Journalisten zitieren immer mehr Social-Media-Inhalte

23. Oktober 2018 • Aktuelle Beiträge, Digitales, Forschung aus 1. Hand • von

Journalismus im Gravitationsfeld sozialer Medien: Eine neue Studie zeigt, dass Journalisten immer häufiger Twitter und Facebook als Quelle für ihre Arbeit nutzen.

Die halbe Welt schaut auf den nächsten Tweet von US-Präsident Donald Trump – weil journalistische Medien seine Tweets aufgreifen, kommentieren und damit verstärken. Journalisten nutzen soziale Medien inzwischen als Quelle in vielen Themenbereichen. Twitter, Facebook und andere dienen als Gradmesser für allgemeine gesellschaftliche oder politische Stimmungen und regen dazu an, Trends aufzugreifen. Hashtags werden zu Medienereignissen, Likes zu Nachrichtenfaktoren und Tweets ersetzen Pressemitteilungen. Soziale Medien sind längst nicht mehr nur eine legitime Quelle, wenn Journalisten keinen anderen Zugang zum Geschehen haben, beispielsweise bei Katastrophen oder Bürgerkriegen, sondern für viele Redaktionen ein alltägliches Werkzeug. Laut der Social Journalism-Studie von Cision nutzen 72 Prozent aller Journalisten und Kommunikationsexperten in Deutschland täglich soziale Medien beruflich.

In welchem Maße sie dies tun und auf welche Weise dies ihre Arbeit beeinflusst, ist bisher kaum erforscht. Wir haben uns deswegen in unserer aktuellen Studie die Frage gestellt: Wie oft werden Facebook und Twitter von Journalisten als Quelle genutzt? Wir haben dafür mittels computergestützter Verfahren und manueller Analysen die Berichterstattung von Süddeutscher Zeitung, New York Times und Guardian zwischen 2004 und 2016 analysiert (insgesamt ca. 3 Mio. Artikel). Viele ältere Studien gehen davon aus, dass die Nutzung der Quelle Social Media seit einigen Jahren quantitativ stagniert. Tatsächlich ist auch in allen von uns untersuchten Datensätzen ein solches Abflachen der Adaptionskurve zu sehen (siehe Grafik): Anfang des Jahrzehnts meldeten sich von Jahr zu Jahr weniger Menschen neu auf den Plattformen an; parallel dazu stagnierte auch die Zunahme der Verweise auf die sozialen Medien in den Berichten der Journalisten. Doch die Phase dieser Plateaubildung ist zu Ende. Wie unsere Untersuchung zeigt, hat die Anzahl der Social-Media-Zitate in den vergangenen Jahren nochmals deutlich zugenommen. Die Intensität dieses Anstiegs und auch das absolute Niveau sind in den anglo-amerikanischen Zeitungen deutlich höher als bei der Süddeutschen Zeitung; die beschriebene Tendenz ist jedoch auch hier zu sehen. Journalisten zitieren in allen drei Zeitungen immer mehr Inhalte von den Plattformen, dabei deutlich häufiger von Twitter als von Facebook (trotz der wesentlich kleineren Twitter-Community in allen Ländern). Die journalistische Adaption des Recherchewerkzeugs Social Media ist offenkundig längst nicht an ihrem Ende angekommen.

Die im Untersuchungszeitraum veröffentlichten Texte (NYT = 1.175.636/ Guardian = 1.298.334/ SZ = 85.1667) wurden mittels computergestützter Verfahren und manueller Inhaltsanalysen (Sample= 5,400 Artikel) nach Artikeln durchsucht, in denen die Wörter „Twitter“/„Tweet“ oder „Facebook“ als Verweis auf ein Zitat genutzt werden. In den dargestellten Diagrammen sieht man die Anteile dieser Artikel an den Gesamtcorpora – mit 95% punktweisen Konfidenzintervallen.

Unsere quantitative Analyse lässt keine Schlüsse über die Gründe für die zunehmende Nutzung von Social Media als Quelle zu. Verschiedene Faktoren dürften jedoch eine Rolle spielen: Gerade jüngere Journalisten haben eine höhere Affinität gegenüber dem Medium, außerdem findet in den Redaktionen seit Jahren eine Professionalisierung der Social-Media-Aktivitäten statt. Die Krise journalistischer Geschäftsmodelle – die Verknappung an Recherchezeit, die Kündigung von Nachrichtenagenturen – mag die Social-Media-Nutzung begünstigen, ebenso wie die immer weiter wachsende Zahl von potenziellen Quellen, da Celebrities, Sportler und Politiker Social Media inzwischen teils exzessiv nutzen. Tatsächlich sehen wir insbesondere bei Twitter, dass die Zunahme der Referenzen vor allem auf eine Zunahme zitierter Elite-Quellen zurückzuführen ist (siehe Grafik). Das vermeintliche Medium der Massen ist vor allem Sprachrohr derjenigen, die auch in der vordigitalen Zeit die Schlagzeilen bestimmten. Das zieht Journalisten an, deren Präsenz wiederum den Zustrom weiterer Eliten bewirkt – die Plattform entwickelt so ein unwiderstehliches Gravitationsfeld für alle, die nach massenmedialer Aufmerksamkeit suchen, Propagandisten und Verschwörungstheoretiker eingeschlossen.

Vergleich der Artikel, in denen Eliten (Politiker, Prominente, Unternehmensvertreter etc.) bzw. Nicht-Eliten als Quelle von Facebook oder Twitter zitiert wurden – jeweils als Anteile am Gesamtcorpus, mit 95% punktweisen Konfidenzintervallen.

Ein weiterer Grund für die beobachtete Entwicklung mag die Politik der Plattformen selbst sein. Nachdem Facebook an die Börse gegangen war, griff die Plattform ihren Konkurrenten Twitter an, indem sie ihren Algorithmus mit dem Ziel umstellte, für Journalisten interessanter zu werden. Auch Facebook nutzte nun vermehrt Hashtags und brachte mit „FB Newswire” eine App heraus, die Journalisten dazu anregen sollte, die Plattform für ihre Arbeit zu nutzen.

Ungeklärt ist bislang, welche Auswirkungen die Nutzung von Social Media als Quelle auf die Qualität von Journalismus hat. Klar sollte jedoch sein: Bei der Nutzung des Recherchetools Social Media ist Vorsicht geboten. Kommunikationsforscher Sascha S. Hölig zeichnet in seiner aktuellen Studie „Eine meinungsstarke Minderheit als Stimmungsbarometer?!” aktuell zwei Trends nach: Einerseits die immer lauter werdende Kritik an Journalisten, sie verlören den Bezug zur Lebenswelt der Bevölkerung. Andererseits der weitverbreitete Einsatz von Twitter unter Journalisten und Politikern als „Mittel der Recherche und informelles Stimmungsbarometer öffentlicher Meinung”.  Ob beide Trends in Zusammenhang stünden, lasse sich nicht letztgültig klären. Indes erscheint die Vermutung eines Zusammenhangs nicht aus der Luft gegriffen. Die Praxis der Twitter-Recherche ist vor allem deswegen schwierig, weil das Twittervolk ein recht exzentrisches Sample der Grundgesamtheit abgibt: Höligs Resultate zeigen, dass das Stimmungsbild auf der Plattform von „eher stärkeren Persönlichkeiten geprägt [wird], die höhere Werte in der Tendenz zum Narzissmus aufweisen, die extrovertierter und weniger ängstlich sind” .

Auch andere Studien erkennen in Twitter einen Zerrspiegel der Realität: Die Studie von Usher, Holcomb und Littman trägt den vielsagenden Namen „Twitter Makes It Worse: Political Journalists, Gendered Echo Chambers, and the Amplification of Gender Bias“. Die US-Forscher konnten „gender silos“ auf Twitter nachweisen. Ihr Ergebnis: Männliche Journalisten haben mehr Follower und verstärken wiederum vor allem männliche Kollegen; auch weibliche Journalisten bleiben unter sich.

Was ist die Konsequenz aus diesen Erkenntnissen? Social-Media-Verzicht? Bei allen Nachteilen: Natürlich haben Intermediäre das Potenzial, Journalismus besser zu machen, vielfältiger, aktueller. Doch bei all der Euphorie, die die Adaption sozialer Medien in der Vergangenheit begleitet hat, lassen sich die damit verbundenen Fallstricke nicht ignorieren. Was bislang fehlt, sind etablierte Praktiken eines reflektiert-distanzierten Umgangs mit dem neuen Werkzeug.

Plattformen und Journalismus verweben sich auf verschiedenen Ebenen: Sie sind wichtige Ausspielkanäle für Journalismus, mächtige Traffic-Referrer, sie werben mit Initiativen und Förderung in Millionenhöhe um Kooperationspartner in der Medienbranche. Es ist die Umarmung der „Frenemies”, wie Emily Bell die Intermediäre aus Sicht des Journalismus nannte: Freunde und Feinde zugleich. Um unabhängig zu bleiben und einen klaren, offenen Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit zu behalten, muss der Journalismus Distanz wahren, in alle Richtungen.

von Nordheim, G., Boczek, K., Koppers, L. (2018): Sourcing the Sources. An analysis of the use of Twitter and Facebook as a journalistic source over 10 years in The New York Times, The Guardian, and Süddeutsche Zeitung. In: Digital Journalism Jg. 6, Nr. 7, 807-828.

 

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