Zur Skandaldynamik in der Wirtschaft

18. April 2012 • Ressorts • von

Internationale Großbanken und Unternehmen stehen seit einigen Jahren europaweit zunehmend im Fokus der – oftmals skandalisierten – Berichterstattung.

Inwieweit Skandalisierungen in der Wirtschaftsberichterstattung in der Schweiz seit den 1960er Jahren zugenommen haben, hat nun der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich analysiert. Wichtigstes Ergebnis: Die fög-Studie „Zur Skandaldynamik in der Wirtschaft“ zeigt eine kontinuierliche Zunahme der Bedeutung von Wirtschaftsskandalen im Mediendiskurs. Vor allem ab den 1990er Jahren erhalten Skandalisierungen von Wirtschaftsthemen massiv mehr Aufmerksamkeit.

Immer häufiger gehören sie seitdem in der Berichterstattung der vom fög untersuchten Medien Neue Zürcher Zeitung, Tages-Anzeiger und Blick zu den zehn größten Kommunikationsereignissen pro Jahr. Während in den 1980ern vor allem die Pharmabranche mit dem Seveso-Giftgasskandal und dem Brand beim Chemiekonzern Sandoz Negativschlagzeilen machte, dominiert seit 1998 die Berichterstattung über die Finanzindustrie die Liste der Wirtschaftsskandalisierungen, ausgehend vom Kollaps der Lehman Brothers bis zum Versagen der Finanzmärkte.

Im Zeitraum 1998 bis 2004 rückte die Berichterstattung über die Swissair-Pleite in den Vordergrund der Berichterstattung. Von 2008 bis 2010 überwogen aber wieder eindeutig Skandalisierungen der Finanzindustrie, also des Bankensektors. Im Jahr 2009 machten sie laut der fög-Forscher sogar knapp 45% der Beiträge innerhalb der Top-10-Kommunikationsereignisse aus.

Als Ursachen der intensivierten Skandaldynamik sehen die Wissenschaftler zum einen den Wunsch nach Aufmerksamkeitsmaximierung im kommerzialisierten Mediensystem. Davor ist, wie die Studie zeigt, zunehmend auch der jahrzehntelang als seriös und zuweilen trocken geltende Wirtschaftsjournalismus nicht mehr gefeit – auch hier kämpfen Redaktionen nun mit dem Mittel der Skandalisierung um die Aufmerksamkeit des Wirtschaftspublikums. Zum anderen könne die gewachsene Zurschaustellung der Wirtschaft auch auf Effekte des sozialen Wandels zurückgeführt werden. Die neoliberale Ära, die seit den 1990er Jahren herrsche, habe den gesellschaftlichen Erwartungsfluss auf das Teilsystem Wirtschaft kanalisiert. Die Finanzindustrie steige zur Leitindustrie auf und stehe zunehmend unter öffentlicher Beobachtung.

Die Folgen der Dauerbeobachtung durch die Medien liegen auf der Hand, so die Forscher: sie geraten unter verstärkten Legitimationsdruck.

Mehr Informationen zur Studie „Zur Skandaldynamik in der Wirtschaft“ finden Sie auf der Website des fög.

 

 

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