Der Affe und die Journalisten

30. März 2010 • Digitales, Ressorts • von

Sie lesen die Zeitung. Was Sie nicht wissen: Der Autor des Artikels ist ein Affe. Oder Sie schalten den Fernseher ein: Präsentiert werden die News von einem Roboter namens George. Sieht so die Zukunft aus?

„Die bemerkenswerte Leistung von Joe Maurer hat nicht gereicht. Im Stadion von Arlington gelang es am vergangenen Montag den „Minnesota Twins“ nicht, die „Texas Rangers“ zu schlagen. Die „Rangers“ gewannen mit 8 : 5. Bei den Texanern fiel vor allem Tommy Hunter auf, der sein fünftes Match gewann“.  Dies ist der Text eines Baseball-Berichtes – so wie er in Hunderten amerikanischer Zeitungen steht. Was nur wenige wissen: Geschrieben wurde dieser Artikel nicht von einem Journalisten, sondern von einem Roboter. Unter dem Text steht die Unterschrift des Verfassers: „The Machine“. Ein Computerprogramm durchkämmt das Internet. In Sekundenbruchteilen findet es Informationen zum Spiel zwischen den „Twins“ und den „Rangers“. Mit diesen Angaben verfasst es den Artikel. Dabei werden vorgegebene Textbausteine logisch zusammengeführt. „Stats Monkey“ heißt das Programm – Statistik-Affe.

Nachgeäffte Intelligenz

Der Text ist attraktiv geschrieben, keineswegs holperig. Er ist grammatikalisch und orthographisch perfekt. Kein einziger Journalist hat mitgewirkt. Der „Stats Monkey“ ist ein Programm der sogenannt künstlichen Intelligenz. Diese Software funktioniert ähnlich wie ausgeklügelte Computer-Schachprogramme. Entwickelt wurde das Programm von der Northwestern University in Evanston bei Chicago. Der Computer wird so programmiert, dass er eigenständig Fragen, Probleme und Gegebenheiten menschenähnlich analysieren kann und ein intelligentes Verhalten simuliert – in diesem Fall: „nach-äfft“.

Affe und Journalist – kaum Unterschiede

Computer-Programme und Roboter führen dazu, dass in vielen Sektoren immer mehr Arbeitsplätze abgebaut werden. Dass auch die Journalisten ersetzt werden könnten, rückt jetzt in den Bereich des Möglichen. Verleger werden jubilieren; sie können Journalisten einsparen. Journalismus ohne Journalisten. Wird der Journalismus vom Affen gebissen?

Geleitet wird das Programm von den Professoren Larry Birnbaum und Kris Hammond. Sie arbeiten mit einer Gruppe sehr junger Journalisten und Informatikern zusammen. Die Texte kämen den „normalen“ Zeitungsberichten und Nachrichtenagenturmeldungen sehr nahe, sagen die Professoren. Also: Kaum Unterschiede zwischen dem Affen und dem Journalisten.

Abgerufen wird eine riesige Sammlung von Textbausteinen, Halb-Sätzen, Ganz-Sätzen, Ausdrücken aus Sport und Politik, fertige Schlüsselworte. Über Jahre hinweg hat ein Computer Zeitungen und Fernsehberichte nach den gebräuchlichsten Ausdrücken abgegrast und sie gesammelt.

Angepeilt werden soll in einer ersten Phase die lokale Presse. Ihr fehlt oft das Geld, Journalisten auf kleinere Ereignisse, wie lokale Sport-Events anzusetzen. Solche Sport-Veranstaltungen kommen in den Medien zu kurz. „Es gibt in den USA in den Schulen 160‘000 Baseball-Teams“, sagt einer der Promotoren des Programms. „Die Journalisten interessieren sich nicht dafür, doch Millionen von Amerikanern fiebern mit“. Also liefert der Affe einen Bericht.

Am Anfang stehen Sport- und Wirtschaftsberichte

Die Sport-Berichterstattung eignet sich vielleicht am besten für solche Programme: sie ist stark standardisiert, der Wortschatz ist limitiert und voller Schablonen, die Litaneien ähneln sich. Deshalb versucht man die neue Software anhand eines Baseball-Spiels zu erklären.

Doch der Affe soll zu mehr fähig sein. Besonders eigne sich dieser Roboter-Journalismus auch für die Wirtschaftsberichterstattung, sagen die Professoren in Evanston. Auch der Wirtschaftsjournalismus, der sehr von Zahlen und Daten lebt, ist stark schablonisiert; man findet immer die fast gleichen Ausdrücke. „Es gibt in den USA 54‘000 Börsen-kotierte Firmen“, sagt Professor Hammond. „Jede muss ihren Aktionären einen Geschäftsbericht mit Zahlen und Daten vorlegen. Doch die Wirtschaftspresse interessiert sich höchstens für 3‘000 von ihnen“. Für die Übrigen arbeitet und schreibt „The Machine“.

„Zoe“ – die attraktive Moderatorin

Auch die Polit-Berichterstattung könnte so abgedeckt werden. Ein erfundenes Beispiel: In Frankreich finden Regionalwahlen statt. „The Machine“ sucht das Internet nach ersten Wahlergebnissen ab, vergleicht sie, ermittelt Sieger und Verlierer, fischt sich Zitate und Reaktionen von Politikern aus dem Netz – und verfasst einen Artikel. Die Maschine findet Bilder aus den Wahllokalen und fügt sie der Story bei. Auch eine Grafik mit den Kräfteverhältnissen der Parteien fehlt nicht.

Doch nicht nur Zeitungsberichte können so verfasst werden: auch Fernseh-News. Schon heute können Computer geschriebene Texte vorsprechen. Ein männlicher Roboter namens George präsentiert die Tagesschau, ebenso eine attraktiv aussehende Moderatorin namens Zoe – beide sind allerdings nur gezeichnet. „News at Seven“ nennt man an der Universität in Evanston dieses Programm. Natürlich sucht die Maschine auch bewegte Bilder im Netz und realisiert eigene, besprochene Filmberichte.

Professionelle Journalisten schaudert es

Weder in der Zeitung noch in den News at Seven kommen die Texte trocken daher. Sie können so programmiert werden, dass sie den Schreibstil des einen oder andern Journalisten imitieren. Natürlich hat das System Nachteile: Was nicht im Internet auffindbar ist, wird auch nicht in der Story stehen.

Zunächst schaudert es jeden professionellen Journalisten vor dieser Vision. Beim zweiten Hinsehen jedoch, kann dieser Maschinen-Journalismus durchaus Vorteile haben: Kleinere Facts-and-Figures-Meldungen wird „The Machine“ wohl nicht anders verfassen als ein leibhafter Journalist. Wenn ein Hotel in Madrid brennt und vier Tote zu beklagen sind, werden beide Berichte gleich aussehen. So könnten kleinere Berichte von Maschinen verfasst werden; die Journalisten hätten dann vermehrt Zeit für Recherchen.

Und Hand aufs Herz: Einige Artikel wären wahrscheinlich seriöser und fehlerloser, wenn sie ein Roboter geschrieben hätte. Nochmals Hand auf Herz: Viele Texte unserer Gratisanzeiger (und andern) gleichen schon heute Roboter-Texten.

Programmierte Rechts- und Linkslastigkeit

Sicher wird es Leute gegeben, die diesen Maschinen-Journalismus begrüssen. „Da könnt ihr uns nicht mehr manipulieren“. Doch selbst das könnte man. Man könne die Maschine wohl so einstellen, dass sie einen rechtslastigen oder einen linkslastigen Bericht fabriziert. Ein wunderbares Beispiel dafür, dass man Fakten so oder so interpretieren kann.

Und der Meinungsjournalismus? Selbst da ist ein Roboter-Kommentar – theoretisch – nicht unmöglich. Der Computer könnte zum Beispiel auf „Pro Obama“ programmiert werden. Alles was nicht Obamas Credo und Politik entspricht wird von der Maschine aufgespürt und kritisiert. Doch da ist noch ein langer Weg zu gehen.

Wichtig im Journalismus ist die Themenauswahl. Was interessiert die Menschen am meisten? Das können Computer längst schon eruieren, indem sie im Internet die angeklickten Berichte zählen. Solche Statistiken sind vor allem für die Boulevard-Medien ein Kompass für die Berichterstattung. Geschrieben wird über das, was eine möglichst breite Masse interessiert – nicht aber über das, was vielleicht langweilig aber politisch oder gesellschaftlich bedeutend ist. Doch der Einsatz von Computern muss nicht zu einer totalen Mainstreamisierung führen. Verfeinerungen bei der Programmierung sind möglich. Jede Zeitung hat ein spezifisches Publikum, das sich für spezifische Themen interessiert. Danach wird sich der Affe richten.

Manche Zeitungs-, Radio- und Fernsehberichte werden vom Affen verfasst werden können – ohne dass jemand merkt, dass die Autorin eine Maschine ist. Manche Redaktoren werden da tatsächlich ersetzt werden können. Doch vieles wird der Affe nicht können.

Der Affe sagt: Mich laust der Affe

Journalismus besteht nicht nur aus dem Aufzählen von Fakten und der Beschreibung von Gegebenheiten. Journalismus heißt: brisante Themen aufgreifen, sie so oder so interpretieren, die Spreu vom Weizen trennen, Zusammenhänge aufdecken, eine Nase für mögliche Entwicklungen haben, spüren, was auf uns zukommt. Da wird sich der Affe manche Zähne ausbeissen. Auch bei bester Programmierung wird er immer hinterherhinken. Er wird auch nie Texte mit Engagement, kritischem Blick und Herzblut verfassen können.

Jahrzehnte brauchten die grössten Schachcomputer bis sie den Schachweltmeistern ab und zu Paroli bieten konnten. Doch Schach ist zu achtzig Prozent Mathematik. Das Leben aber ist viel komplizierter, verrückter, überraschender. Und dieses Leben ist es, das der Journalismus abbilden soll. Da wird der Stats Monkey kapitulieren und sagen: Mich laust der Affe.

Heiner Hug war  “Tagesschau”-Chef beim Schweizer Fernsehen (SF), zuvor Auslandchef, Chefproduzent und Korrespondent in Genf und Paris.

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