„No news from Petrograd yesterday“

14. Oktober 2021 • Aktuelle Beiträge, Internationales • von

James Rodgers von der City, University of London, schildert historische Perspektiven und aktuelle Herausforderungen der Berichterstattung aus und über Russland.   

Kundgebung in Sankt Petersburg im Februar 2021 zur Unterstützung des Oppositionsführers Alexei Nawalny. 1917 war die Stadt – unter dem Namen Petrograd – Zentrum der russischen Revolution. Bild: Alexander Chizhenok / Shutterstock.com

Während der ersten russischen Revolution im Jahr 1917 brachte die Daily Mail einen Artikel mit der Überschrift „No news from Petrograd yesterday“. Die darauffolgende Nachricht bestand aus nicht einmal 50 Wörtern und begann mit den Worten: „Bis gestern Abend war der offizielle russische Bericht, den wir in den vergangenen Monaten immer frühzeitig erhalten haben, noch nicht eingetroffen”. Petrograd, das heutige Sankt Petersburg, war damals die Hauptstadt Russlands und das Zentrum der Revolution.

Die Enttäuschung des Autors war offensichtlich. Die russische provisorische Regierung hatte die Telegrafenverbindungen mit dem Rest der Welt gekappt. Die Nachrichten über die Revolution mussten warten.

In meinem Buch „Assignment Moscow: Reporting on Russia from Lenin to Putin“ habe ich Beiträge aus Print- und Rundfunkarchiven, Memoiren von Journalisten und Interviews mit Korrespondenten, die seit den 1950er Jahren aus Russland berichtet haben, ausgewertet. Es wird deutlich, dass die Moskau-Korrespondenten trotz aller Hindernisse, die ihnen in den Weg gelegt wurden, dem Publikum im Allgemeinen gute Dienste leisteten und gelegentlich Einblicke gewährten, die den politischen Entscheidungsträgern entgangen waren, oder sie sogar zu ihren späteren Handlungen inspirierten.

Einige meiner Ergebnisse habe ich kürzlich auf der Konferenz zur Zukunft des Journalismus in Cardiff präsentiert. Im Fokus stand die Berichterstattung über die Revolution sowie Schlüsselepisoden aus der Sowjetzeit und aus der Gegenwart.

Berichterstattung während der Stalin-Ära

Die Schauprozesse der 1930er Jahre wurden vom sowjetischen Führer Josef Stalin genutzt, um seine politischen Gegner aus dem Weg zu räumen – in einigen Fällen durch Hinrichtung – und wurden teilweise als Medienereignis inszeniert.

Einige Erkenntnisse der damaligen Russland-Korrespondenten schienen sich direkt auf die späteren Schlussfolgerungen des britischen Diplomaten Fitzroy Maclean ausgewirkt zu haben: Die Abschnitte seiner Memoiren „Eastern Approaches“ (1949) über die Schauprozesse weisen große Ähnlichkeit mit Teilen der Nachrichtenanalyse von Malcolm Muggeridge auf, die bereits mehr als ein Jahrzehnt zuvor veröffentlicht worden war.

Über die Methoden, um Geständnisse zu erlangen, schrieb Muggeridge zum Beispiel: „Viele Möglichkeiten wurden herangezogen, um sie zu geständig zu machen – tibetische Drogen, Hypnose, die natürliche Neigung des slawischen Temperaments zur Selbsterniedrigung.“ Maclean hatte geschrieben: „Man hatte die Geständnisse der Angeklagten auf orientalische Drogen, Hypnose oder die slawische Seele zurückgeführt.“

Muggeridge wies auch darauf hin, dass die Gefangenen „monatelang in Haft gehalten wurden, manchmal jahrelang“ und „ständig intensiven Kreuzverhören ausgesetzt waren“ – eine Erfahrung, die seiner Meinung nach nur wenige Menschen ertragen könnten, ohne „aus dem Gleichgewicht“ zu geraten. „Die meisten der Gefangenen waren ein Jahr oder achtzehn Monate im Gefängnis“, hatte Maclean geschrieben. „In dieser Zeit wurden sie tagelang, wochenlang, monatelang ins Kreuzverhör genommen.“

Veränderungen im Kriegsbündnis

Auf den Terror der Stalinzeit folgte ein Kriegsbündnis zwischen der Sowjetunion, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Die Korrespondenten fanden sich in einer Zeit wieder, in der ideologische Differenzen im Kampf gegen NS-Deutschland heruntergespielt wurden. Im Kalten Krieg traten diese Spannungen wieder zutage – auch wenn ein sowjetischer Führer sehr daran interessiert war, sich persönlich einzubringen.

Ich hatte das Glück, den 2019 verstorbenen Korrespondenten Robert Elphick interviewen zu können, der sich daran erinnerte, wie Nikita Chruschtschow, Chef der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, bei diplomatischen Anlässen auftauchte und das Gespräch mit Auslandskorrespondenten suchte. „Er mochte es immer, uns um sich zu haben, weil er mit uns reden konnte und wir dann darüber berichten konnten, was ihm wiederum im Politbüro Anerkennung einbrachte“, erinnerte sich Elphick.

Man kann sich nur schwer ein ähnliches Verhalten von Präsident Wladimir Putin vorstellen. In der Ära Putin haben die schlechten politischen Beziehungen in Verbindung mit dem technologischen Wandel die britischen und amerikanischen Reporter, die über Russland, berichten, vor ganz neue Herausforderungen gestellt.

Auslandsreporter im heutigen Russland

Im April dieses Jahres bat mich The Journalist, die Zeitschrift des britischen Journalistenverbands, über die Erfahrungen der heutigen Moskau-Korrespondenten zu schreiben.

Es zeigte sich, dass die Berichterstattung über die Pandemie ihre eigenen Schwierigkeiten mit sich gebracht hat. Einer der Journalisten, mit denen ich sprach, ein Nachrichtenredakteur eines großen internationalen Medienunternehmens, sagte: „Bei unserer Berichterstattung über die Entwicklung des Impfstoffs und seiner Verteilung in der Welt haben wir den größten Druck verspürt.“ Ein ausländischer Reporter mit Sitz in Russland stimmte dem zu. „Die russischen Behörden reagieren zunehmend empfindlich auf Kritik zu einer Vielzahl von Themen, von der Corona-Pandemie bis zu den Menschenrechten.“

Die Geschichte der westlichen Korrespondenten in Moskau ist die Geschichte der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen. Ein aktueller Fall zeigt, wie schlecht diese Beziehungen geworden sind: die Ausweisung der engagierten BBC-Korrespondentin Sarah Rainsford aus Moskau Mitte August.

 

Dieser Beitrag wurde zuerst auf der englischen EJO-Seite veröffentlicht.

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