Neue Kompetenzen für die Journalisten von morgen

26. Juni 2018 • Ausbildung, Forschung aus 1. Hand • von

Ein europäisches Forschungsteam hat im Projekt „New Skills for the Next Generation of Journalists“ untersucht, inwieweit die Journalistenausbildung an Hochschulen in Deutschland, Portugal, Rumänien und Ungarn Wissen über Datenjournalismus, kollaborativen Journalismus, neue Geschäftsmodelle und medienethische Herausforderungen im digitalen Zeitalter vermittelt.

Die Digitalisierung hat die Dynamik des Journalismus und das Berufsbild des Journalisten entscheidend verändert. Auch die Journalistenausbildung sollte dieser Entwicklung Rechnung tragen. Vor diesem Hintergrund haben wir untersucht, inwieweit die akademische Journalistenausbildung in Deutschland, Portugal, Rumänien und Ungarn auf die Vermittlung von neuen Kompetenzen eingeht, die von Journalisten heutzutage gefordert werden. Im Fokus stehen dabei Datenjournalismus, kollaborativer Journalismus, neue Geschäftsmodelle und ethische Herausforderungen für Journalisten im digitalen Zeitalter.

Datenjournalismus

Hinter Datensätzen versteckt sich so manche interessante Geschichte, die ohne Kenntnisse im Programmieren, in Datenanalyse und Statistik nie ans Licht gelangen würde. Datenjournalismus kann zudem die journalistische Objektivität stärken und mit seiner Hilfe können Regierungen und staatliche Stellen zu mehr Rechenschaft gezogen werden. Die Open Data Bewegung trägt dazu bei, dass große Datensätze in die Reichweite der Öffentlichkeit gelangen.

Kollaborativer Journalismus

Kollaborationen zwischen Journalisten und zwischen Medienunternehmen gewinnen an Bedeutung, insbesondere im Bereich des investigativen Journalismus. Kollaborationen erlauben ihnen, Ressourcen und Expertise zu bündeln und gemeinsam Themen öffentlicher Relevanz z.B. in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Kriminalität zu untersuchen und darüber zu berichten – sowohl auf einem nationalen als auch einem länderübergreifenden Level.

Neue Geschäftsmodelle

Traditionelle Geschäftsmodelle funktionieren in der digitalen Medienwelt nicht mehr. Damit sich Qualitätsjournalismus auch in Zukunft halten kann, müssen neue Geschäftsmodelle gefunden und bestehende wie Paid Content, Micropayments und Crowdfunding weiterentwickelt werden. Medienhäuser müssen umdenken, aber auch Journalisten, die unternehmerisch denken können, werden immer gefragter.

 Neue ethische Herausforderungen für Journalisten

Journalisten sehen sich im digitalen Zeitalter mit vielen neuen ethischen Herausforderungen konfrontiert, darunter Desinformationen und Fake News. Sobald im Journalismus Schnelligkeit wichtiger wird als Sorgfalt, können kolossale Fehler entstehen.  Die Überprüfung von Fakten ist heute wichtiger denn je.

Um festzustellen, inwieweit diese vier Themenbereiche in der akademischen Journalistenausbildung in Deutschland, Portugal, Rumänien und Ungarn vermittelt werden, haben wir die Lehrpläne von jeweils sechs ausgewählten Journalismus-Studiengängen an staatlichen und privaten Universitäten und Fachhochschulen analysiert. Des Weiteren haben wir mit insgesamt 25 akademischen Journalistenausbildern und 21 führenden Journalisten aus den vier Ländern zwischen Februar und Mai 2018 Interviews geführt.

Vermittlung in der Lehre

Datenjournalismus

Wie die Analyse der Lehrpläne und Interviews zeigt, wird der Vermittlung von Datenjournalismus an den Hochschulen in den vier Ländern eine unterschiedliche Bedeutung beigemessen. Zwar wird an den meisten Hochschulen im Sample in irgendeiner Form Datenjournalismus gelehrt, aber nicht alle bieten Datenjournalismus als eigenständigen Kurs an, sondern integrieren ihn in andere Angebote. In Portugal bietet nur eine Hochschule einen eigenständigen Datenjournalismus-Kurs an (ISCTE-University Institute of Lisbon), in Ungarn sind es zwei Hochschulen (Metropolitan University in Budapest und Eötvös Loránd Universität). In Rumänien bieten vier der sechs analysierten Studiengänge Datenjournalismus als eigenständigen Kurs an, darunter auch die Alexandru Ioan Cuza Universität in Iași. „Aufgrund der neuesten Entwicklungen im Datenjournalismus mussten wir einfach einen Datenjournalismus-Kurs einführen“, sagte Journalismus-Professor Alexandru Lăzescu. Seine Kollegen und er glauben, dass Journalisten, die auch im Datenjournalismus ausgebildet werden, einen Vorteil haben, da sie auf ein zusätzliches Arbeitstool zurückgreifen können.

In Deutschland lehren alle sechs der analysierten Studiengänge Datenjournalismus, aber Inhalte und Anteile variieren stark. Der Bachelor-Studiengang Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund bietet seit 2014 Datenjournalismus als Zweitfach an. Während im Bachelor-Studiengang Journalismus an der Hochschule Macromedia in Köln und im Master-Studiengang Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg das datenjournalistische Lehrangebot künftig ausgebaut werden soll, gibt es im Bachelor-Studiengang Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und im Master-Studiengang Journalismus an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz solche Pläne nicht. Die Journalismus-Professoren Klaus Meier (Eichstätt) und Tanjev Schultz (Mainz) machten in den Interviews deutlich, dass nicht zu viele Datenjournalisten ausgebildet werden sollten, da der Arbeitsmarkt nicht für alle Absolventen Jobs in dieser Spezialisierung bereithält.

Kollaborativer Journalismus

Keiner der analysierten Studiengänge in den vier Ländern hat kollaborativen Journalismus als eigenständigen Kurs in den Lehrplan aufgenommen. Am häufigsten wird Teamarbeit als Methode eingesetzt, um die Studierenden auf Kollaborationen im Journalismus vorzubereiten. Auch Klaus Meier von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sieht Teamarbeit als gute Basis: „Wir haben ganz viele Lehrveranstaltungen und Formate, in denen die Studierenden in Teams arbeiten müssen. Und sobald man erst einmal fähig ist, überhaupt in Teams zu arbeiten, ist man dann nachher auch fähig, in internationalen Teams zu arbeiten.“

An der Nova Universität in Lissabon können Journalismus-Studierende im kollaborativen Projekt Repórteres em Construção mitarbeiten, wo sie in Kooperation mit Studierenden anderer portugiesischer Universitäten Beiträge für eine Website und eine Radiosendung produzieren.

In Deutschland, Portugal und Rumänien werden zudem auch in Seminaren und Vorlesungen Formen des kollaborativen Journalismus vorgestellt und die Studierenden lernen anhand von Fallbeispielen, wie kollaborative journalistische Projekte organisiert werden und welche Schwierigkeiten auftreten können.

Neue Geschäftsmodelle

Fast alle der analysierten Studiengänge in Deutschland, Portugal, Rumänien und Ungarn bieten Kurse zum Thema Medienökonomie an. Neue Geschäftsmodelle stehen aber eher selten im Fokus. Am ehesten sind neue Geschäftsmodelle Thema in Deutschland, hier gehen fünf der sechs analysierten Studiengänge auf die Frage ein, wie Journalismus künftig finanziert werden kann. Der Master-Studiengang Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg bietet keine Kurse zum Thema an, Studiengangsleiter Michael Brüggemann begründet dies folgendermaßen: „Wir glauben, dass der Unterschied zwischen Redaktionen und Verlagen eine sinnvolle Sache ist und insofern auch der Verkäufer von journalistischen Inhalten nicht unbedingt der Journalist selber sein sollte.“

In Portugal bieten das ISCTE-University Institute of Lisbon und die Autonome Universität Lissabon Kurse an, die Wissen über journalistische Geschäftsmodelle vermitteln, in Rumänien gibt es an der Universität Bukarest einen Kurs, der Studierenden Finanzierungsfragen näherbringt. In den analysierten Studiengängen in Ungarn sind neue Geschäftsmodelle so gut wie kein Thema, lediglich an der Metropolitan University in Budapest wird ein Kurs angeboten, in dem persönliches Branding und unternehmerisches Denken für frei arbeitende Journalisten vermittelt wird.

Neue ethische Herausforderungen 

Medienethik wird in allen analysierten Studiengängen gelehrt und es wird auch auf neue Herausforderungen wie Fake News eingegangen. Während die Studiengänge in Deutschland, Portugal und Rumänien spezielle Ethikkurse für Journalisten anbieten, ist das in Ungarn nicht in jedem der analysierten Studiengänge der Fall. Die befragten ungarischen Journalisten zeigten sich auch der Ansicht, dass in ihrem Land die journalistische Ethik sowohl in der Journalistenausbildung als auch im Berufsalltag zu kurz komme.

Gergely Dudás, ehemaliger Chefredakteur von Index.hu und Gründer von Politis.hu, machte deutlich, dass Journalisten in Ungarn keine Accountability-Instrumente wie z.B. Presseräte anerkennen und es auch eher als Zeitverschwendung ansehen, sich mit Beschwerden über unethische Praktiken auseinanderzusetzen. Auch in Rumänien und Portugal spielt die Ethik im journalistischen Alltag eine eher untergeordnete Rolle. So sagt der rumänische Journalismus-Professor Gabriel Hasmațuchi von der Lucian Blaga Universität in Hermannstadt: „Unsere Absolventen haben uns erzählt, dass ihre Kollegen ihnen geraten haben, all den Mist, den sie in ihrer Ausbildung gelernt haben zu vergessen, auch die Ethik.“ Sein portugiesischer Kollege António Granado von der Nova Universität ist ebenfalls der Ansicht, dass in Portugal Journalismus-Absolventen in ihrem Berufsalltag nicht die journalistische Ethik anwenden, die sie im Studium vermittelt bekommen haben.

Es fällt auf, dass die analysierten ungarischen Studiengänge in allen vier Bereichen – Datenjournalismus, kollaborativer Journalismus, neue Geschäftsmodelle und ethische Herausforderungen – Defizite aufweisen. Die akademische Journalistenausbildung in Ungarn ist als Sonderfall zu betrachten, da diese in medien- und kommunikationswissenschaftliche Studiengänge integriert wird und es keine eigenständigen Journalismus-Programme an Hochschulen gibt.

Journalistische Kernkompetenzen weiterhin sehr wichtig

Aber auch in den anderen drei Ländern ist es nicht immer einfach für die Hochschulen, spezifische Kurse in den vier Bereichen anzubieten. Die Befragten betonten, dass oftmals finanzielle Ressourcen fehlten, die nötig wären, um eine entsprechende technische Ausstattung und adäquat geschultes Lehrpersonal zu garantieren. Dies mache sich vor allem in der Lehre des Datenjournalismus bemerkbar. Da das wissenschaftliche Lehrpersonal meist keine Erfahrungen im Datenjournalismus habe, müssten Hochschulen auf Datenjournalisten aus der Praxis als Gastdozenten zurückgreifen, die sich allerdings viele nicht leisten könnten. Widerstand komme, wie die befragten Journalistenausbilder berichteten, auch von Vorgesetzten oder Kollegen, die nicht die Notwendigkeit sähen, in ihrer Lehre neue Kompetenzen zu vermitteln.

Die befragten Journalistenausbilder und Journalisten aus allen vier Ländern waren sich einig darüber, dass die anhaltende Digitalisierung den Journalismus vor zahlreiche Herausforderungen gestellt habe, dass aber dennoch oder gerade deshalb „alte“ Kompetenzen wie kritisches Denken, eine gute Schreibe oder die Überprüfung von Informationen nach wie vor wichtige Kernkompetenzen im Journalismus seien. Journalisten müssten allerdings zusätzlich neue Fähigkeiten beherrschen, die sozusagen als Bausteine dazu gekommen seien, wie zum Beispiel Datenjournalismus oder Multimediajournalismus.

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Das Projektteam besteht aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Journalismus- und Medienforschung vom Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus an der TU Dortmund, dem ISCTE-University Institute of Lisbon (Portugal), der Universität Bukarest (Rumänien) und der Universität Pécs (Ungarn). Das Projekt „New Skills for the Next Generation of Journalists“ (NEWSREEL) wird von der Programmlinie Erasmus+ Strategische Partnerschaften der Europäischen Union für drei Jahre bis August 2020 gefördert. Aufbauend auf unseren Forschungsergebnissen werden wir in den nächsten Monaten Lehrpläne und Lehrmaterialien für die Bereiche Datenjournalismus, kollaborativer Journalismus, neue Geschäftsmodelle und ethische Herausforderungen entwickeln und an den beteiligten Instituten in Deutschland, Portugal, Rumänien und Ungarn als Pilottrainings durchführen, bevor sie als Open-Access-Materialien online bereitgestellt werden.

Der Forschungsbericht „New Skills for the Next Generation of Journalists“ steht auf der Projektwebsite zum Download bereit.

Die am NEWSREEL-Projekt beteiligten Institute sind auch alle Partner des European Journalism Observatory (EJO).

Foto: Judith Wiesrecker

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