Instagram: Licht und Schatten

29. Oktober 2020 • Aktuelle Beiträge, Digitales, Qualität & Ethik • von

Schon kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie warnte die WHO vor einer „Infodemie“, einer Überschwemmung an Falschinformationen vor allem in sozialen Netzwerken. Auch Instagram, das diesen Monat seinen zehnten Geburtstag feierte, birgt diesbezüglich Gefahren. Die Plattform stärkt aber auch den Aktivismus.

Eine Milliarde Menschen weltweit nutzt inzwischen die Plattform Instagram, die Hälfte von ihnen sogar täglich. Die großen deutschen Leitmedien wie die FAZ, die SZ oder Der Spiegel sind schon längst auf den Trichter gekommen und präsentieren sich jung und frisch auf den Seiten der Facebook-Tochter. 38 Prozent der befragten Deutschen im Alter von 18 bis 24 Jahren geben laut Digital News Report 2020 des Reuters Institute an, in der Woche vor der Befragung Instagram als Quelle für Nachrichten zum Coronavirus genutzt zu haben. Zudem sagten ebenfalls 38 Prozent, dass sie Nachrichten allgemein hauptsächlich über die sozialen Medien konsumierten.

Der Digital News Report 2020 beobachtet eine Entwicklung, nach der der Journalismus immer mehr in seiner Aufgabe als informative, objektive Instanz geschwächt wird: „Journalisten kontrollieren den Informationsfluss nicht mehr. Die Menschen verlassen sich vermehrt auf Angebote in den sozialen Medien, die ihnen Zugang zu einer größeren Zahl an Quellen und ‘alternativen Fakten’ bieten. Viele dieser ‘Fakten’ widersprechen offiziellen Angaben, sind irreführend oder schlichtweg falsch.”

Social Media als Fake News-Inkubatoren

Als sekundäre Quelle von Fake News in den sozialen Medien identifizierten die Forscher*innen des Reuters Institute vor allem Politiker*innen, auch wenn in einigen Ländern vor allem von der politischen Rechten den Medien die Schuld an der Verbreitung von Falschinformationen gegeben wird.

Für die Studie „Journalism and the Pandemic” befragte das International Center For Journalists 1.406 Journalist*innen, Verleger*innen und Medienschaffende aus 125 Ländern zu ihrer Einschätzung der Auswirkungen der Pandemie auf den Journalismus. 11 Prozent der Befragten gaben an, in Instagram eine signifikante Quelle von Desinformation zu sehen.

Im Factsheet “Types, Sources, and Claims of COVID-19 Misinformation”, das von einem Team der University of Oxford erstellt wurde, heißt es auf Grundlage der Analyse von 225 Fake-News-Artikeln (die den Forscher*innen von Fact-Checkern zur Verfügung gestellt wurden): „Bei den meisten (59%) der Fehlinformationen in unserer Stichprobe handelt es sich um Meldungen, die auf eigentlich wahren Informationen basieren, die aber abgewandelt, in ihrer Bedeutung verändert und in einen anderen Kontext gesetzt wurden.“

Nur 38 Prozent der Falschinformationen seien völlig neu erfunden worden. Damit offenbart sich ein Teufelskreis: Professionelle Medien versorgen unter anderem Plattformen wie Instagram mit Inhalten, welche dann jedoch aus dem Kontext gerissen und neu ‚interpretiert’ werden. So rücken sich ‚alternative Quellen’ ihre Informationen zurecht und streuen sie innerhalb der Community, wo sie sich wie ein Virus verbreiten.

Fake News als soziales Phänomen

Ein Team von Forscher*innen der University of California und der University of Florida hat auch erkannt, dass Konsument*innen einen Post auf Instagram in der Regel dann vertrauenswürdiger finden, wenn er ihnen einen vertrauenserweckenden Anreiz gibt. In der Studie „Misinformation on Instagram: The Impact of Trusted Endorsements on Message Credibility” schreiben sie, dass es einen signifikanten Unterschied bei der Wahrscheinlichkeit, dass User*innen einen Post liken oder nicht, mache, ob der Post zuvor von einer Vielzahl von Personen bzw. einer als vertrauenswürdig eingestuften Person geliked worden sei. Die Forscher nutzten für ihr Experiment die Namen von Bill Gates, Ellen DeGeneres, Oprah Winfrey, Selena Gomez und Leonardo DiCaprio, die sie jeweils unter das Bild setzten (Beispiel: “Liked by thisisbillgates and 605,958 others”).

Demnach lässt sich vermuten, dass Informationen – auch Fake News – gemäß der Konzepte der ‚Filterblase’ und der Meinungsführerschaft einem inzestuösen Mechanismus folgen, der dazu beiträgt, dass Falschinformationen nicht homogen in allen Bereichen der Gesellschaft auftreten, sondern in den einen mehr, in den anderen weniger. In dieser Rolle des Meinungsführers ist in Deutschland beispielsweise der selbsternannte „Volkslehrer” und mehrfach verurteilte Holocaust-Leugner Nikolai Nerling auf Instagram zu finden.

Maßnahmen und Disclaimer

In Nikolai Nerlings Instagram-Highlights lässt sich eine Serie von Screenshots unter dem Titel „Zensur” finden. Dort beschwert er sich über die Maßnahmen, die die Plattform gegen Postings vornimmt, die gegen die Nutzungsregeln von Instagram verstoßen. Dazu nennt das Unternehmen in seinen Gemeinschaftsrichtlinien unter anderem Hassrede und die Darstellung von Gewalt. Die Löschung entsprechender Inhalte ist eine Maßnahme, die die Plattform aktuell durchsetzt.

Aus demselben Grund zeigt Instagram einen Disclaimer an, wenn man „QAnon” in die Suchleiste eingibt: „Die Suchergebnisse enthalten unter Umständen Content, der QAnon, einer Gruppe, die gefährliche Verschwörungstheorien verbreitet, assoziiert wird.“ Weiter heißt es, dass Expert*innen in der Gruppe und den Gewalttaten, die sie anregt, eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit sehen. Für weitere Informationen verweist Instagram auf das Global Network on Extremism and Technology.

Fake News, die von Instagram enttarnt werden, werden entsprechend gekennzeichnet. Außerdem verweist die Plattform bei der Suche nach #coronavirus auf das Bundesgesundheitsministerium, um ihre Nutzer*innen adäquat zu informieren. Für die US-Wahlen 2020 hat das Unternehmen eigens ein digitales „Wahl-Informationszentrum” eingerichtet, zu dem beispielsweise unter Posts von Joe Biden und Donald Trump verlinkt wird. Dort bekommen User*innen Informationen zur Wahl und können sich auf die Seiten der Wählerregistrierung weiterleiten lassen.

Instagram stärkt Aktivismus

Diana Liu zeichnet in einem Beitrag für den französischen Blog Méta-Media aber auch ein positives Bild von Instagram. Die Plattform definiere den Journalismus neu und sei trotz aller Schwächen auch eine Quelle der Innovation und des Aktivismus, vor allem in Zeiten von #BlackLivesMatter und Fridays For Future. Es bestehe der Wunsch, „Themen wie die Klimakrise besser abzudecken oder Informationen mit aktionsorientiertem Verhalten wie zum Beispiel lösungsorientiertem Journalismus zu verbinden”. Als flexible, eher traditionsunabhängige Plattform biete Instagram dazu die entsprechende Infrastruktur, durch die auch die jüngeren Generationen erreicht werden können. Das erwähnt beispielsweise auch Kefa Hamidi in seinem EJO-Beitrag zum afghanischen Mediensystem: „Schließlich haben soziale Medien der afghanischen Diaspora ermöglicht, sich weltweit untereinander und mit dem Land zu verbinden. Durch transnationale massenpersonale Kommunikation (…) schaffen sie gemeinsame Themen, verbreiten ihre Stimmen und steuern und betreiben selbst medial hybriden (on- und offline) Aktivismus.”

Instagram existiert nun seit bereits 10 Jahren. Die Plattform begünstigt schnelle und gezielte Information, die Repräsentation von gesellschaftlichen Gruppen und digitalen Aktivismus. Jedoch verbreiten User*innen auf Instagram auch Fake News, ein Trend, der sich mit der Corona-Krise und dem US-Wahlkampf fortsetzt. Für die Plattform gilt es, ausnahmslos und streng gegen diese Falschinformationen vorzugehen.

 

Bildquelle: pixabay.com

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