„Last night in Sweden“: transnationale Nachrichtenströme

17. April 2019 • Internationales • von

„Schaut euch an, was gestern Abend in Schweden passiert ist“, rief Trump während einer Rede in Florida im Februar 2017 seinen Anhängern zu, nachdem er mit Blick auf die Flüchtlingspolitik Terrorattacken in Europa aufgezählt hatte. Mehrere schwedische Medienunternehmen publizierten daraufhin Inhalte auf Englisch, um ein englischsprachiges Publikum zu erreichen und klar zu stellen, dass es „last night in Sweden“ keinen Anschlag gegeben hat.

Für Medienwissenschaftler Andreas Widholm von der Universität Stockholm sind sowohl die Aussagen des Präsidenten als auch die Reaktionen aus Schweden Zeichen für die zunehmende Bedeutung transnationaler Nachrichtenströme und Öffentlichkeiten. Transnational bedeutet in diesem Zusammenhang, dass mediatisierte Kommunikation (z.B. Beiträge von Medien und Reaktionen darauf) über nationale Grenzen hinweg ausgetauscht werden. Widholm widmet dem Thema eine Studie, die 2018 im Journal Journalism Studies veröffentlicht wurde. Darin untersucht er den transnationalen Nachrichtenkonsum in Schweden.

Globalisierung und Internet machen es möglich: Nachrichtennutzung ist heute nicht mehr auf den nationalen Rahmen beschränkt. Über das Internet und vor allem über soziale Netzwerke kommen Nutzer ständig in Kontakt mit Nachrichten aus dem Ausland – bewusst, oder auch weil sie durch die Algorithmen von Google, Facebook und Co häufiger darauf gestoßen werden. Sogar kleine Medienanbieter können durch das Internet ein internationales Publikum erreichen. Globalisierung und Individualisierung in der postmodernen Gesellschaft führen außerdem dazu, dass Publika immer stärker fragmentieren und Nutzungsgewohnheiten stärker personalisiert werden. Dies kann die Rolle der Medien als „Kleber der Gesellschaft“ in Frage stellen, wie Widholm anmerkt.

Die schwedische Gesellschaft ist sowohl durch einen hohen Nachrichtenkonsum als auch durch eine diverse, stark von Migration beeinflusste Bevölkerungsstruktur gekennzeichnet. 2016 hatten 20% der Schweden einen persönlichen Hintergrund in einem anderen Land. Um zu untersuchen, wie die Schweden transnationale Nachrichtenmedien aus dem Ausland nutzen, hat Widholm mithilfe des Schwedischen SOM Instituts (Society, Opinion, Media) eine E-Mail-Umfrage gestartet und 3400 Schweden gefragt, ob, wie oft und warum sie welche nicht-schwedischen Medien konsumieren. Dabei gibt er zu bedenken, dass die Beherrschung der schwedischen Sprache eine Voraussetzung für die Teilnahme war und  dass Migranten in Umfragen oft unterrepräsentiert sind. Aus den 1575 Antworten zog er die folgenden Schlüsse:

Wie viel wird konsumiert?

Die Zahl der Schweden, die täglich oder fast täglich nicht-schwedische Nachrichten konsumieren ist mit vier Prozent beim Fernsehen und drei Prozent bei Onlinezeitungen eher gering. Als mögliche Gründe führt Widholm Barrieren wie die Sprache oder die Zeitverschiebung an. Wöchentlich erreichen nicht-schwedische Medien aber 13 Prozent der Schweden, und 27 Prozent der Schweden konsumieren jede Woche zumindest irgendeine Form von Medien (TV, Print, Online, Radio, Veröffentlichungen aus Social Media), die nicht in Schweden produziert wurden. Damit stellt der Konsum der transnationalen Medien keine mit dem Konsum schwedischer Medien vergleichbare Größe dar, sind aber dennoch eine bedeutende Quelle für Teile der Bevölkerung.

Wer nutzt transnationale Medien?

Widholm stellt fest, dass besonders junge Menschen in Schweden nicht-schwedische Medien konsumieren: unter den 16-19Jährigen sind es 49 Prozent, unter den 20-24Jährigen 48 und unter den 50-59Jährigen nur 23 Prozent. In großen Städten nutzen mehr Menschen transnationale Medien (45 Prozent) als auf dem Land (15 Prozent). Es überrascht nicht, dass sich die meisten Nutzer ausländischer Medien unter den Schweden finden, die ihre Kindheit in einem anderen Land verbracht haben (70 Prozent).

Vor allem politisch stark Interessierte sind geneigt, nicht-schwedische Nachrichten zu konsumieren (51 Prozent), aber auch unter den überhaupt nicht politischen Interessierten sind es 30 Prozent, was Widholm damit erklärt, dass auch Sport-, Lifestyle und andere nicht-politische Themen einen Großteil der transnationalen Nachrichtenströme ausmachen. Der Zusammenhang zwischen Bildung und dem Konsum transnationaler Medien ist weniger stark ausgeprägt: die Nutzer mit niedrigem Bildungsgrad konsumieren fast genauso viele Nachrichten aus dem Ausland wie die Nutzer mittlerem und hohem Bildungsgrad. Dies weist daraufhin, dass im Internet die Schwellen für den transnationalen Nachrichtenkonsum relativ gering sind.

Warum werden transnationale Nachrichten konsumiert?

Die Studie zeigt, dass vor allem der Wunsch nach anderen Perspektiven und anderen Themen, die die schwedischen Medien nicht liefern, Nutzer zu transnationalen Medien greifen lassen (beides um die 50 Prozent). Neun Prozent halten die Aussage, nicht-schwedische Medien seien vertrauenswürdiger, für korrekt und 54 Prozent für eher inkorrekt. Überraschend: Nur wenige nennen als Grund, dass sie Nachrichten in ihrer Muttersprache oder über Orte, an denen sie Freunde und Familie haben, konsumieren möchten. Hier weist Widholm erneut darauf hin, dass Migranten in Studien oft unterrepräsentiert sind.

Nach Widholms Ansicht beweisen die Ergebnisse, dass viele Nutzer in Schweden transnationalen Nachrichtenströmen ausgesetzt sind, wenn auch die Zahl der User, die sie gezielt konsumieren, niedriger ist. Er hebt die Reaktion schwedischer Medien auf diese Entwicklung hervor: Wenn Schweden in ausländischen oder internationalen Medien erwähnt wird, bieten sie oft eine konter-Perspektive aus schwedischer Sicht an. Dies zeige, so Widholm, dass es noch immer eine Tendenz gebe, Nachrichten zu „domestizieren“. Vor allem, um andere Sichtweisen zu bekommen, greifen Konsumenten dann gerne auf solche Medien zurück, die nicht in Schweden beheimatet sind. Es bleibt allerdings die Frage, wie stark die Rolle der sozialen Medien ist und wie viele Menschen nur  zufällig in Kontakt mit transnationalen Medien kommen, heißt es in der Studie.

Bildquelle: pixabay.de

 

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