Segen am Sonntag

12. August 2010 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Weltwoche Nr. 30-31/2010

Auch dieser Sommer zeigt uns den Unterschied zwischen Leitmedien und Lightmedien.

Welche Themen haben bisher diesen Sommer dominiert? Und welche Medien haben diese Themen gemacht?
Bevor wir zur Antwort kommen, müssen wir kurz definieren, was ein Thema ist. Ein Thema ist das Gegenteil einer News. Eine News ist kurzlebig. Spätestens nach 24 Stunden ist sie tot. 24 Stunden nach dem Rücktritt von Moritz Leuenberger zum Beispiel interessierte sich kein einziger Journalist mehr für Leuenberger.
Ein Thema hingegen ist langlebig. Wenn man Glück hat, überdauert es mehrere Tage, vielleicht sogar Wochen. Natürlich überdauert das Thema nur, wenn man das Thema am Kochen hält.

Am 11. Juli fragte die Sonntagszeitung den FDP-Präsidenten Fulvio Pelli, ob nun auch FDP-Bundesrat Hans-Rudolf Merz zurücktreten solle. Entgegen ihrer Erwartung sagte er, Merz solle bleiben. Am 11. Juli fragte auch der Sonntag den FDP-Präsidenten. Pelli sagte dasselbe. Am 11. Juli fragte auch die NZZ am Sonntag den FDP-Präsidenten. Pelli sagte dasselbe.

Seitdem ist das ein Thema. Soll Merz? Soll er nicht? Spannen SVP und SP zusammen oder nicht? Zweiervakanz? Dreiervakanz? Und was macht die CVP?
Es gibt in der Publizistik den Begriff der Leitmedien. Er meint zweierlei. Zunächst sagt er aus, welche Mediengattung eine Epoche dominierte. Das waren erst die Zeitungen, dann im Zweiten Weltkrieg das Radio, ab den sechziger Jahren das Fernsehen, und heute ist es das Internet. Der Begriff meint aber auch auf kürzere Sicht, wer jeweils die Themensetzung in den Medien bestimmt.

Wir können das am Beispiel dieser EU-Diskussion aufzeigen, die plötzlich aus dem Nichts hochkam. Auch hier waren es die Sonntagszeitungen, die den Ton setzten. Erst vermeldete die Sonntagszeitung, Bundespräsidentin Doris Leuthard wolle einen modifizierten EWR. Dann legte die NZZ am Sonntag nach, den EU-Oststaaten seien nochmals 1,6 Milliarden Franken auszuzahlen. Dann grub der Sonntag ehemalige EWR-Gegner aus, die nun ihre Meinung gewechselt hatten. Alle drei meldeten zudem steigenden EU-Druck auf die Schweiz. All das wurde von Radio, TV und Tageszeitungen aufgesaugt und angereichert.

Natürlich kann man sagen, die Themen seien völlig aufgeblasen. Das ändert nichts daran, dass es die Themen waren. Das Triumvirat von Sonntagszeitung, Sonntag und NZZ am Sonntag ist heute beim politischen Agenda-Setting der dominierende Treiber im Land. Der Sonntagsblick, früher die vierte Kraft, hat hingegen an Einfluss verloren.
Die führenden Tageszeitungen rennen dem Triumvirat meist hinterher. Das ist vor allem im Fall NZZ wenig erstaunlich. Seit im Journalismus nicht mehr Gesinnungen, sondern Geschichten zählen, ist sie kein Leitmedium mehr. NZZ-Journalisten lancieren keine relevanten Themen. Sie recherchieren ungern. Ihre Stärke ist eher, die Recherchen der anderen im Nachhinein nüchtern zu analysieren.

Auch die anderen großen Blätter kommen selten über unpolitische Schnellschüsse hinaus. Der Blick und die Berner Zeitung hatten diesen Sommer zumindest beim Bootsunglück auf dem Bielersee den Lead. Der Tages-Anzeiger war beim Hanfbauern Bernard Rappaz dran. Der Sonntagsblick hatte den Primeur um gierige Krankenkassenmanager bei der KPT. Aber Themen waren das nicht, es waren nette Storys.

Die drei Sonntagszeitungen verdanken ihre thematische Lufthoheit der artentypischen Leere in ihren Spalten. Sie erscheinen am nachrichtenärmsten Tag der Woche. Außer etwas Fussball ist nichts los. Sie sind dadurch unter Zwang, Inhalte zu finden, am besten Inhalte, die über Wochen halten. Tageszeitungen hingegen können immer noch von der tagesaktuellen Hand in den Mund leben.

Die Hierarchie ist damit gesetzt. Sonntags erscheinen die Leitmedien, werktags die Lightmedien.

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