Präpotenz und Hybris

18. August 2009 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Werbewoche

 Wenn es für Medienpräsenz eine Goldmedaille gäbe, dann wäre Silvio Berlusconi neben Barack Obama fraglos ein ernsthafter Anwärter. Der italienische Premierminister und Medienmogul sorgt nahezu täglich für „zuverlässige Überraschungen“, wie sie der Medienforscher Klaus Schönbach von Zeitungen erwartet. Berlusconi ist allgegenwärtig. Die Scheidungsklage und der Rosenkrieg mit seiner Frau Veronica, die angeblich zwei Milliarden Euro fordert, die Affäre mit einem minderjährigen Mädchen, die Paparazzi-Photos von den Feten, die auf seinem Landsitz in Sardinien gefeiert wurden, und die Prostituierte, die sich öffentlich über das Stehvermögen des 72-Jährigen ausliess, haben weltweit wohl für mehr süffisante Schlagzeilen gesorgt als der G8-Gipfel von Aquila.

Interessant ist indes, womit der omni- und präpotente Premierminister in den Medien Aufsehen erregt – und welche Geschichten wie gespielt bzw. nicht gespielt werden. Die Schlüsselrolle beim Blick durchs Schlüsselloch kommt nicht den italienischen Medien zu, die ja entweder Berlusconi gehören oder von ihm mehr oder minder erfolgreich eingeschüchtert wurden. Die kompromittierenden Photos hat die spanische Zeitung El Pais veröffentlicht, und weitere Details über Berlusconis Privatleben breitete vor allem Rupert Murdochs britische Tabloid-Presse genüsslich aus. Es waren auch beileibe nicht etwa der Corriere della Sera oder Il Sole 24 Ore, welche die handzahme Berichterstattung des italienischen Fernsehens zu Berlusconis Skandalgeschichten mit dem DDR-Fernsehen zu Honeckers Zeiten verglichen. Das besorgte vielmehr der britische Guardian. Auf dem Umweg über die Auslandspresse griffen dann allerdings auch italienische Blätter gierig nach solchen Vergleichen, während Il Giornale, die überregionale Tageszeitung des Berlusconi-Clans, ihrerseits Murdoch heftig attackierte.

Das Perfide ist indes, dass die Schamlosigkeit Berlusconis im Umgang mit Minderjährigen und Prostituierten als Medienthema seinen nicht minder schamlosen Umgang mit der Macht zu verdrängen droht: Missliebige Journalisten verlieren ihre Posten, Gesetze werden so zurechtgebogen, dass sie strafrechtliche Ermittlungen verunmöglichen, und Berlusconis Firmenimperium wird immer wieder vom Gesetzgeber bevorzugt.

Immerhin hat das Nachrichenmagazin L’Espresso jüngst in einer Titelgeschichte herausgearbeitet, wie Berlusconis Regierung – eher hinter den Kulissen – neuerlich parlamentarisch Weichen stellt, die sein Medienimperium gegenüber dem Wettbewerber Murdoch privilegieren. Vom linken Lager, dem auch La Repubblica zuzurechnen ist, wird der Cavaliere eifrig skandalisiert, aber diese Angriffe werden rechts der Mitte nicht aufgenommen, obschon das Mass längst übervoll ist und eigentlich gerade Konservative (einschliesslich der Katholischen Kirche) allen Grund hätten, zu Berlusconi auf Distanz zu gehen. Freiwillig wird der Premier, der mehr und mehr zum von Hybris geplagten Potentaten mutiert, indes seinen Posten kaum räumen. Geniesst er nicht mehr politische Immunität, hätte er nämlich neuerlich Strafverfolgung zu befürchten. Einmal vom Sockel gestürzt, könnte ihn die politisierte und ihrerseits unberechenbare italienische Justiz die letzten Jahre seines Lebens hinter Gitter befördern. Schon diese Aussicht dürfte ihn dazu verleiten, mit Zähnen und Klauen an der politischen Macht festzuhalten.

Längst droht Italien an seiner Gerontokratie zu ersticken. Dass Berlusconi 2008 wiedergewählt wurde, ist angesichts seiner Medienübermacht sowie des Zerfalls und der Zerstrittenheit der italienischen Linken kein Wunder. Eher gibt es schon Rätsel auf, wie er die Wahl zwei Jahre zuvor überhaupt verlieren konnte.

Unter italienischen Intellektuellen wird das alles verschämt als „italienische Anomalie“ umschrieben. Von aussen betrachtet, ist das ein Euphemismus. Die Pressefreiheit ist seit langem eingeschränkt. Es ist kein Zufall, dass sich Berlusconi und Putin offenbar bestens verstehen. Aber auch die Bedrohungs-Szenarien der Mafia verfehlen ihre Wirkung auf Journalisten nicht , was die Fachzeitschrift Problemi dell’informazione soeben neuerlich in einem umfangreichen Sonderheft dokumentiert hat. Italien verliert immer mehr den Anschluss an Europa.

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