Schweinegrippe: Nicht angesteckt, aber im Defizit

15. Dezember 2009 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Edito 5/2009

Die mediale Infizierung mit dem Schweinegrippevirus verläuft wie das Virus selbst: Von Land zu Land verschieden und mit unterschiedlicher Heftigkeit.

In dem Krankenhaus in Mexiko-Stadt, wo die ersten Schweinegrippe-Fälle behandelt wurden, gaben die Reporter sich Türklinken und Mikrofone in die Hand – ohne Mundschutz. In Deutschland wurde vom Boulevard bis zum Qualitätsblatt emotionalisiert. „Jetzt weigern sie sich uns zu impfen!“ blendete RTL ein, „Jetzt wird es richtig gefährlich“ schrieb die BILD. Und als Comedian Oliver Pocher erkrankte, spekulierte sie flugs: „Deutschlands erster TV-Moderator, der seine Show aus dem Krankenbett moderiert?“ Selbst die Süddeutsche Zeitung titelte „Die unaufhaltsame Seuche“. Das Internet mutierte weltweit von Anfang an zum Panikkanal. In den klassischen Schweizer Medien hingegen stieg das Dramatisierungsfieber langsam. Eine unvollständige Diagnose zur medialen Verantwortung zu einem Zeitpunkt, an dem noch keiner weiss, wie die Geschichte endet.

Phase 1. Alles begann im April 2009, als die Medien verbreiteten, die Weltgesundheitsorganisation WHO läute die Alarmglocke: In Mexiko sterben Menschen an der Schweinegrippe. Solche Informationen müssen Medien aufgreifen, ebenso, dass die WHO zwei Monate danach die Grippewelle zur Pandemie erhob. Erste Stimmen wurden laut, die Medien skandalisierten. Tatsächlich folgten diese Bezichtigungen eher dem Strickmuster, der Überbringer der schlechten Nachricht sei ihr Verursacher. Denn für die klassischen Schweizer Medien, Print wie Rundfunk, lässt sich, von einigen Ausrutschern abgesehen, keine Panikmache diagnostizieren. Man scheint gelernt zu haben.

Beim Thema Waldsterben hatten viele in schierer Öko-Hysterie die Bodenhaftung verloren. Rinderwahnsinn, Sars und Vogelgrippe waren keine Ruhmesblätter, viele Berichte über den Klimawandel auch nicht. Beim Thema Schweinegrippe hingegen wird Angst nicht geschürt, sondern thematisiert. Und Skepsis. Wie verdient der Pharmakonzern Roche am Grippe-Medikament Tamiflu? Investiert das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Werbespots und Infomaterial, um zu sensibilisieren? Oder auch, um ja nicht auf den bereits bestellten Impfdosen sitzen zu bleiben? Wissen die Experten mehr als sie zugeben? Oder wissen sie so wenig wie wir? Fragen, die Medienschaffende thematisieren und zu denen sie recherchieren müssen.

Phase 2. Im Juli wurden zwar weltweit 100.000 Infektionen bestätigt, aber die Todesrate lag mit einem knappen halben Prozent deutlich unter den zunächst befürchteten acht Prozent. Die Krankheit verläuft bei den meisten so moderat, dass sie sich zuhause behandeln lassen. Was nun? Entwarnen? Jeder Erkrankte könnte dies als Zynismus interpretieren. Also weiter warnen? Dann müsste aber auch weitere Dramatik ins Thema. Hinter vorgehaltener Hand erfuhr man, Journalisten aus Qualitätsmedien ebenso wie aus dem Boulevard hätten das BAG immer wieder mit der Frage belagert, ob die erste bekannt gewordene Schweizer Schweinegrippe-Patientin jetzt nicht doch gestorben sei…

In der Medienkarriere der Schweinegrippe verschärfte sich der Tonfall. Weil die tatsächliche Bedrohung niedriger war als vermutet, konzentrierte man sich aufs Befürchten. Eine Art „Sorgenjournalismus“ breitete sich aus: „Was wäre wenn“ wurde zur beliebtesten W-Frage vieler Journalisten, ein heimlicher Wettkampf um das am besten ausgeschmückte Szenario schien ausgelobt. Unterm Strich halten die Medien in der Schweiz Balance.

Phase 3. Im November, als der erste Impfstoff ausgeliefert war, ging mit dem Boulevard der Gaul durch. Der „Blick“ suggerierte den Klassenkampf: „Logistik-Flop! Halbe Schweiz wartet noch auf Impfstoff … Welche Promi-Kinder schon geimpft sind“ (20.11.2009). Offenbar will man Leser locken durch eine (vermeintliche) Gemeinheit, die naheliegen könnte, weil man eine ähnliche Debatte aus Deutschland kennt. Dort kursierte, für Kanzlerin Angela Merkel und andere Auserwählte sei „besserer“ Impfstoff vorgesehen als für Normalbürger. Der „Blick“ weiter: „Die Schweinegrippe fordert ihre Toten: Erst den kleinen Nino. Dann zwei Frauen im besten Alter.“ Das war noch eine Suggestion – nach dem Motto: Vorsicht! Eskalation!! Nun trifft es Menschen mitten im Leben!!! Im Text erfuhr man dann doch, weshalb diese Fälle wohl einen dramatischen Verlauf nahmen.

Unterm Strich bieten die Schweizer Medien jedoch weiterhin Solides – und sie sind dennoch zugleich im Defizit. Aus drei Gründen.

Erstens: Obwohl der Grat zwischen Information, Warnfunktion und Skandalisierung schmal ist, teilt keiner den Lesern, Hörern, Zuschauern mit, was gute Berichterstattung ausmacht, wo Grenzen sind und welchen Wert es für sie hat, wenn heikle Themen mit Qualität angepackt werden. Der Diskurs in den Redaktionskonferenzen ist leider kein Thema.

Zweitens: Obwohl Medien die ganze Gesellschaft und damit auch ihre Branche beobachten sollen, bleibt unterbelichtet, wie anderswo berichtet wird (und auch, was Kommunikationsforscher raten könnten).

Drittens: Obwohl neue Medien unaufhörlich Zulauf und Einfluss gewinnen – auch bei der eigenen Klientel – wurde kaum thematisiert, wie heillos die Schweinegrippe das Internet infizierte. Twitter profiliert sich als ideales Panikmedium. Das 140-Zeichen-Limit zwingt, extrem zu verkürzt, verstärkt und verbreitet Ängste breiter und schneller als je zuvor – und lässt kaum Platz für Dementis. Fast sekündlich zwitschert irgendwer „was mit Schweinegrippe“. Wir können uns hier informieren (zum Beispiel mit Weltkarte http://twitter.com/healthmap), gruseln (etwa über eine neue Virusmutation http://tiny.cc/GGO6S) und amüsieren (zum Beispiel mit dem Schweinegrippe-Webcomic http://xkcd.com/574/ oder dem Computerspiel „Swinefighter“, wo ein Tierarzt möglichst viele Schweine impfen muss).

Professionelle Medien sind nicht verantwortlich, wenn einer die Grippe einfängt, die Impfung schlecht verträgt oder alarmistisch twittert – und auch nicht dafür, dass Experten verschiedene Meinungen haben. Ihre Verantwortung ist: informieren, kritisieren, kontrollieren, orientieren, beitragen zur Meinungsbildung, so früh wie möglich warnen, Lebenshilfe bereithalten. Sie müssen keine Gewissheiten verkünden, wo keine sind. Sie dürfen nicht aus Angst, das Thema zu verpassen, auf Dramatik lauern – mehr Kranke, zu wenig Impfstoff, weitere Nebenwirkungen… Umgekehrt sollten sie auch nicht (vielleicht aus Angst, der Skandalisierung bezichtigt zu werden) das Thema in seiner vielfältigen Tragweite verpassen oder den kritischen Blick aufgeben.

Für die Recherche zu diesem komplexen Thema ist Fachwissen gefragt und Zeit notwendig. Hat das eine Redaktion nicht, besteht Fluchtgefahr ins Emotionalisieren oder hin zu banalen Fragen. Doch solche scheinbaren Auswege sind letztlich Ausreden, die den hohen Preis der Glaubwürdigkeit tragen. Wieder hilft nur Transparenz: Schildern, wenn man nichts weiss oder keine Möglichkeit hat, tiefer zu recherchieren. Soviel Zeit ist immer. Und generell müssen Journalisten, wie letztendlich alle, auch Ärzte, Immunologen, Gesundheitsbehörden…, dazu stehen, dass beim Thema Schweinegrippe zum heutigen Zeitpunkt keiner wirklich sagen kann, wie diese Geschichte endet.

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