Von wegen young and newsless

4. Dezember 2020 • Digitales, Forschung aus 1. Hand • von

Jungen Mediennutzenden wird oft vorgeworfen, sich nicht kritisch mit ihrer (Medien-)Umwelt auseinanderzusetzen, Unterhaltung gegenüber Informationen zu bevorzugen. Dass die Realität anders aussieht, zeigt eine Masterarbeit am Institut für Journalistik.

Was haben Ampeln mit Journalismus zu tun? Wenig – so scheint es zumindest auf den ersten Blick. Nicht so für manche Schüler*innen: Für sie sind Journalisten „einfach was Selbstverständliches wie beispielsweise eine Ampel auf der Straße. Die gehören einfach dazu“. Dabei muss sich der Journalismus jedoch der Medien- und insbesondere der verstärkten Smartphone-Nutzung junger Menschen anpassen, schließlich haben sie ihr Handy „immer dabei“ und würden „ja keinen Fernseher auf dem Rücken“ tragen (männlicher Befragter, 15 Jahre alt, 10. Klasse, Gesamtschule).

Wie stellen sich Schüler*innen also Journalismus vor, was erwarten sie von ihm und spielt er in ihrer Lebenswelt überhaupt noch eine Rolle? Diese Fragen hat unsere Masterarbeit am Institut für Journalistik der TU Dortmund in den Blick genommen. Dazu haben wir 16 qualitative Leitfadeninterviews und fünf Gruppendiskussionen mit 14- bis 19-jährigen Schüler*innen unterschiedlicher Schulformen geführt. Eine Auseinandersetzung mit dem Publikum – und speziell mit jungen Mediennutzenden – erscheint umso dringlicher, da Rezipient*innen Journalist*innen sowohl in der Ausbildung als auch im Berufsleben häufig als unbekannte Wesen begegnen, gleichwohl sie eine zentrale Referenzgröße für die journalistische Arbeit darstellen. Dieses Dilemma gilt es insbesondere mit Blick auf die heutige Schülergeneration aufzulösen: Möchte der Journalismus sie als Rezipienten von morgen nicht verlieren, muss er sie rechtzeitig für sich gewinnen.

Bevor es jedoch um ihre Erwartungen und Vorstellungen gehen kann, stellt sich zunächst die Frage: Wer sind die Rezipient*innen von morgen? Was bewegt und beschäftigt sie? Hier zeigt sich, dass die junge Zielgruppe in einer ganz anderen Lebens- und Medienwelt aufwächst als alle Generationen vor ihr: Medienangebote ergänzen die klassischen Sozialisationsinstanzen Familie, Peers und Schule nicht nur um eine weitere Größe, sondern sind mittels mobiler Kommunikation immer und überall, noch dazu gebündelt auf einem Endgerät, verfügbar. Mit dem Social Web ist zudem ein Raum gewachsen, in dem Schüler*innen handeln und Erfahrungen machen, Zugang zu schier unendlichem Wissen bekommen und sich direkt beteiligen können – ganz ohne Filterfunktion durch Eltern oder Lehrer*innen.

Ein Überangebot an Möglichkeiten, das gleichzeitig Unsicherheiten für Jugendliche mit sich bringt: Schüler*innen müssen Handlungsweisen ausbilden, um sich in dieser Medienwelt zu organisieren, um Informationen einzuordnen. Zudem befinden sie sich – ob on- oder offline – auf einer intensiven Suche nach der eigenen und sozialen Identität. Wie junge Menschen diese Anforderungen meistern, hängt nicht zuletzt stark von Herkunftsfamilie, sozialem Milieu oder Schulbildung ab.

Vorstellungen von Journalismus sind überwiegend positiv

Was erwartet die heutige Schülergeneration in Anbetracht dieses neuen (Medien-)Umfelds also von Journalismus, wie stellt sie sich journalistische Arbeitsweisen vor? Die durchgeführten Interviews und Gruppendiskussionen zeigen, dass die Vorstellungen Heranwachsender von Journalismus überwiegend positiv sind: Ohne Journalist*innen wäre die Gesellschaft nicht informiert; sie könnte sich weder eine Meinung bilden noch Informationen richtig einordnen.
Kurz gesagt:

Ohne Journalisten keine Infos. Das ist einfach so.

(männlicher Befragter, 17 Jahre alt, 10. Klasse Hauptschule)

Dass Schüler*innen Informationen so klar dem Journalismus zuordnen, dürfte gerade in einem Zeitalter, das von Social Media geprägt ist und in dem eine Vielzahl verschiedener Angebote – teils journalistisch, teils auch nicht-journalistisch – zur Verfügung steht, erstaunen. Offenbar gelingt Schüler*innen hier die oftmals schwierige Differenzierung.

Doch auch wenn die positiven Vorstellungen insgesamt überwiegen, bedeutet das nicht, dass keine negativen Aspekte geäußert werden. So denken die Studienteilnehmer*innen auch, dass Journalist*innen ihre Macht ausnutzen könnten oder von Politik und Wirtschaft beeinflusst würden. Die Fake-News-Problematik ist ebenfalls bekannt. Viele Schüler*innen differenzieren allerdings zwischen seriösem und unseriösem Journalismus, sprechen den öffentlich-rechtlichen Sendern zum Beispiel großes Vertrauen zu. Gerade jüngere Befragte nennen häufig ihre Eltern als Vorbild: Sie kennen und nutzen ARD, ZDF und Co. schon länger, weil ihre Mutter oder ihr Vater diese Programme schauen, und schlussfolgern daraus, dass die Informationen der Wahrheit entsprechen.

Ältere Schüler*innen bezeichnen die öffentlich-rechtlichen Angebote von sich aus als „Vorzeigesender im deutschen Fernsehen“ (weibliche Befragte, 17 Jahre alt, 12. Klasse Gesamtschule), die gut recherchieren, aufwendige Stücke produzieren und sich an professionelle Vorgaben halten. Klatschzeitschriften und das Privatfernsehen können im Gegensatz dazu kaum punkten. Auch herrscht eine eher kritische Haltung gegenüber sozialen Medien: Hier müssen die Informationen und die jeweiligen Absender in den Augen vieler Schüler*innen genau geprüft werden. Trotzdem sind soziale Netzwerke wie Instagram der Kanal, in dem sich die meisten Schüler*innen in Zukunft Journalismus wünschen würden – nicht zuletzt, weil sie sich hier ohnehin gerne informieren.

Alle befragten Jugendlichen haben außerdem ein Grundverständnis von journalistischen Arbeitsweisen: Beispielhaft nennen sie, dass Journalist*innen recherchieren, Interviews führen und Beiträge schreiben oder produzieren. Einige Schüler*innen – vorwiegend jene von formal höheren Schulformen – wissen auch um die Stellung der Presse als Vierte Gewalt in Deutschland oder um die Situation von Journalist*innen in der Türkei. Sie erklären, dass Journalist*innen dort ins Gefängnis kommen können, wenn sie Fakten ans Licht bringen, die der Regierung ein Dorn im Auge sind, und die Pressefreiheit in Deutschland einen deutlich höheren Stellenwert hat.

Richtigkeit geht vor Schnelligkeit

Da Schüler*innen dem Journalismus die klare Rolle, Informationen zu vermitteln, zuweisen, erwarten sie in journalistischen Medien auch ehrliche, verlässliche und seriöse Fakten, die nicht durch subjektive Eindrücke geprägt sind. Ein solcher Wegweiser ist einerseits in einer zunehmend entgrenzten Welt, in der jeder seine Meinung und Informationen veröffentlichen kann, enorm wichtig. Andererseits befinden sich Jugendliche – wie bereits beschrieben – in einer von Unsicherheiten und Veränderungen geprägten Lebensphase, in der der Journalismus Halt bieten kann. Obwohl Aktualität in ihrem sonstigen Mediennutzungsverhalten eine zentrale Stellung einnimmt, ist den Befragten dieser Aspekt im Journalismus weniger wichtig. Ihnen ist es lieber, dass Nachrichten stimmen und sie sich auf Informationen verlassen können:

Ich finde es halt eher wichtig, dass er [der Journalist] sich zum Beispiel einen Tag mehr Zeit nimmt, aber dann richtig informiert, anstatt irgendwelche Vermutungen aufzustellen und dann irgendwelche Fake News rauskommen.

(weibliche Befragte, 15. Jahre, 9. Klasse Realschule)

Auch Unterhaltung ist für Schüler*innen zweitrangig. Es müssen also nicht immer die Geschichten veröffentlicht werden, die durch humorvolle Fakten und Sensationen hervorstechen. Stattdessen schätzt die junge Zielgruppe gut recherchierte Stücke, die die W-Fragen verständlich beantworten und Hintergrundinformationen liefern.

Lediglich die Präsentation der Beiträge muss überdacht werden. Lange Texte kommen nicht gut an, Bilder dagegen schon. Vor allem in einer visuellen Umgebung wie auf Instagram sei ein „ausdrucksvolles Foto oder so, was jemanden aufmerksam macht“ (weibliche Befragte, 16 Jahre, 9. Klasse Realschule) für den Journalismus wichtig, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Die Schüler*innen wünschen sich außerdem, geduzt zu werden, um Distanz abzubauen. Ferner muss der Journalismus Jugendlichen die Möglichkeit bieten, ihr eigener Programmdirektor zu werden. Sie möchten sich selbstbestimmt die Beiträge suchen, die sie interessieren.

Mitreden und eigener Wissensdurst als zentrale Motive, um sich zu informieren

Schließlich hat die Studie ergeben, dass Eltern im Bereich der Informationsmedien einen großen Einfluss auf ihre Kinder haben. Freund*innen hingegen spielen eine untergeordnete Rolle. Das ist insofern interessant, als dass sich Jugendliche normalerweise bewusst von den Eltern abgrenzen möchten, während der Peergroup eine herausragende Stellung zukommt. Einige Schüler*innen betonen, dass sie sich bewusst informieren, um in der Familie oder in der Schule mitreden, sich eine eigene Meinung bilden und sich von den Positionen anderer abgrenzen zu können:

Weil oft ist es ja so, dass Leute mit einem anfangen zu diskutieren, obwohl sie selber eigentlich gar nicht so genau wissen, was los ist, weil sie sich nicht so informiert haben. Und deswegen informiere ich mich erstmal, bevor ich überhaupt eine Meinung dazu abgebe.

(weibliche Befragte, 18 Jahre alt, 12. Klasse Gymnasium)

Haben sie einen Platz im Informationsportfolio Jugendlicher gefunden, können journalistische Inhalte junge Menschen also bei ihren Entwicklungsaufgaben unterstützen – etwa dabei, einen Platz in der Gesellschaft zu finden oder sich von den Eltern zu lösen. Das erklärt, warum der Journalismus gerade für ältere Schüler*innen an Bedeutung gewinnt. Doch auch jüngeren Studienteilnehmer*innen ist es wichtig, sich zu informieren, der eigene Wissensdurst steht klar im Vordergrund.

Alles in allem zeigt sich also, dass Informationen für Schüler*innen nach wie vor eine Rolle spielen und sie Journalismus künftig brauchen werden. Es handelt sich also keineswegs um eine Generation, die „young and newsless“ ist, wie ihr häufig vorgeworfen wird. Auf diesen positiven Vorstellungen kann der Journalismus aufbauen, die Erwartungen in den Blick nehmen – und damit eine große Chance für die Zukunft nutzen.


Baer, Laura & Kloos, Svenja (2020). „Ohne Journalisten keine Infos. Das ist einfach so.“ Über die Vorstellungen, die Schüler von Journalismus haben, und die Erwartungen, die sie an ihn richten. Unveröffentlichte Masterarbeit am Institut für Journalistik der TU Dortmund.

 

Bildquelle: pixabay.com

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