten sind überall zu effizienten Zeiten geworden. Opel produziert heute bessere Autos zu geringeren Kosten als je. Ikea produziert heute bessere Sofas zu geringeren Kosten als je.

Auch die Verlagsbranche produziert zu deutlich geringeren Kosten. Die Qualität des Angebots aber ist auch hier nicht schlechter geworden. Der Bund und der Tages-Anzeiger etwa sind inhaltlich nicht abgestürzt, im Gegenteil. Niemand trauert dem Gratisblatt News nach. Die neue Zürichsee-Zeitung wird das Niveau der alten Zürichsee-Zeitung haben. Es ist nicht traurig, aber wahr. Wir vermissen die 229 nicht.

Erstveröffentlichung: Weltwoche Ausgabe 39/10

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