„Die Geschwindigkeit nimmt zu“

21. November 2018 • Aktuelle Beiträge, Digitales, Qualität & Ethik • von

In Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung stellt sich die Frage nach der Qualität im Journalismus neu. Auf der Konferenz „On the Record“ des Instituts für Journalistik der TU Dortmund diskutierten Christina Elmer von Spiegel Online, Brigitte von Haacke der PR-Agentur Hering Schuppener und Journalistik-Professor Michael Steinbrecher über die Zukunft des Journalismus.

Christina Elmer (links), Brigitte von Haacke (2.v.l.) und Michael Steinbrecher diskutierten über die Zukunft des Journalismus, moderiert von Julia Hilgefort. // Foto: Oliver Schaper

Die Welt des Journalismus werde immer komplexer, meint Brigitte von Haacke, Beraterin bei der PR-Agentur Hering Schuppener. Problem hierbei: die Komplexität passe nicht mehr zum redaktionellen Alltag, der vom Abbau von Redaktionen und Festanstellungen geprägt ist. Darunter leidet ihrer Meinung nach besonders die Berichterstattung zu Wirtschaftsunternehmen. Diese müssten sich immer häufiger andere Möglichkeiten suchen, ihre Themen zu vermitteln. Auch Christina Elmer, Mitglied der Chefredaktion von Spiegel Online, bemerkt: „Die Umdrehungsgeschwindigkeit nimmt zu“. Der Einfluss sozialer Medien wachse. Es entstünden zunehmend mehr Kanäle, die auf verschiedenen Wegen und in unterschiedlicher Schnelligkeit bespielt werden müssten. Und dies am besten ohne, dass die Qualität darunter leidet.

Wie kann man den Journalismus in dieser Zeit so gestalten, dass er nicht an Qualität verliert?

Michael Steinbrecher erklärt, dass sich die Qualitätskriterien wie Relevanz, Aktualität, Ethik und Richtigkeit im Zuge der Digitalisierung verändern. In einer Welt mit sozialen Medien stünden Aktualität und Relevanz in starker Konkurrenz zueinander. Es entstehe ein zunehmender Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit, bei dem die Qualitätsmedien nicht mitmachen dürften, um nicht an Integrität zu verlieren. In der Vermittlung von journalistischem Handwerk, der sich Michael Steinbrecher als Professor am Lehrstuhl für Fernseh- und Crossmedialen Journalismus am Institut der TU Dortmund widmet, müsse daher darauf reagiert werden, dass neue Medien- und Darstellungsformen entstehen.

Mehr Wissen über den Leser als Unterstützung im redaktionellen Alltag?

Für Christina Elmer von „Spiegel Online“ ist ein klarer Vorteil der fortschreitenden Digitalisierung, dass sich die Journalisten besser in die Leserinnen und Leser hineinversetzen können. In monatlichen Umfragen werden die User bei „Spiegel Online“ zu den Inhalten der Seite befragt. Diese Umfragen ergaben laut Elmer unter anderem, dass sich die Leserinnen und Leser einen Überblick über die aktuelle Nachrichtenlage wünschen und Artikelvorschläge, die von Algorithmen aufgrund ihrer persönlichen Interessen generiert werden, eher ablehnen.

Brigitte von Haacke, die vor ihrer Tätigkeit bei Hering Schuppener als Journalistin bei der Wirtschaftswoche arbeitete, wirft ein, dass wirtschaftliche Themen unter dem starken Einbezug der Rezipienten, die an unterhaltsamen Themen interessiert seien, leiden. Für die Vermittlung von wirtschaftlichen Themen fehle ihrer Meinung nach die Plattform. Als Beispiel nennt sie DAX-Unternehmen, von denen heute kaum jemand eines nennen könne. In den Medien werde dem „Business-to-Business“ kaum Beachtung geschenkt. Dabei werde es immer wichtiger, wirtschaftliche Themen auf einfache Weise zu erklären.

Steinbrecher merkt an, dass sich die Wahl der Themen mit der zunehmenden Digitalisierung verändert habe. Man müsse sich die Frage stellen: „Wer setzt die Themen?“. Dies stelle den markanten Unterschied zwischen bisheriger und heutiger Berichterstattung dar. Die Digitalisierung funktioniere nur über das Wissen über einzelne Personen. Dadurch könne es durchaus passieren, dass Themen „wegfallen“. Im Vergleich zu den bereits bestehenden Algorithmen, die im Internet gebraucht werden, sei eine Monatsumfrage, wie Spiegel Online sie betreibt, noch „sehr analog“. Wenn man das Profil des Nutzers kenne, brauche man solche Umfragen nicht, meint Michael Steinbrecher. Durch die Digitalisierung erhalte jeder seine „individuelle Zeitung“.

Das Aufkommen von personalisierten Accounts findet Brigitte von Haacke schwierig. Früher sei man trotz eigener Auswahl von Medium und Thema über andere Themenbereiche „gestolpert“, da die Medien ein umfassendes Bild verschiedener Themen abbildeten. Das Gesichtsfeld der Rezipienten schränke sich durch Algorithmen und personalisierte Accounts deutlich ein. Spiegel Online Redakteurin Christine Elmer merkt zudem an, dass durch den Einsatz von Algorithmen emotionalisiert werde, wenn Nutzer lediglich Inhalte erhalten, die ihre eigene Meinung unterstützen.

Wie werden neue journalistische Formate finanziert?

Die Digitalisierung macht auch die Finanzierung des Journalismus zu einer Herausforderung. Die Höhe der finanziellen Unterstützung hänge von der Reichweite des Mediums ab, erklärt Brigitte von Haacke. Dadurch werde der Konkurrenzkampf unter den Medienanbietern weiter verstärkt. Die Medien hätten somit die Pflicht, ihre Relevanz und Reichweite aufrecht zu erhalten.
„Spiegel Online“ setzt mit seinem Modell „Spiegel Plus“ auch auf Vertriebserlöse. Obwohl ein monatlicher Beitrag von 19,99 Euro für die journalistischen Produkte gezahlt werden müsse, sei die Redaktion von der hohen Reichweite und derer positiven Entwicklung überrascht. Laut Elmer liegt der Fokus im Online-Journalismus demnach auf Digitalabos als Finanzierungsmodell.
Den Journalismus über Stiftungen zu finanzieren lehnt von Haacke ab. Sie wünscht sich, dass der Journalismus nicht auf „Wohltätigkeit hoffen“ müsse. Auch Steinbrecher merkt an, dass bei einer Stiftungslösung eine unerwünschte Verbindung zu Dritten entstehe.

So erfolgreich wie „Spiegel Online“ sind jedoch längst nicht alle digitalen Medienangebote. Dies hänge laut von Haacke damit zusammen, dass die Medien zu langsam auf die digitale Entwicklung reagiert hätten. Auch Steinbrecher ist es wichtig, die Möglichkeiten, die sich im Zuge der Digitalisierung erschließen, offen zu besprechen, damit diese früh wahrgenommen werden. So sei beispielsweise die Automatisierung von Nachrichten bereits ein wichtiges Thema. Die Möglichkeit Nachrichten automatisiert zu erstellen, sei bereits vorhanden und man müsse sich vor Augen führen, dass dies auch genutzt werde. Daher sei es wichtig, sich die Frage zu stellen: „Was können Journalisten, was die künstliche Intelligenz nicht leisten kann?“
Christina Elmer bemerkt, dass es nicht darum gehe, journalistische Arbeit durch Automatisierung zu ersetzen, sondern diese eher als Teil der journalistischen Tätigkeit zu betrachten. Im Bereich Sport finde dies durch automatisierte Spielanalysen bereits statt.

Journalisten als Allrounder

Zukünftig möchte „Spiegel Online“ seinen Leserinnen und Lesern weiterhin den gewünschten Überblick über die aktuelle Nachrichtenlage bereitstellen. Wichtig sei jedoch auch, sich in neue Themen, wie Datenjournalismus, und neue Darstellungsformen, wie sie in sozialen Netzwerken entstanden sind, einzuarbeiten, um Journalismus auf sämtlichen Kanälen betreiben zu können, so Elmer.Durch das Aufkommen von Fake News habe der Rezipient jedoch auch die Qualität kuratierter Seiten zu schätzen gelernt, meint Brigitte von Haacke.

Die künftige Rolle von Journalismus in der Entwicklung der Digitalisierung schätzt Michael Steinbrecher demnach so ein, dass zusätzlich zu der professionellen Vermittlung von Darstellungsformen und dem Handwerk des Recherchierens umfassendere Kompetenzen hinzukommen. Über Technikkompetenz solle zukünftig jeder Journalist verfügen. Neue Medien müssten bespielt werden und das Feld des Datenjournalismus gewinne an Bedeutung. Zudem würde von Journalisten eine Unternehmerkompetenz erwartet, da jeder Journalist, durch den Abbau von Festanstellungen, zum „Planungsbüro des eigenen Lebenslaufes“ werde. Außerdem sei die Kompetenz, sich in unterschiedlichste Positionen einarbeiten zu können oder dem zunehmenden Zeitdruck Stand zu halten, unverzichtbar.

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