Die US-Medien empfehlen Obama

3. November 2008 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: St. Galler Tagblatt

In der veröffentlichten Meinung der US-Medien ist der Demokrat Barack Obama bereits Gewinner der Präsidentenwahlen. Das zeigt eine wissenschaftliche Auswertung.

Wenn es nach den amerikanischen Medien ginge, dann hätte Barack Obama die Wahlen bereits haushoch gewonnen. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls die jüngste Analyse des «Project for Excellence in Journalism», das den Wahlmarathon wissenschaftlich begleitet hat.Dreimal so negativ

Während die Medien insgesamt über Obama ausgewogen berichtet hätten und sich positive und negative Statements in etwa die Waage hielten, seien in den letzten sechs Wochen vor der Wahl über John McCain dreimal so viele negative wie positive Aussagen veröffentlicht worden.

Mehr über Sarah Palin

Nur in einem Punkt liegt McCain inzwischen mit Obama gleichauf: Beim Umfang der Medienberichterstattung, die sich zunächst stark auf Obama konzentrierte, hat McCain aufgeholt. Auch Sarah Palin, die anfangs viel positive Medienaufmerksamkeit auf sich lenken konnte, habe in den letzten Wochen deutlich an Glanz verloren. Immerhin habe sie dreimal so viel Berichterstattung ausgelöst wie der demokratische Vizepräsidentschaftskandidat Joe Biden.

Ein Blick auf die diesjährigen Wahlempfehlungen bestätigt dieses Bild. Anders als in Deutschland oder Italien, wo solche Empfehlungen – zum Beispiel der «Financial Times Deutschland» oder des «Corriere della Sera» – eher als skurrile Marketing-Gags empfunden wurden, ist es in Amerika Tradition, dass Tageszeitungen ihren Leserinnen und Lesern sogenannte «Endorsements» mit auf den Weg zur Wahlurne geben.

So vermeldet die Fachzeitschrift «Editor & Publisher» als derzeit letzten Stand 194 Empfehlungen zugunsten von Obama, aber nur 82 für McCain. Auch meinungsführende Blätter wie die «New York Times» und die «Washington Post» haben sich für Obama stark gemacht. Im letzten Wahlkampf hatte John Kerry mit 213 Empfehlungen nur einen knappen Vorsprung vor George W. Bush mit 205.

Angeblich haben solche Wahlempfehlungen jedoch keinen Einfluss auf die Nachrichtengebung der Zeitungen. Zu den Mythen des amerikanischen Journalismus gehört die strikte Trennung von Nachricht und Kommentar.

Der zerstörte Mythos

«Facts are sacred, comments are free», heisst die Zauberformel – die Fakten sind heilig, Kommentare sind frei. Doch bei genauerem Hinsehen ergibt sich auch hier ein anderes Bild. Riccardo Puglisi von der Freien Universität Brüssel und James Snyder vom Massachusetts Institute of Technology haben soeben bei einem internationalen Workshop von Medienökonomen, den die Universität Zürich veranstaltete, den Mythos gründlich zerstört. Die beiden Forscher haben analysiert, wie 200 US-Zeitungen über 35 verschiedene politische Skandale berichtet haben.

Rücksicht im Lokalen

Dabei haben die Wissenschafter eine hohe Übereinstimmung zwischen Wahlempfehlungen und Skandalisierung festgestellt: Zeitungen, die Empfehlungen zugunsten demokratischer Kandidaten abgegeben haben, hätten in ihrem Nachrichtenteil deutlich öfter republikanische Politiker skandalisiert – und umgekehrt.

Sofern es sich um lokale Skandale im Einzugsbereich der Zeitung gehandelt habe, hätten die Zeitungen allerdings bei ihrer Berichterstattung auch auf die politischen Präferenzen ihrer Leserinnen und Leser Rücksicht genommen. Soll heissen, die Leserinnen und Leser geben die politische Tönung der Zeitung vor, nicht umgekehrt.

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