Schlechte Prognose für Überregionale Blätter

24. Oktober 2003 • Digitales, Qualität & Ethik • von

Neue Zürcher Zeitung, 24. Oktober 2003

Studie zur Zukunft des Presse- und Online-Journalismus
Er habe keine frohen Botschaften zu verkünden, übte sich Peter Glotz in der Rolle der Kassandra. Der Medienforscher präsentierte zusammen mit seinem Mitarbeiter Robin Meyer-Lucht anlässlich des 6. MCM-Forums der Universität St. Gallen die Ergebnisse eines Forschungsprojekts, bei dem 200 deutschsprachige Experten zur Zukunft von Zeitungen und Zeitschriften befragt wurden*.

Es handelt sich um eine sogenannte Delphi- Studie, bei der die einzelnen Expertenaussagen zu einer Prognose verdichtet werden. Ihr gemäss gibt es vor allem für die überregionalen Tageszeitungen wenig Hoffnung, dass sie ihr bisheriges Geschäftsmodell beibehalten können. Die Experten sehen für die nächsten acht Jahre bei Tageszeitungen weiter sinkende Auflagen (minus 10%) und auch eine dramatisch sinkende Nutzungsdauer des Mediums (minus 15%) voraus. Bei Publikumszeitschriften werde dagegen die Auflage nur um 5% und die Nutzungsdauer um 7% abnehmen. Noch dramatischer werde der Einbruch beim sogenannten Rubrikengeschäft der Zeitungen, also bei den Stellen-, Immobilien- und Automobil-Anzeigen, ausfallen. Diese wanderten absehbar weiter ins Internet ab. Die einst besonders lukrative Einkommensquelle werde in den nächsten acht Jahren um weitere 40 bis 50% versiegen, obschon die Buchungen bereits in den beiden letzten Jahren dramatisch rückläufig waren.

Dass der Rückgang im Rubrikengeschäft nicht primär konjunkturelle, sondern strukturelle Ursachen hat, belegte Glotz auch unter Verweis auf die Arbeitsmarktstatistik: Bis zum Jahr 2000 habe die Zahl der bei den Arbeitsämtern als offen gemeldeten Stellen sehr eng mit dem Volumen der Stellenanzeigen in den überregionalen Tageszeitungen korreliert. Seit der Jahrtausendwende gebe es hier jedoch eine deutliche Entkoppelung. Zwar seien auch die offenen Stellen weniger geworden, das Geschäft mit Stellenanzeigen habe sich jedoch ungleich viel schneller zurückentwickelt.

Deutlich rosigeren Zeiten geht dagegen der Online-Journalismus entgegen. Laut der Studie rechnen die Experten damit, dass die Nutzungsdauer solcher Angebote in den nächsten acht Jahren um 45% zunehmen werde, das Internet werde absehbar «für breite Bevölkerungsschichten zum Alltagsmedium für journalistische Inhalte». Meyer- Lucht unterstrich dabei, dass neue Online-Nutzer sich typischerweise erst einmal auf andere Aktivitäten stürzen würden, etwa aufs Internet-Surfen oder E-Mail-Schreiben. Erst allmählich würden auch die journalistischen Angebote im Worldwide Web entdeckt und – vor allem von jungen Leuten – immer häufiger genutzt. Dabei würden sich regionale Online-Offerten langsamer als überregionale etablieren.

 

* St. Galler Delphi-Studie «Zeitung und Zeitschrift in der digitalen Ökonomie». Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement, Universität St. Gallen.

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