Der Winter nach dem „Frühling“: Arabische Minderheiten in den Medien

24. Januar 2018 • Aktuelle Beiträge, Internationales • von

Der sogenannte „Arabische Frühling“ hat seit 2010 zahlreiche interessante Forschungsfelder für Medienwissenschaftler eröffnet. Besonders die Frage, welche Rolle die neuen Medien im Zusammenhang mit den Aufständen gespielt haben, rückte in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Welchen Effekt die politischen Umwälzungen auf die Minderheiten im Nahen Osten hatten, wurde bisher aber kaum beachtet – dabei ist diese Frage von großer Bedeutung.

Der Tahrir-Platz: Symbol des Volksaufstandes in Ägypten

Die Medienwissenschaftlerin Elizabeth Munir vom Institut für Nahost-Studien an der Universität Cambridge hat sich der Thematik nun mit einer beispielhaften Studie zu den Kopten in Ägypten und den Jesiden im Irak gewidmet. Diese Gemeinschaften wurden ausgewählt, weil sie sich beide in Folge des arabischen Frühlings vermehrt an internationale Medien wandten, um ihre Interessen einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Wie Munir beobachtete, waren Minderheiten im Nahen Osten durch die politische Instabilität seit 2010 stärkeren Bedrohungen ausgesetzt als zuvor. So gab es 2013 zum Beispiel vermehrt Angriffe auf koptische Kirchen in Ägypten und die Jesiden litten vor allem 2014 enorm unter dem Vorrücken des „Islamischen Staates“ im Irak.

Dieser Anstieg der Gewalt schlug sich in der Medienpräsenz der beiden Gruppen nieder. Sowohl Jesiden als auch Kopten machten verstärkt in internationalen Medien auf ihre Situation aufmerksam. Ihre Strategien unterschieden sich allerdings deutlich voneinander. Diese Unterschiede begründen sich auch darin, wie die jeweilige Beziehung zum ägyptischen bzw. irakischen Staat bewertet wird. Kopten vermeiden es laut Munir, in den Medien als Minderheit dargestellt zu werden und streben eine stärkere Einheit mit dem ägyptischen Volk an. Die Jesiden hingegen wünschen sich eine autonome Region im Nordirak und fordern Schutz durch die internationale Gemeinschaft.

Munir untersucht in ihrer Studie die Medienstrategien beider Gruppen in gruppeninternen (partikularistischen), nationalen und internationalen Medien.

Partikularistische Medien und nationale Medien

Eigene Medien sind für Minderheiten von großer Bedeutung, um Lücken der Repräsentation in den größeren Medien entgegenzutreten, die eigene Kultur zu fördern und ein Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Gruppe zu stärken. Sie kompensieren auch als falsch oder diskriminierend wahrgenommene Darstellungen in Mainstream-Medien. Zugleich besteht bei partikularistischen Medien allerdings das Problem, dass sie häufig nur innerhalb der Gruppe rezipiert werden und daher nicht dazu dienen, Anliegen auch über die Gemeinschaft hinaus zu vertreten. Sie könnten daher zur weiteren Marginalisierung beitragen.

Kopten nutzen eigene Medien nach Angaben von Munir weniger für politische Forderungen, sondern vor allem, um ihre kulturelle Identität zu stärken. Für politische Forderungen setzten sie eher auf Medien mit einem größeren Publikum. Sie versuchten, ihre Anliegen in den nationalen Diskurs einzubetten. Sie wenden sich daher häufig an nationale Medien, um ihre Probleme anzusprechen und mehr Rechte und Gleichheit zu fordern. Zugleich betonten sie die Verbindung des koptischen Erbes mit der ägyptischen Kultur und Tradition und weisen auf Verbindungen zwischen den koptischen Kirchenführern und den politischen Staatsführern hin.

Der irakische Staat hingegen besteht aus vielen verschiedenen ethnischen und linguistischen Gruppen. Die Jesiden, deren altorientalische Religion als Ursprung der heute hauptsächlich muslimischen Kurden gilt, sehen sich als vom irakischen Staat unabhängige Gemeinschaft. Mit Symbolen grenzten die Jesiden sich in ihren Medien deutlich von den restlichen Irakern ab. Jesiden geben ihre Kultur traditionell vor allem mündlich weiter, deshalb haben partikularistische Medien für sie nach Munirs Angaben traditionell weniger Bedeutung. Ein anderer Grund dafür ist, dass ein Großteil der Jesiden konzentriert an einem Ort lebt, während die koptische Gemeinschaft weiter verstreut und daher stärker auf Medien zur Kommunikation angewiesen ist.  Dennoch sagen jesidische Aktivisten, dass eigene Medien nach der Besetzung des Irak und wegen der kurdischen Interessen im Nordirak an Bedeutung gewinnen.

Internationale Medien, das Internet und die Diaspora

Laut Munir ist es eine typische Reaktion unterdrückter Gruppen, sich an den nationalen Medien vorbei direkt an die internationalen Medien zu wenden, wenn der Druck auf sie von einer staatlichen Ebene ausgeht. Mit dem Anstieg von Bedrohung, Gewalt und Instabilität machten die Minderheiten im Nahen Osten deutlich häufiger auf einem internationalen Niveau auf sich aufmerksam als zuvor. Auch international betonten die Kopten ihren Wunsch, innerhalb des ägyptischen Volkes anerkannt zu werden. Sie unterstützten das Vorgehen der ägyptischen Regierung gegen den IS und proklamierten ihr Streben nach Gleichberechtigung.

Hier kommt auch die Bedeutung der Diaspora zum Tragen. Besonders wichtig sind in diesem Zusammenhang die sozialen Medien. In Folge eines Angriffs auf einen koptischen Bus im Mai 2017 erschien auf Twitter schnell der Hashtag #CopticLivesMatter, der die koptische Community weltweit erreichte. Da soziale Medien im Vergleich zu traditionellen Medien interaktiver funktionieren, werden Identitäten auf diesem Weg auch stärker diskutiert und neu verhandelt als wenn ausschließlich „Community Leader“ wie z.B. koptische Kirchenführer die mediale Kommunikation dominieren. Die Verbindung zur Diaspora wird einerseits gestärkt, andererseits entstehen so auch Konflikte zwischen Diaspora-Aktivisten, die internationalen Schutz fordern, und Kopten in Ägypten, die lieber die Einheit betonen möchten.

Für die Jesiden hat die Bedeutung der Diaspora-Medien mit einer großen Migrationswelle nach 2014 stark zugenommen. Mit der Verstreuung der Jesiden fürchten einige Aktivisten, dass die Kultur verloren gehen könnte. Community-Medien können deshalb als Erinnerung und Stabilisierung der gemeinsamen Kultur dienen, als ein Netzwerk mit dem Ziel, die Kultur zu bewahren. Auch dies zeigt, wie stark die Medienstrategien der Minderheiten im Nahen Osten, besonders in Zeiten, die ihre Gemeinschaft in Frage stellen, mit ihrem (nationalen) Identitätsgefühl verbunden sind.

Monier, Elizabeth (2017): Middle Eastern Minorities in Global Media and the Politics of National Belonging. In: Arab Media & Society, Issue 24, Summer/Fall 2017. 

Bildquelle: AK Rockefeller/Flickr CC: Tahrir Flags; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

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