Politisches Gelächter

6. Dezember 2016 • Ressorts • von

Regieren ist eigentlich eine ernste Angelegenheit. Doch immer mehr Politiker zeigen ihren Sinn für Humor. In satirischen TV-Comedy-Shows wird den Polit-Profis jenseits ihrer traditionellen Berufsrolle die Möglichkeit zur Selbstdarstellung im humoristischen Umfeld geboten. Die Medienwissenschaftler Andreas Dörner und Benedikt Porzelt haben die Rolle von Politikern in Comedy-Sendungen wie der „heute Show“ untersucht.

smiley-1706233_1920Auftritte in satirischen Fernsehsendungen bieten politischen Akteuren eine große Bandbreite an neuen Chancen, sich in unterhaltsamen Medienformaten einem Publikum zu zeigen. Dies ist gerade deswegen so relevant, konstatiert die Studie, da die Polit-Profis das Publikum auf konventionellen Kanälen kaum noch erreichen. Andreas Dörner und Benedikt Porzelt haben sich in ihrer Forschungsarbeit auf satirisch modulierte Interviews in verschiedenen, hybrid strukturierten Fernseh-Sendungsformaten fokussiert. Dazu wurden 523 Interviewauftritte von Politikern in deutschen Comedy- und Satiresendungen im Wahljahr 2013 (Bundestagswahl, Landtagswahlen in Niedersachsen, Bayern und Hessen und Kommunalwahl in Schleswig) analysiert und die Akteure sozialwissenschaftlich befragt.

Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass die „Humorkommunikation“ von Politikern in solchen Sendungen sehr unterschiedlich ausfällt. Sie entwickelten eine bisher nicht dagewesene Systematik zu Einflussfaktoren und Funktionslogiken: Ein entscheidender Aspekt für die Unterschiede ist, ob die politischen Akteure die komische Rahmung („Modulation“) erkennen und ihr Handeln danach ausrichten oder die Komik übersehen („Täuschung“). Darüber hinaus machen Dörner und Porzelt noch Sendeformat, Gesprächstypen, Rahmungen und Rollen für die Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten der Selbst- und Fremdinszenierung der politischen Akteure aus.

Sendeformate, also die konkrete Anlage der Formate, seien insofern entscheidend, als dass beispielsweise bei einer Sendung wie „Pelzig hält sich“ –  in der der Gastgeber eine Kunstfigur spielt –  sich die Politiker nicht sicher sein können, inwiefern der Moderator sie durch ein ironisches Rollenspiel irritieren will. Es geht also um Besonderheiten, die bei jedem Format anders sein können. Neben diesen formatspezifischen Kriterien ergibt sich, so die Wissenschaftler, auch eine Varianz durch die verschiedenen Gesprächstypen – vom aufgezeichneten Interview- oder Talk-Einspieler („Extra 3“ oder „heute-show“) über im Studio stattfindenden Variationstalk („Stuckrad-Barre“ oder „Circus Halligalli“), Satiretalk („Pelzig hält sich“ oder „heute-show“), dem weniger politischen Comedytalk („TV Total“), die humoristisch aufgelockerte Polit-Debatte („Absolute Mehrheit“) bis zur Game- oder Quizshow („Wer wird Millionär – Das Promi-Special“). Die Vielzahl an Gestaltungsmöglichkeiten der Selbst- und Fremdinszenierung entstehe auch durch die Rahmungen; die Situationsdeutungen der interagierenden Akteure. Die Bandbreite reicht da von einem Dialog mit offenen Rollen und scherzhafter Reflektion einer Politiker-Inszenierung bis zu einer Gag-Kommunikation, bei der die Unterhaltungslogik im Vordergrund steht. Dörner und Porzelt stellten zuletzt die Rollen, die in Sendeformat, im Gespräch und im Rahmen eingenommen werden, selber als Grund für die Unterschiede fest. Sie machten elf Politiker-Rollen aus: Vom eher weniger aktiv humoristisch kommunizierenden Getäuschten oder Verweigerer bis zum Einblick auf die politischen Hintergründe gewährenden Offenen.

Die Ergebnisse der Studie offenbaren für Politiker sowohl Potentiale, von sonst unerreichbarem Publikum gesehen zu werden, als auch Risiken, lächerlich gemacht zu werden. Und das kann nicht nur im Wahljahr 2013 für die politische Zukunft der Akteure bedeutsam sein.

Dörner A. & Porzelt, B. (2016). Politisches Gelächter. Rahmen, Rahmungen und Rollen bei Auftritten politischer Akteure in satirischen Interviews des deutschen Fernsehens. M&K Medien & Kommunikationswissenschaft, 64(3), 339 – 358. DOI:  10.5771/1615-634X-2016-3-339

Bildquelle: pixabay.com

 

 

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