Alles andere als kopflos: Die Internetgeneration

28. Januar 2019 • Aktuelle Beiträge, Digitales • von

Die Abkehr vom Mythos einer Generation von „Digital Natives“ ist die Voraussetzung einer verantwortungsorientierten Bildungs- und Gesellschaftspolitik.

In die digitale Welt hineingeboren sein heißt: instinktiv die Technik beherrschen, intuitiv Malware erkennen, virtuos im Social Web kommunizieren, effizient multitasken. Der Digital Native-Mythos, der sich um die Generation der seit den 1980ern Geborenen rankt, ist tückisch. Er ist wissenschaftlich nicht haltbar und verleitet dazu, pädagogische Überlegungen zu vernachlässigen und den Einsatz von Geräten wie z.B. Tablets im Unterricht zur Lösung aller Probleme hochzustilisieren. Diese Auffassung spiegelt auch der an eine Grundgesetzänderung geknüpfte Digitalpakt wider, mit dem der Bundestag durch Ende 2018 dem Bund direkten Einfluss auf die Schulentwicklung verschaffen wollte. Die Länder haben dies vorerst gestoppt, auch weil sie ihre Pfründe schwinden sahen.

Dieser Stopp ist auch eine Chance, die Fehlannahme, es gebe „Natives“, aufzugeben und sich einer stärker auf gesellschaftliche Bedürfnisse ausgerichteten Strategie zuzuwenden, die ausdrücklich einen ethischen Kompass einbindet. Sich in einer digitalen Welt zurechtfinden setzt voraus zu verstehen, wie diese Welt hinter der Bühne funktioniert. Digitale Kompetenz umfasst weit mehr als Technikanwendungskompetenz und ist ein generationenübergreifendes Bildungsziel.

Befunde des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) bestärken darin, dass ein Perspektivenwechsel notwendig ist. Auch die Betreffenden wollen nicht als „Natives“ gelten, weil ihnen bewusst sei, wie sehr es anstrenge, souverän durchs digitale Dickicht zu navigieren: „Euphorie war gestern.“ Die „Generation Internet“ der 14- bis 24-Jährigen erkenne zwar weiterhin Chancen in der digitalen Welt, aber auch Risiken. Ein Drittel fürchte, internetsüchtig zu sein, ein Großteil halte sich mit einer eigenen Meinung zurück, aus Angst beleidigt zu werden. Auch diese Befunde sind eine Chance. Sie belegen, dass hier eine in eine digitale Welt geborene Generation heranwächst, die nicht kopflos geworden ist, sondern sich für Orientierung und verantwortungsbewusstes Handeln interessiert.

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 27. Januar 2019

Bildquelle: pixabay.com

 

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