Wissenschaftler auf dem Weg in die Öffentlichkeit

10. Februar 2014 • Ressorts • von

Wissenschaftler befinden sich in einem Spannungsfeld der Wissenschaftskommunikation: Auf der einen Seite sind sie verpflichtet, ihre Erkenntnisse in wissenschaftlichen Medien zu publizieren. Auf der anderen Seite werden sie von verschiedenen Seiten aufgefordert, sich an öffentlichen Diskursen über Wissenschaft und Technik zu beteiligen.

Mediale Prominenz von Wissenschaftlern kann jedoch in Konkurrenz zu wissenschaftlicher Reputation treten, wenn Erstere mit Letzterer nicht übereinstimmt. Im Normalfall wird mediale Prominenz durch das Wissenschaftssystem nicht honoriert. Sie kann im Gegenteil sogar zu einem Reputationsverlust innerhalb des Wissenschaftssystems führen.

Auch an Schweizer Hochschulen tätige Wissenschaftler kennen dieses Spannungsverhältnis, wie das Dissertationsprojekt „Wissenschaftskommunikation aus der Sicht von Forschenden“ zeigt. So wird die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft von den befragten 33 Forschenden aus den Bereichen Biologie, Genetik, Agronomie, Medien- und Politikwissenschaft heute als eine relevante Aufgabe angesehen. Die Rede ist gar von einer Verpflichtung zur Kommunikation mit der Gesellschaft.

Vielfältige Kommunikationsaktivitäten

Die Befragten sehen die Wissenschaftskommunikation aber nicht nur theoretisch als eine wichtige Aufgabe an. Praktisch alle haben sich in der Vergangenheit auch schon in irgendeiner Form an öffentlicher Kommunikation beteiligt, sei es im Rahmen eines öffentlichen Vortrages, einer öffentlichen Führung oder einer Weiterbildungsveranstaltung. Die Kommunikationsaktivitäten sind dabei sehr vielfältig, erfolgen auf allen Ebenen der Öffentlichkeit und sind auf diverse, mehr oder weniger eng definierte Zielgruppen ausgerichtet.

Dabei gelten bei den Wissenschaftlern öffentliche Vorlesungen als ein zentrales Mittel, um Wissen an die Öffentlichkeit zu vermitteln. Außerdem zeigt sich auch hier – wie bereits schon in anderen Studien – die große Bedeutung der Medienöffentlichkeit, was als ein Anzeichen für die Medialisierung der Wissenschaft verstanden werden kann. Viele der Befragten nennen die Medien als wichtige Zielgruppe im Rahmen der Wissenschaftskommunikation. Ein großer Teil von ihnen verfügt außerdem über konkrete Erfahrungen mit den Medien, die grundsätzlich positiv bewertet werden, wie folgendes Zitat eines Naturwissenschaftlers stellvertretend zeigt:

„Meine Erfahrungen sind im Allgemeinen gut. Die allermeisten Journalistinnen und Journalisten sind ehrlich bemüht, die Fakten zu verstehen und diese auch korrekt wiederzugeben, auch wenn sie es dann manchmal in einer Art und Weise machen, mit der wir nicht glücklich sind. Aber man kann ihnen nicht vorwerfen, dass sie die Sachen willentlich falsch darstellen.“

Die Erfahrungen mit der Wissenschaftskommunikation basieren jedoch mehrheitlich auf eher zufällig zustande gekommenen Kommunikationsbegebenheiten. So verfügt die Mehrheit der Befragten für die Kommunikation mit der wissenschaftsexternen Öffentlichkeit nicht über eine Strategie. Einige der befragten Forschenden entscheiden im Verlaufe oder am Schluss eines Projektes, ob sie über interessante Resultate außerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft informieren wollen und versuchen dann, einen Artikel zum Beispiel im Tages-Anzeiger oder der Neuen Zürcher Zeitung zu platzieren.

Außerdem wird der kleinste Teil der Kommunikation regelmäßig aktiv von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern initiiert. Viel eher kommt die Kommunikation passiv zustande, indem Anfragen von außen, von Journalistinnen und Journalisten, von Organisationen, Schulen etc., an die Wissenschaftler herangetragen werden.

Wissenschaftsexterne Kommunikation ist für die Mehrheit der Befragten zweitrangig. Sie kommt erst in Frage, wenn die wissenschaftliche Arbeit, und in vielen Fällen auch die Publikation der Resultate in hochrangigen wissenschaftlichen Zeitschriften, abgeschlossen sind. Letzteres ist für die Naturwissenschaftler noch wichtiger als für die Sozialwissenschaftler. Auch außerhalb der Wissenschaftsgemeinde fänden die Resultate nach der Publikation in Fachzeitschriften mit Peer Review mehr Anerkennung. Die Publikation in diesen Zeitschriften zeige, dass die Resultate wasserdicht und durchdacht seien, was besonders bei politisch aufgeladenen Themen wichtig sei.

Mehrere Hindernisse

Diese Studie macht damit deutlich, dass bei den befragten Forschenden zwischen Intention und Handlung eine deutliche Diskrepanz besteht, und dass einer Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft mehrere Hindernisse im Weg stehen. Als Haupthindernis für ein stärker aktives, öffentliches Engagement nennen die Befragten normative Erwartungen des Wissenschaftssystems, und zwar primär die Befürchtung, dass öffentliche Reputation die wissenschaftliche gefährdet oder zumindest weniger Anerkennung von Kolleginnen und Kollegen erhält.

Daneben werden aber auch fehlende Zeitressourcen sowie fehlende Kommunikationskompetenz als Hindernisgrund genannt. Die Befragten befinden sich erst auf dem Weg in die Öffentlichkeit. Somit müssen Anreize nicht geschaffen werden, um die Bereitschaft für ein öffentliches Engagement zu fördern, sondern um die grundsätzliche Bereitschaft in konkretes Handeln zu überführen.

Die präsentierten Befunde stammen aus meiner Dissertation „Wissenschaftskommunikation aus der Sicht von Forschenden“. Ich habe Leitfadeninterviews mit 33 an Schweizer Hochschulen tätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus zwei durch den Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsprogramme geführt – „Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen“ (NFP 59) bzw. „Herausforderungen an die Demokratie im 21. Jahrhundert“ (NFS Demokratie).

Das Projekt untersuchte das kommunikative Handeln mit der wissenschaftsexternen Öffentlichkeit der Wissenschaftler aus einer strukturationstheoretischen Perspektive. Faktoren wie Organisationszugehörigkeit, Wissenschaftsdisziplin oder Forschungsbereich wurden in die Analyse ebenso mit einbezogen wie Deutungsmuster und Konzepte, unter anderem von Wissenschaft, vom Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft, von Öffentlichkeit oder von Wissenstransfer.

Bildquelle: P Shanks / Flickr CC

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