Vogelgrippe und Heuschreckenalarm als Medienspektakel

3. Dezember 2005 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Neue Zürcher Zeitung

Die «vierte Gewalt» unter der Lupe – wie Journalisten (auch) im Eigeninteresse handeln
Gerade wenn es in der Medienbranche kriselt, sehen sich Journalisten gerne als Opfer der Ökonomisierung. Dabei übersehen sie, dass sie selber nicht nur hehren, dem Allgemeinwohl dienenden Zielen, sondern durchaus auch dem Eigeninteresse folgen. Und so gehören «Tauschgeschäfte» mit Unternehmen und Politikern zur Tagesordnung. Medien- und redaktionsinterne Diskussionen darüber wären deshalb angezeigt.

Lässt man die Ereignisse Revue passieren, die in den vergangenen Monaten Top-Themen der Medien waren, dann lässt sich schon jetzt ein Fazit für 2005 ziehen: Es war ein – wahrhaft – tierisches Jahr. Die Vogelgrippe und die von ihr ausgehenden unwägbaren Gefahren beherrschten die Schlagzeilen deutschsprachiger Medien, obschon über Wochen hinweg kein einziges Opfer in halbwegs unmittelbarer Nachbarschaft zu beklagen war. Selbst der aus Brasilien importierte Papagei, der in Grossbritannien von der Käfigstange fiel, wurde mittlerweile rehabilitiert.

In den Monaten zuvor hatte die Invasion der Heuschrecken Furore gemacht – geschickt konnte der seinerzeitige SPD-Chef Franz Müntefering das Faible der Journalisten für griffige Bilder nutzen, um eine – vor allem auf die Befriedung seiner eigenen Partei angelegte – Phantomdebatte über den schädlichen Einfluss angelsächsischer Investoren auf die deutsche Wirtschaft zu lancieren. Und schliesslich die unvergessliche Elefantenrunde am Abend der Bundestagswahl, in der Noch-Kanzler Gerhard Schröder im Gespräch mit ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender ein Komplott gegen seine Regierung witterte. An diesem hatte sich, laut Schröder, offenbar fast alles beteiligt, was Rang und Namen im deutschen Journalismus hat.

Angekratzter Ruf der «vierten Gewalt»

Vogelgrippe, Heuschreckenalarm, Elefantenrunde – drei Stichworte, die nicht nur fundamentale Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft manifest machen, sondern auch für einen schleichenden Wandel im Journalismus stehen, dessen Folgen allmählich unübersehbar werden: Der Nimbus von der «vierten Gewalt» ist angekratzt, von welchem der Journalismus, nicht zuletzt nach «Watergate», lange gezehrt hat.

In den 1990er Jahren machte erstmals das Schlagwort von der «Ökonomisierung» die Run- de. Medienpraktiker und Medienbeobachter diskutierten die unerquicklichen Folgen, die ver- änderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen für den Journalismus gezeitigt hatten. Angesichts sprudelnder Gewinne in der Medienbranche wurde zunächst das Profitstreben vieler Medienmanager und – inzwischen börsennotierter – Medienkonzerne gegeisselt. Nach der Jahrtausendwende kamen plötzlich vor allem die Zeitungen durch Internet, Gratiszeitungen, rückläufige Werbebuchungen, aber auch zunehmende Lese- Unlust bei der nachwachsenden Generation wirtschaftlich in Bedrängnis. Das Geschäftsmodell des anspruchsvollen Qualitätsjournalismus war – und ist – in Frage gestellt. Den Journalisten gelang es dabei wundersamerweise in der Boomphase ebenso wie in der Krise, sich stets als «Opfer» der Ökonomisierung darzustellen, nie als eigeninteressiert handelnde «Täter». Dass dies eine Fehleinschätzung ist, zeigt sich rasch, wenn man sich aus ökonomischem Blickwinkel eingehender mit den genannten Medienthemen des Jahres 2005 beschäftigt.

Sind auch Journalisten Heuschrecken?

Der Invasion der Heuschrecken in den deutschen Kapitalmarkt war beispielsweise deswegen ein so grosser publizistischer Erfolg beschieden, weil Müntefering es auf unnachahmliche Weise verstanden hatte, ein dem Grunde nach abstraktes und für das breite Publikum eher langweiliges Thema auf einen bildmächtigen Begriff zu reduzieren. Angefangen bei der Bibel bis hin zur Diktion der Nazis bot dies weitesten Raum für daran anknüpfendes journalistisches Räsonnement. Wochenlang beherrschte das Thema Meinungsseiten und Talkshows, ohne dass den markigen Worten irgendeine politische Initiative gefolgt wäre.

Niemand allerdings kam auf die Idee, zu fragen, ob wir es möglicherweise auch und gerade im Journalismus längst mit einer Heuschreckenplage zu tun haben. Dabei ist es doch offensichtlich so, dass sich Journalisten wiederkehrend in Schwärmen auf einzelne Themengebiete stürzen. Dort nagen sie dann unter aufgeregtem Gesumme alles bis auf die Wurzel ab, was sich medial verwerten lässt. Anschliessend erheben sie sich nahezu zeitgleich wieder in die Lüfte, um nach einem neuen abgrasbaren (Berichterstattungs-)Feld Ausschau zu halten. Wir kommen auf die Vogelgrippe als jüngstes Beispiel später zurück.

Rudeljournalismus

Ökonomen sprechen in solchem Kontext von der «Tragik der Allmende»: Ein öffentliches Gut wird so lange übernutzt, bis es nicht mehr zu gebrauchen ist. Im klassischen Beispiel ist das eben die «Allmend», ein gemeindlicher Weidegrund, der allen gemeinschaftlich und «kostenlos» zur Verfügung steht – aber eben nur so lange, bis er vom Vieh restlos leer gefressen ist. Im Journalismus ist das nicht viel anders: Jede auch noch so exklusive Nachricht verwandelt sich im Moment ihrer Publikation von einem «privaten» in ein «öffentliches» Gut: Der Journalist, der den Scoop als Erster hatte, und sein Medium, das die Nachricht auf den Markt wirft, mögen daraus noch einen Extragewinn erzielen können. Doch in dem Moment, in dem sie veröffentlicht ist, wird eine Nachricht zum Gemeingut, von dem alle Redaktionen profitieren.

Und die Medienschaffenden, die sich dann am Rudeljournalismus beteiligen, verhalten sich kaum anders als die Bauern auf der Allmend – oder als pfiffige Investoren, die einerseits Risiken abwägen und andererseits mit einem Minimum an eigenem Aufwand Erfolge einfahren möchten, also gerne auf einer Welle als «free rider» mitsurfen, solange diese Welle eben trägt. Und sie kann im Journalismus lange tragen: Die Twin Towers des World Trade Center hat vermutlich fast jeder von uns Dutzende Male einstürzen gesehen. Sars, BSE, Anthrax, der CDU-Spendenskandal haben uns wochenlang in Atem gehalten, bevor sie «ausgelutscht» waren. Der Clinton-Lewinsky-Skandal hat gar über Monate hinweg alle öffentliche Aufmerksamkeit in Washington absorbiert. Medien- Hypes ähneln durchaus den viel beschworenen «Blasen» an der Börse, auch weil sie von heute auf morgen platzen können.

Haushalten bei der Recherche

Viele Journalisten sehen sich dagegen – dem erkennbaren Herdentrieb zum Trotz – selbst gerne als «Spürhunde» im «Recherchefieber». Der US-Chefredakteur Frank Denton hat einmal gespottet, er und seine Kollegen nutzten als Erfolgsmass noch immer «die Zahl der Köpfe, die wir an unsere Wand pinnen können, weil deren Inhaber aus dem Amt gejagt oder gar ins Gefängnis geworfen wurden». Tatsache ist indes, dass für Recherchen immer weniger Zeit bleibt – auch weil die meisten Medienhäuser ihre Redaktionsetats stutzen. Somit müssen Journalisten mit ihren Ressourcen knausern, also: ökonomisch haushalten. Bei welchem Thema lohnt es sich, Zeit und Geld für Recherchen aufzuwenden? Wird das Einschaltquoten oder Auflagensteigerungen – also eine Art Rendite – abwerfen? Und fährt man nicht am Ende besser, wenn man die Mühsal der Investigation dem Kollegen bei der renommierten überregionalen Zeitung überlässt? Eine schöne Schlagzeile fällt am Ende ja doch für die Trittbrettfahrer ab – gratis, versteht sich.

Am Beispiel der Vogelgrippe lässt sich zeigen, welch durchaus eigennützige Überlegungen hinter so manchen Schlagzeilen, staatsmännischen Kommentaren und Besorgnis suggerierenden Live-Schaltungen stecken: Das Thema hat einen hohen Nachrichtenwert, gibt Stoff für viele Seiten her, da es die Urängste von Millionen Menschen vor einer sich unsichtbar ausbreitenden tödlichen Seuche anspricht. Zugleich hält sich der Aufwand für die Recherche in engen Grenzen. Konsumentenschützer und Gesundheitsexperten bieten sich als Gesprächspartner an, Nachrichtenagenturen liefern die Zahl der verendeten und geschlachteten Tiere in fernen Ländern ins Haus, und die Recherchen beschränken sich häufig darauf, bei den örtlichen Apotheken nachzufragen, wie es denn mit Absatzzahlen und Lieferbarkeit von «Tamiflu» stehe, dem bisher offenbar einzigen wirksamen Medikament gegen eine Infektion mit dem Virus. Dass explizit oder implizit in gnadenlosen Kosten-Nutzen-Kategorien gedacht wird, prägt also nicht (mehr) nur die Arbeit von Investoren, sondern auch vieler Journalisten.

Kapitalistische Zwänge

So erscheint es einerseits mutig, wenn der Chefredakteur der «Berliner Zeitung», Uwe Vorkötter, vor einigen Wochen einen offenen Brief auf der Seite 3 seiner Zeitung abdrucken liess, in dem er vehement vor einer – bisher beispiellosen – Übernahme des Berliner Verlags durch eine britische Investorengruppe um David Montgomery warnte. «Die Maximierung der Rendite ist nicht das Ziel unserer Arbeit», schrieb er. «Wir haben publizistische Ambitionen, die gleichwertig neben dem wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens stehen.» Viele Medienvertreter, die über ihren Beruf nachdenken, würden sich glücklicherweise Vorkötters Sichtweise anschliessen.

Gleichwohl bleibt ein schaler Nachgeschmack, denn gerade wer sich mit jüngeren Journalisten unterhält, die noch nicht fest in den Redaktionssesseln sitzen und dort von schützenden Tarifverträgen profitieren, der hört aus den unterschiedlichsten Medienhäusern viel von Kurzfristverträgen und kargen Zeilenhonoraren. Und das hat möglicherweise mehr, als sich die etablierten festangestellten Kollegen eingestehen möchten, mit eben jenem «Heuschrecken-Kapitalismus» zu tun, den sie an anderer Stelle so gerne geisseln.

Kaum verwunderlich denn, dass viele der oftmals auch «outgesourcten» freien Journalisten sich nach Auftraggebern umsehen, die sie nicht am Hungertuch nagen lassen – und in der PR- Branche fündig werden, wo sie sich dann ein Zubrot verdienen. Damit kommt freilich ein Teufelskreis in Gang, der die Ressourcen-Basis des Journalismus weiter auszuzehren droht. Denn je mehr Material, das auch nach journalistischen Kriterien professionell aufbereitet ist, von den PR-Agenturen und -Abteilungen gratis in die Redaktionen gespült wird, desto grösser wird dort die Versuchung, solche Pressemeldungen ohne aufwendige Zusatz-Recherche in ein redaktionelles Angebot zu verwandeln. Dies dürfte wiederum kostenbewusste Verlagschefs dazu veranlassen, auch die nächste frei werdende Redaktorenstelle einzusparen.

Andererseits wird aber der Erfolg beim Lancieren von PR-Meldungen auch viele Unternehmen, Regierungsstellen und Non-Profit-Organisationen nachdenklich stimmen. Für sie liegt es nahe, Werbebudgets daraufhin zu durchforsten, ob sich nicht manche Botschaft besser und billiger über PR kommunizieren liesse. Macht das Schule, so werden die Verlagschefs neuerlich sinkende Werbeeinkünfte verbuchen – und damit noch weniger Geld in der Kasse haben, um Redaktoren zu bezahlen.

Tauschgeschäfte

Doch nicht nur die Grenzen zwischen PR und Journalismus verschwimmen zusehends. Die Elefantenrunde des deutschen Wahlabends war gerade deswegen so ernüchternd und erhellend zugleich, weil sie schlaglichtartig die eigentümliche Nähe zwischen Journalisten und Politikern beleuchtete. Die sonst eher verdeckten, gleichwohl allgegenwärtigen Tauschgeschäfte wurden für jedermann sichtbar. Wer erstaunt lauschte, wie Schröder und Brender sich da vor laufender Kamera anpolterten, der fühlte sich auf peinliche Weise an einen Familienkrach erinnert.

Im späteren Verlauf des Wahlabends soll Schröder dann auch noch einen «Spiegel»-Redakteur rüde angegangen haben – ausgerechnet, denn noch im Jahr zuvor hatte der Kanzler in einem Fernsehinterview einmal freimütig bekannt, wenn er eine wichtige Information lancieren wolle, dann «gehe» er damit eben zum Hamburger Nachrichtenmagazin. Kein Wunder, dass «Spiegel»-Chefredaktor Aust später seinen «rasenden» Ärger über Schröders Bemerkung zu Protokoll gab – legte der als «political animal» und Medienprofi bewunderte Ex-Kanzler damit doch die Mechanismen des Informationsmarktes bloss, der sich in der Grauzone zwischen Politik und Journalismus etabliert hat.

Exklusive, oft allerdings auch nur scheinbar exklusive Informationen werden von politischer Seite gegen Aufmerksamkeit getauscht und vorab an ausgewählte Medienvertreter abgegeben – vorzugsweise von jenen «Leitmedien», die zuverlässig dafür sorgen, dass die Nachricht dann auch von den Rudeljournalisten anderswo aufgegriffen wird. Die so beglückten Nutzniesser bedanken sich mit einer Schlagzeile, die etwas grösser oder positiver ausfällt, als es eigentlich angemessen wäre.

Information über Desinformation

Vogelgrippe, Heuschreckenplage, Elefantenrunde – alle drei Beispiele zeigen, dass Journalisten, anders als gerne landläufig suggeriert, durchaus ökonomisch kalkulieren können und müssen. Vor manch einer Berechnung drückt sich die Branche allerdings gern – wenn es um die Nebenwirkungen der eigenen Arbeit geht. Fraglos stiften die Medien für die Allgemeinheit hohen Nutzen, wenn sie sachgerecht und unaufgeregt informieren. Die Kosten, die sie der Gesellschaft, einzelnen Branchen oder Personen – oftmals recht gedankenlos – als externe Effekte aufbürden, wenn sie sensationalisieren, verzerren, nicht hinreichend recherchieren und damit letztlich desinformieren, bleiben im öffentlichen Diskurs hingegen unterbelichtet. Daher wäre es an der Zeit, die Diskussion um «Corporate Governance» und «Corporate Social Responsibility» auch in Medienunternehmen und Redaktionen zu intensivieren.

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