Das Tessin im medialen Abseits

16. April 2019 • Aktuelle Beiträge, Internationales • von

Von außen betrachtet gilt die Schweiz als gelungenes Beispiel für die Integration  von vier Sprachregionen – und dazu haben über Jahrzehnte hinweg nicht zuletzt die Medien mit ihrer Berichterstattung einen Beitrag geleistet. Doch die Krise der Printmedien zeitigt Folgen: Korrespondentenposten wurden eingespart, die Berichterstattung ausgedünnt, die italienische Schweiz wird von den Medien in der Deutschschweiz kaum noch wahrgenommen. Der Tessiner Journalist Gerhard Lob hat diesen Veränderungen nachgespürt.

In einem Teaser-Video wirbt Tamedia für die neue Jugendplattform „Venty“ von 20min.ch. Am Ende des Filmchens erscheint eine Schweizkarte. Links sieht man die Westschweiz, rechts die Deutschschweiz. Basta. Die italienische Schweiz kommt auf dieser Karte nicht vor, sie wurde kurzerhand der Deutschschweiz zugeschlagen.

Zugegeben, die italienischsprachige Schweiz ist ein kompliziertes Gebilde und auf einer Karte nicht leicht darstellbar. Denn zum Kanton Tessin kommen noch die Südbündner Täler Misox, Bergell und Puschlav dazu. Gleichwohl ist die Karte von „Venty“ bezeichnend. Denn die Deutschschweizer Medien schenken der italienischen Schweiz und dem Tessin immer weniger Aufmerksamkeit.

Das zeigte sich auch bei der Berichterstattung zu den Kantonswahlen 2019, die Anfang April stattfanden. Die meisten Tageszeitungen der Deutschschweiz berichteten zwar über den Urnengang, aber nur kurz und auf das Essentielle beschränkt. Vertiefende Artikel, Analysen oder Porträts einzelner Politiker suchte das interessierte Publikum vergeblich.

Als ich 2001 begann, aus dem Tessin zu berichten als Korrespondent für Tageszeitungen der deutschen Schweiz, sah die Medienlandschaft noch anders aus. Auch die Einstellung auf den Redaktionen war noch eine andere. Den Verlagen und ihren Zeitungen ging es damals besser als heute, Fusionen von Verlagen und Zusammenschlüsse von Redaktionen standen erst am Anfang. Vor allem aber war die Inlandberichterstattung stärker auf die gesamte Schweiz ausgerichtet als heute.

Bei der „Basler Zeitung“, die damals mein Hauptkunde war, gab es jeweils am Montagmorgen eine Telefonkonferenz mit allen Regionalkorrespondenten. Das waren Kolleginnen und Kollegen in St. Gallen, in Luzern, in Olten, in Bern und in Lausanne – sowie ich im Tessin. Dazu kamen die Bundeshausjournalisten und manchmal ein Kollege, der einen besonderen Blick auf das Bundesgericht und die UNO in Genf warf. Für eine Themenseite schrieben nicht selten alle Inland-Korrespondenten einen Beitrag aus ihrer Region. Die Inland-Berichterstattung glich so einem Spiegel der Regionen und der wichtigsten Vorgänge im ganzen Land. Es gab häufig Ausgaben, in denen die Bundespolitik überhaupt nicht vorkam.

Das hat sich radikal geändert. Heute liegen Verantwortung und Epizentrum der Inlandberichterstattung im Bundeshaus und in den redaktionellen „Kompetenzzentren“ der fusionierten Großredaktionen. Die großen Regionalzeitungen führen keine eigenen Inland-Ressorts mehr und Budgets für Berichte aus den Regionen sind kaum noch vorhanden. Alle Kolleginnen und Kollegen, die früher als freie Inland-Korrespondenten gearbeitet hatten, haben längst das Handtuch geworfen, sich inhaltlich neu ausgerichtet oder einen festen Job gefunden. Eine logische Folge dieser Entwicklung: Themen aus den Regionen finden auf den Inland-Seiten immer seltener statt.

Im Falle des Tessins ist dieser Schrumpfprozess schon seit Jahren im Gang. Und er betrifft einen ganzen Landesteil. Die früher weit verbreitete staatspolitische Überzeugung, dass es zu den Aufgaben einer Deutschschweizer Zeitung gehört, regelmäßig über die politischen Vorgänge der Südschweiz zu berichten, gehört der Vergangenheit an. Es gibt gewisse Ausnahmen: etwa die nun zu CH Media gehörenden Tageszeitungen der NZZ-Regionalmedien (insbesondere die Luzerner Zeitung), die sich dem Tessin auch wegen der geographischen Nähe stärker verbunden fühlen. Doch Tatsache ist: Wegen des finanziellen Drucks haben die großen nationalen Tageszeitungen, die NZZ und der Tages-Anzeiger, auf ihre eigenen Tessin-Korrespondenten verzichtet. Und das nachdem sie jahrzehntelang ein fester und unabdingbarer Bestandteil der Redaktionen waren. In der Westschweiz haben die NZZ und die Tamedia-Zentralredaktion ihre Korrespondenten noch behalten.

Alle Tageszeitungen berichten daher nur noch punktuell über das Tessin – mit Hilfe von freien Journalisten. Eine Ausnahme gibt es beim Sport: Den Eishockey- und Fußballmannschaften aus Ambrì-Piotta und Lugano ist es zu verdanken, dass das Tessins überhaupt noch regelmäßig in den Deutschschweizer Medien vorkommt, abgesehen von den Skandal- und Räubergeschichten, die der „Blick“ regelmäßig ins Blatt rückt.

Schwieriger wird es bei hintergründigen politischen Themen. Nehmen wir die Kantonswahlen 2019 von Anfang April. Wer verstehen will, warum Paolo Beltraminelli (CVP) als Staatsrat abgewählt wurde, muss verstehen, was es mit der „Affäre Argo1“ auf sich hatte. Doch diese Affäre fand in den Deutschschweizer Medien gar nicht oder nur ganz marginal statt. Ein Blick in die Schweizerische Mediendatenbank SMD reicht, um zu sehen, dass es praktisch keine Einträge zu Argo1 auf Deutsch gibt. Und zugegeben: Diese Argo1-Geschichte war nicht ganz einfach zu erklären. Auslöser war eine unter diesem Namen agierende Sicherheitsfirma, welche Asylzentren bewachte. Sie war Anfang 2017 ins Visier der Bundesanwaltschaft geraten, weil ein Mitarbeiter aktiv für islamistische Kampfgruppen in Syrien warb. Die Untersuchungen zeigten, dass Argo1 die Millionen-Aufträge vom Sozialdepartement – entgegen den gesetzlichen Vorschriften – ohne Ausschreibung erhalten hatte. Direktor des Sozialdepartements war Paolo Beltraminelli, der die politische Verantwortung übernahm und nun von der Wählerschaft die Quittung erhielt.

Was auch auffällt: In den Redaktionen der deutschen Schweiz ist auch das Wissen um die geografischen Verhältnisse in der Südschweiz rückläufig. Als es im August 2017 im Bergell zu einem Bergsturz bei Bondo kam, erhielt ich Anfragen, ob ich nicht schnell „nach Italien“ fahren könnte. Dass das Bergell Teil der Schweiz ist und Locarno rund drei Autofahrstunden von Bondo entfernt liegt, war einigen Kollegen nicht klar.

Nun wäre es aber falsch, die Schuld für das schwindende Interesse am Tessin allein nördlich des Gotthards zu suchen und allein den Entwicklungen bei den dortigen Medien anzulasten. Auch das politische Tessin hat mit seinem Gejammer, von Bundesbern nicht verstanden zu werden, in den letzten Jahren gehörig dazu beigetragen, eine Sättigung in den Redaktionen der Deutschschweiz zu erreichen. Das Phänomen der populistischen Lega und die Mühe mit den Grenzgängern ist inzwischen so häufig beschrieben worden, dass ein weiterer Bericht einfach nicht mehr attraktiv ist. Es fehlen News-Wert und neue Entwicklungen. Zudem fehlt es dem Kanton an Vorzeigeprojekten. Sie betreffen in erster Linie den Wissenschafts- und Hochschulbereich, den es auch in den anderen Landesteilen gibt.

Gleichwohl ist es kurios: Der neue Gotthard-Basistunnel hat die deutsche und italienische Schweiz näher zusammenrücken lassen. Doch beim Wissen um die anderen Landesteile rückt man voneinander ab. Die geistige Distanz wächst. Auch die Tessiner Tageszeitungen berichten selten über Vorgänge, die außerhalb der Bundespolitik in der deutschen oder französischen Schweiz geschehen.

Die beschriebene Entwicklung gilt vor allem für Printmedien. In den elektronischen Medien ist die Situation dank der SRG noch anders. Die „Idée suisse“ ist dort weiterhin stark verwurzelt. Im Tessin haben sowohl Radio SRF als auch Fernsehen SRF einen fixen Korrespondenten. Zudem berichtet eine Korrespondentin regelmäßig für Radio RTS und gelegentlich für das Fernsehen RTS in der Westschweiz. SRF 4 News strahlt am Wochenende stets die Sendung „Die Woche in Tessin und Romandie“ aus. Für die SRG ist die regelmäßige Berichterstattung aus dem italienischsprachigen Landesteil, anders als bei privaten Medienhäusern, ein Teil der Konzession und somit des eigenen Auftrags.

Erstveröffentlichung: Medienwoche vom 11. April 2019

Bildquelle: pixabay.de 

 

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