Schweiz: Das Private gewinnt an Bedeutung

9. Juni 2006 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Neue Zürcher Zeitung

Die Sportberichterstattung grosser Schweizer Pressetitel seit 1945
Unter dem Einfluss des Fernsehens haben sich die Sportberichte der Presse deutlich gewandelt. Das Private erhielt mehr Gewicht. Eine Studie analysiert die Entwicklung grosser Pressetitel seit 1945.

Die Sportberichterstattung in Schweizer Printmedien hat sich unter dem Druck des Fernsehens inhaltlich und formal deutlich gewandelt. Dabei lassen sich klare Tendenzen in Richtung Boulevardisierung feststellen, welche sich in einer verstärkten Personalisierung und dem Gebrauch von unterhaltsamen Elementen wie Dramatisierungen und Humor widerspiegeln. Auf der Basis einer breit angelegten Inhaltsanalyse, in der über 8500 Artikel aus der Zeit von 1948 bis 2001 erfasst wurden, beleuchtet Daniel Beck (Universität Freiburg i. Ü.) die wichtigsten Entwicklungen und Veränderungen in den drei Tageszeitungen «Blick», «Tages-Anzeiger» und NZZ sowie den beiden Wochentiteln «Sport» und «Sport-Magazin».

Das Fernsehen ändert die Relationen

Mit dem Aufkommen der elektronischen Medien standen die Zeitungen unter gehörigem Konkurrenzdruck. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte der «Protokollstil» die Schweizer Sportberichterstattung. Das sportliche Geschehen wurde meist chronologisch wiedergegeben. Angesichts der technischen Möglichkeiten des Fernsehens, insbesondere der Direktübertragung, war diese Art der Berichterstattung allerdings bald nicht mehr zeitgemäss. Da Sportereignisse nun live am Fernseher mitverfolgt werden konnten, war eine detailgetreue zeitliche Wiedergabe des Sportgeschehens am Tag danach für die Leser nur noch von bedingtem Interesse.

Um dem drohenden Leserschwund entgegenzuwirken, konzentrierten sich die Pressetitel infolgedessen überwiegend auf die Analyse und Kommentierung der Ereignisse. Damit gewann der Sportteil in der Presse nicht nur an Attraktivität, sondern zwang die Redaktionen auch zu mehr Kreativität, zumal die Konkurrenz um die Gunst des Publikums auch unter den Zeitungen anwuchs. Der Sport im Fernsehen machte die Sportberichterstattung in der Tagespresse also durchaus nicht überflüssig: Einerseits stieg durch die vermehrte Übertragung von Sportanlässen das Interesse am Sport, anderseits konnten in den Live-Berichten des Fernsehens nur oberflächliche Informationen vermittelt werden. Aus diesem Grund blieb Platz für vertiefende Analysen in der Presse. Die Bedeutung des Sportteils nahm somit erstaunlicherweise auch als Verkaufsargument für die Zeitungen zu.

Heute scheinen dagegen nicht einmal mehr Analysen, Kommentare und Hintergrundinformationen das entscheidende Verkaufsargument der Printmedien zu sein. Die TV-Sportberichterstattung hat in der Zwischenzeit auch diese Funktion übernommen. Aus einem 90-minütigen Fussballspiel, so Beck, inszeniert das Fernsehen ein 4-stündiges Spektakel mit Vorberichten, Interviews im Studio und im Stadion, Umfragen unter Prominenten, der eigentlichen Übertragung, einer Halbzeit-Analyse sowie einer umfassenden Analyse und einer Zusammenfassung am Ende der Partie. Der Spielraum der Presse verengt sich zusehends. Was übrig bleibt, sind Ankündigungen und eine vertiefende Nachberichterstattung.

Fussballtrainer im Fokus

Aus der Studie geht ausserdem hervor, dass die erhebliche Boulevardisierung der Sportberichterstattung vor allem vom Stil des «Blicks» geprägt wurde. Entsprechend setzen Journalisten nicht nur immer häufiger dramatische Elemente ein, sondern beschränken die Berichte vermehrt auf massenattraktive Sportarten wie Fussball oder Eishockey. Darüber hinaus publizieren Medien immer häufiger auch Beiträge über das Privatleben von (Sport-)Stars und Sternchen. Insbesondere die Fussballberichterstattung fokussiert ihre Aufmerksamkeit massiv auf die Rolle des Trainers. Als neues Beispiel möge man sich an die Berichte über Köbi Kuhn oder Jürgen Klinsmann im Vorfeld der Fussball-WM erinnern.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die facettenreiche Studie einen Einblick in den Wandel der Sportberichterstattung in Schweizer Printmedien ermöglicht. Offen bleibt, wie sich die Berichterstattung unter dem zunehmenden Druck der neuen Medien weiter verändert: «Wenn Fernsehen und Internet immer häufiger auch Vor- und Nachberichte zu Sportereignissen liefern, werden sich Tageszeitungen möglicherweise nach neuen Nischen umsehen müssen.» Damit sieht sich die Presse mit einer neuen Herausforderung konfrontiert.

Daniel Beck: Der Sportteil im Wandel. Die Entwicklung der Sportberichterstattung in Schweizer Zeitungen seit 1945. Haupt- Verlag, Bern 2006. 348 S., Fr. 48.-.

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