Im Mutterland der sozialen Medien

9. Dezember 2014 • Digitales • von

Ohne die Nachrichten auf Facebook hätte ich wahrscheinlich keinen Plan, was in der Welt so los ist. Ich habe schließlich keine Zeit, mir die Nachrichten von all den verschiedenen Seiten zusammenzusuchen“, gab ein Teilnehmer einer Studie des PEW Research Center’s Journalism Project an.

In den USA finden mittlerweile mehr als ein Zehntel der Nutzer ihren Weg auf die Seiten der traditionellen Medienunternehmen über Soziale Netzwerke. Twitter, Facebook und Co sind aus dem Arbeitsalltag US-amerikanischer Journalisten nicht mehr wegzudenken, während in Deutschland der journalistische Umgang mit diesen Seiten oftmals noch zurückhaltender ist. In diesem Spannungsfeld aus amerikanischem Pioniergeist im Internet und deutscher Zurückhaltung arbeiten die deutschen Auslandskorrespondenten in Washington, D.C..

Sie liefern Informationen für das deutsche Publikum, müssen sich diese Informationen jedoch auf amerikanische Weise beschaffen: über Soziale Netzwerke. Aufschluss darüber, wie und warum die deutschen Korrespondenten Twitter und Facebook nutzen, gibt die Bachelor-Arbeit „Breaking News aus #Washington, D.C. – Wie deutsche Auslandskorrespondenten in Washington, D.C. Soziale Netzwerke nutzen“ geben. Anhand von qualitativen, teil-standardisierten Leitfadeninterviews mit zehn Journalisten aus den Bereichen Print/Online, Radio, Fernsehen und Nachrichtenagentur wurden die Unterschiede zwischen den Auslandskorrespondenten auf der einen und ihren amerikanischen und deutschen Kollegen auf der anderen Seite untersucht.

Twitter als Quelle im Aufwind

Die Hauptquellen der Washington-Korrespondenten sind immer noch Print-Publikationen: Die New York Times, die Washington Post und das Wall Street Journal belegen die ersten drei Plätze. Neben diesen Publikationen stellen die Auslandskorrespondenten Twitter auf die gleiche Stufe wie CNN oder auch Nachrichtenagenturen. Ein Print-Korrespondent beschreibt Twitter als „einen täglichen Pulsschlag“, eine Fernseh-Journalistin gibt an, dass der Micro-Bloggingdienst mittlerweile „genauso ernst zu nehmen ist wie eine Agentur“ – nur dass Twitter in einigen Fällen deutlich schneller sei. So zum Beispiel bei den sogenannten School Shootings, die mittlerweile zuerst über Twitter gemeldet werden „lange, bevor die erste CNN-Schlagzeile draußen ist, oder man dann irgendwann einen Online-Zeitungsbericht dazu findet“, so ein Nachrichtenagentur-Korrespondent.

Phänomene aus dem Netz

Gerade die Journalisten, die häufig für ein jüngeres Publikum arbeiten, müssen wissen, was in den Sozialen Netzwerken gerade en vogue ist. Denn mittlerweile gäbe es neben der traditionellen Nachrichtenwirklichkeit noch eine „zweite Wirklichkeit“. In dieser „zweiten Wirklichkeit“ der Sozialen Netzwerke habe einem Korrespondenten zufolge ein Dackel auf Diät fast genauso viel Aufmerksamkeit verdient wie beispielsweise der Government Shutdown.

Ein weiteres Phänomen der Sozialen Netzwerke ist die „zweite Halbzeit“. Mit diesem Begriff hat einer der Print-Korrespondenten die Arbeit nach Erscheinen eines Artikels bezeichnet. Vorher sei man als Journalist „Transmissionsriemen“ für Informationen gewesen, aber mit Ausnahme von ein paar Leserbriefen habe es keine Interaktion mit dem Publikum gegeben. Das sei jetzt anders. „Nach der Geschichte ist vor der Geschichte“, sagt er, in Anlehnung an ein berühmtes Fußball-Zitat. Jetzt müsse man seine Geschichten in Sozialen Netzwerken bewerben und es würden sich viel häufiger Interaktionen mit den Lesern der Geschichte ergeben. Außerdem eröffnen sich durch die intensivere Kommunikation mit den Lesern häufig Anknüpfungspunkte für eine Fortsetzung der Geschichte. „Die Form des Weiterdrehens eines Themas hat extrem zugenommen, ist aufwendiger geworden und gleichzeitig aber auch viel wichtiger. Viel wichtiger dafür, dass Ihre eigene Arbeit wahrgenommen wird, dass das Medium, für das Sie arbeiten, wahrgenommen wird. Und das führt aus meiner Sicht dazu, dass sich kaum noch ein Journalist dem verweigern kann“, so der Print-Journalist.

Verweigerung wagt auf Twitter sowieso keiner der befragten Korrespondenten – sie alle haben seit durchschnittlich drei Jahren einen Twitter-Account. Bei Facebook sind neun von zehn Korrespondenten angemeldet – seit durchschnittlich fünf Jahren.

Aktivitäten auf Twitter und Facebook

Als Hauptaktivität auf Twitter geben die Washington-Korrespondenten das Verfolgen von Eilnachrichten an, gefolgt von Tweets zur Self-Promotion. Diese Bewerbung der eigenen Artikel und Beiträge ist bei allen Befragten umstritten, doch räumen sie ebenfalls einhellig ein, dass es zum Job dazugehöre. So haben die internen Controllings eines Korrespondenten beispielweise gezeigt, dass Artikel, die er in Sozialen Netzwerken beworben habe, besseren Traffic bekamen als solche, die nicht beworben worden waren.

Auch die Recherchemöglichkeiten auf Twitter werden von den Korrespondenten gelobt. Es sei ein sehr gutes Medium, um „schnell, besonders an bereits veröffentlichte, weiterführende Artikel zu kommen“, so einer der Print-Korrespondenten. Ein anderer Print-Journalist beschreibt den Microblogging-Dienst als einen „hervorragenden Katalog dessen, was gerade im Moment wichtig ist“. Twitters Relevanz für Auslandskorrespondenten aller Länder unterstreicht ein TV-Korrespondent: „Man profitiert von erfahreneren Trüffelschweinen bei der Recherche. Wenn man als Auslandskorrespondent hierher kommt, weiß man oft gar nicht, wo man jetzt suchen muss und wenn man dann ein Netzwerk von Twitter-Leuten hat, die am gleichen Thema arbeiten, dann kriegt man neue Quellen aufgeschlossen über die Erfahrung anderer Leute. Und das ist für alle gut.“ Letztlich, darin sind sich ebenfalls alle Korrespondenten einig, diene Twitter aber immer nur als Sprungbrett: entweder zu dem Ort, an dem sich die Informationen tatsächlich befinden oder aber als Sprungbrett in eine neue Recherche. Denn keiner der Korrespondenten würde je Twitter-Informationen ohne weiteres weiterverbreiten.

Facebook hingegen ist für die Korrespondenten eher das Netzwerk, durch das sie mit den in Deutschland gebliebenen Freunden und Verwandten in Kontakt bleiben. Sie nutzen Facebook nur äußerst selten für berufliche Zwecke und wenn, dann höchstens zur Protagonisten-Suche.

Twitternde Korrespondenten

Von den zehn befragten Korrespondenten twittern fünf aktiv, was einen minimal höheren Schnitt darstellt als bei Inlandsredakteuren. Von ihnen twittern einer Cision Studie von 2014 zufolge rund 44 Prozent aktiv. Die Washington-Korrespondenten sehen die Ansprache auf Twitter als kürzer, pointierter und witziger an, als sie es in ihrem Medium sei.

Ob ein Korrespondent aktiv twittert oder nicht, scheint auch vom Medium abzuhängen: Die Washingtoner Radio-Journalisten twittern gar nicht, während der Rest zumindest unregelmäßig selbst etwas twittert. Ein Radio-Journalist sagt dazu, dass Twitter nicht das Medium seiner Wahl sei, wenn er eine wichtige Nachricht schnell verbreiten möchte – dann schreibe er eine Nachrichtenminute. Diese Logik ist vermutlich ein Hauptgrund für die Weigerung der Radio-Journalisten, zu twittern – sie arbeiten für ein Medium, mit dem man Informationen sofort und schnell verbreiten kann. Außerdem erreicht das Radio auf anhieb ein viel größeres Publikum, als es die Radio-Journalisten mit ihren Twitter-Accounts könnten, denen selbst bei kontinuierlich hoher Aktivität allerhöchstens zwischen zwei- bis viertausend Menschen folgen würden – eher weniger, wenn man die mangelnde Bekanntheit der Radio-Korrespondenten im Vergleich zu ihren Fernsehkollegen und denen der großen Printpublikationen in die Bewertung mit einbezieht.

Die Print- und Fernseh-Journalisten müssen sich anderen, langsameren Erscheinungszyklen unterwerfen, wenn die Nachricht nicht wirklich wichtig ist; die Erstellung eines Online-Artikels oder eines kurzen Fernsehstücks braucht deutlich länger als das Verfassen eines 140-Zeichen Tweets. Deshalb twittern diese Korrespondenten erst und machen sich dann an die Arbeit für ihr traditionelles Medium.

Demographie des Folgens

Die Washington-Korrespondenten folgen vor allem ihren deutschen und amerikanischen Kollegen und deren Medien. Sie erwarten sich einen schnelleren Informationsgewinn und diese Erwartung wird besonders durch die Medienpolitik der öffentlichen Stellen erfüllt. So geben das Weiße Haus, das Außenministerium und in vielen Fällen auch die Polizei zu allererst Informationen über Twitter heraus, bevor sie irgendwann mit großer zeitlicher Verzögerung eine Pressemitteilung schreiben und auf die Homepage setzen. Die Korrespondenten, die auf diese Informationen für ihre Berichterstattung angewiesen sind, müssen aber sofort über aktuelle Entwicklungen Bescheid wissen, so dass sie gar nicht die Möglichkeit haben, nicht auf Twitter zu sein.

Fazit: Verhalten der Washington-Korrespondenten im Mutterland von Facebook und Twitter

Die deutschen Washington-Korrespondenten nehmen eine Zwitter-Rolle ein: Sie sind keine US-Journalisten, die von Anfang an Schritt für Schritt im Umgang mit Twitter und Facebook sozialisiert wurden. Sie sind aber auch nicht mehr in Deutschland, wo die Verwendung Sozialer Netzwerke für den Arbeitsalltag immer noch eher zweit- oder sogar drittrangig ist. Die deutschen Auslandskorrespondenten kommen im Zusammenhang mit der Benutzung Sozialer Netzwerke aus einem „Entwicklungsland“ und müssen sich im „Mutterland“ von Facebook und Twitter zurechtfinden. Sie sind bereits weiter als ihre Kollegen in Deutschland, zeigen sich in letzter Konsequenz aber noch zurückhaltender als ihre amerikanischen Kollegen. Die Korrespondenten selbst sehen sich durch ihren Aufenthalt in den USA und die dortige Nutzungskultur Sozialer Netzwerke im Vorteil: „Wenn ich in drei, vier Jahren irgendwann mal wieder nach Deutschland zurückgehe, werde ich schon ein ganzes Stück weiter sein und einiges mehr ausprobiert haben bei diesen Sachen“, prognostiziert ein Radio-Korrespondent.

Ohm, Lena Christin (2014): Breaking News aus #Washington, D.C. – Wie deutsche Auslandskorrespondenten in Washington, D.C. Soziale Netzwerke nutzen“. TU Dortmund, unveröffentlichte Bachelorarbeit.

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