Journalismus im Zeitalter der Singularisierung

18. Dezember 2019 • Digitales, Qualität & Ethik, Top • von

Gerret von Nordheim ist Preisträger des diesjährigen Dissertationspreises der TU Dortmund. Hier fasst er die Ergebnisse seiner kumulativen Dissertation „Journalism in the Age of Singularization – inter-media perspectives through computational methods“ zusammen.

Stellen Sie sich einen Moment vor, Sie erlebten die Welt mit den Sinnen eines Tieres – einer Katze vielleicht, einer Maus oder eines Elefanten: Wie sähe die Welt aus, was würden Sie riechen, wieviel mehr würden Sie hören? Unsere Wahrnehmung der Welt, ja unsere Konstruktion von Realität hängt davon ab, wie unser Sensorium beschaffen ist. Und genauso verhält es sich mit Medien. Medien sind unsere Ersatzsinne für Dinge, die sich sonst unserer Wahrnehmung entziehen würden. Und auch hier wird eine Welt konstruiert, die abhängig ist von der Beschaffenheit des jeweiligen Sensoriums. Journalistische Medien beispielsweise helfen uns, eine spezifische Realität zu konstruieren, und folgen dafür bestimmten Logiken. Journalisten lernen beispielsweise, sich streng an Fakten zu halten und – wo es Sinn macht – mehrere Seiten eines Problems darzustellen. Und auch wenn es in der Praxis tagtäglich Beispiele gibt, die nicht dieser Logik folgen – das Gesamtsystem ist auf diese Normen ausgerichtet. Und diese Normen orientieren sich wiederum an der Aufgabe des Journalismus in einer Demokratie: die aktuelle gesellschaftliche Wirklichkeit zu beschreiben und so „die Freiheits- und Entscheidungsfähigkeit des Bürgers als Demos der Demokratie sicherzustellen“ (Kiefer 2010: 211).

Systeme wie der Journalismus, die uns helfen, Realität zu konstruieren, nenne ich epistemologische Systeme mit je eigenen epistemologischen Normen. Bis vor ein paar Jahren war Journalismus das wichtigste epistemologische System, quasi alternativlos, wenn man sich ein Bild vom aktuellen Weltgeschehen machen wollte. Heute gibt es andere Systeme, mit deren Hilfe Menschen ihre Realität konstruieren – Systeme, die sich vom Journalismus so grundsätzlich unterscheiden wie das Sensorium des Hundes von dem der Fledermaus. Sie unterscheiden sich vor allem deshalb so deutlich vom Journalismus, weil ihre Eigenlogik nicht gesellschaftlich-demokratischen Normen, sondern Profitzielen folgt und dafür auf kognitionspsychologische Affekte abzielt.

So ist die Richtigkeit von Inhalten hier beispielsweise keine entscheidende Norm, Multiperspektivität kein primäres Ziel. Stattdessen geht es um Rezeptionszeit und Interaktionsraten – also vor allem um das Sammeln von User-Daten und den Verkauf von Werbung. Während Journalismus als System auf Gemeinwohl und Demokratiefähigkeit zielt, folgen algorithmische Medien also vor allem ökonomischen Imperativen und wirkten in der Folge tendenziell polarisierend, relativistisch und affizierend.

Dass dieses Geschäftsmodell heute auf dem Markt der Realitäten dominiert, ist bestimmten technischen Entwicklungen zu verdanken, vor allem Digitalisierung, Datafizierung und Vernetzung. Durch diese Techniken bilden Individualisierung und Massenproduktion heute keinen Gegensatz mehr – der Soziologe Andreas Reckwitz (2017) glaubt, dass diese Art der Produktion einen grundlegenden Strukturwandel ausgelöst hat, den er als Singularisierung beschreibt. Generatoren des massenhaft Besonderen sind die Triebfedern dieser Entwicklung, die zu einer Erosion der Institutionen des Allgemeinen führen. Die Beziehung zwischen den neuen Medienformen, allen voran algorithmischen Systemen, und Journalismus, wird hier als Beispiel dieses Prozesses beschrieben.

Ich habe in meiner Dissertation Evidenzen zusammengetragen, um die Interdependenzen, die synergetischen und destruktiven Momente dieser Verbindung offenzulegen. Hierzu wurden holistische und singularisierende Medien in verschiedenen Kontexten und auf verschiedenen Ebenen untersucht, um die Frage zu beantworten, wie Singularisierung auf und durch Journalismus wirkt.

Die wichtigsten Erkenntnisse lassen sich in wenigen Sätzen auf den Punkt bringen: Es konnten auf inhaltsanalytischer Ebene sowohl im Kontext einer spezifischen Debatte als auch allgemein in Bezug auf die journalistische Quellen-Praxis starke Anzeichen dafür gefunden werden, dass die Logiken der Singularisierung elementare Auswirkungen auf Journalismus haben. Insbesondere die affizierenden Themen der vergangenen Jahre, die TTIP-Debatte, der Brexit und besonders der US-amerikanische Wahlkampf haben bewirkt, dass soziale Medien eine stetig größere Rolle in der journalistischen Praxis spielen. Journalisten bilden sich eine Meinung von der öffentlichen Stimmung in einem Umfeld, dessen Population die Bevölkerung nicht widerspiegelt, das instrumentalisiert wird von interessengeleiteten Akteuren und zusätzlich durch Algorithmen verzerrt wird. Diese Beobachtung wurde gestützt durch Beobachtungen auf der Akteursebene: Mittels Befragung und Netzwerkanalyse konnte am Bespiel von Twitter gezeigt werden, dass die Plattform von Journalisten intensiv und dabei wenig kritisch/reflektiert genutzt wird.

Des Weiteren konnte das bisher theoretisch nicht zufriedenstellend erklärte Phänomen der Komplizenschaft zwischen Populismus und algorithmischen Systemen mit Hilfe des Singularisierungsbegriffs beschrieben werden. Beide wirken miteinander synergetisch als singularisierende Systeme und stehen dabei in einem parasitären Verhältnis zum Journalismus. Algorithmische Systeme zehren vom journalistischen Content, den sie algorithmisch neu arrangieren, populistische Medien knüpfen an die Agenda der klassischen Medien an, um sie entsprechend ihrer Ideologie zu re-framen. Beide singularisierenden Mechanismen basieren damit auf der Ressource Journalismus. Nur vor dem Hintergrund dieser Komplizenschaft ist der Status Quo des „hybrid media system“ (Chadwick 2013) zu erklären. Die Profiteure dieser Entwicklung sind neben den Plattformen also die großen Vereinfacher, die Populisten, deren Aufstieg in den vergangenen Jahren auch auf die technisch-sozialen Voraussetzungen der Singularisierung zurückzuführen ist.

Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse muss das Konzept der Meinungsbildungsrelevanz digitaler Intermediäre überdacht werden. Diese wird zwar nicht mehr bestritten – regelmäßig wird jedoch, gleichsam beruhigend, eingewandt, dass klassische Medien – allen voran das Fernsehen, aber auch Tageszeitungen – noch immer wichtiger seien oder zumindest ein relevantes Gegengewicht bildeten. Überdies richte sich der Nachrichtenkonsum in den sozialen Medien oder über Google News etc. nach klassischen Medien aus. Hier wird ein eindimensionales Verständnis von Einfluss und damit von Meinungsbildungsrelevanz deutlich. Der Einfluss der neuen Medien besteht eben nicht in der Distribution medialer Inhalte, sondern in der strategischen, zielgerichteten Neu-Organisation von Inhalten (Singularisierung). Der Einfluss dieser neuen Medienlogik ist auch nicht durch die Rezeption bestimmter Kanäle zu bemessen – die Logik wird nämlich auch indirekt wirksam, zum Beispiel indem sie durch Journalisten reproduziert wird, die sich als Informationselite immer mehr in digitalen Öffentlichkeiten bewegen und ihr Handeln immer unmittelbarer an den Signalen der Algorithmen ausrichten (Isomorphismus).

Die Ansprüche an Journalismus wachsen mit der Erkenntnis der Nachteile singularisierender Systeme. Diese Kontrastierung war in vor-digitalen Zeiten nicht möglich, Journalismus war epistemologischer Monopolist. Der neue Kontrast löst Gegenbewegungen aus: Journalismus besinnt sich unter den Schlagworten des datengetriebenen, des konstruktiven, des langsamen oder kontextuellen Journalismus auf seine Tugenden. In dieser Dialektik steckt eine Chance – die Chance einer journalistischen Selbstsuche und eines neuen journalistischen Selbstbewusstseins.

 

Literatur:

Reckwitz, A. (2017). Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Suhrkamp.

Kiefer, M. L. (2010). Journalismus und Medien als Institutionen. Konstanz: UVK-Verl.-Ges.

Chadwick, A. (2013). The Hybrid Media System. New York: Oxford University Press.

 

Bildquelle: pixabay.com

 

 

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