Orbán-nahe Medien dominieren den Markt

23. Mai 2019 • Internationales, Medienpolitik, Pressefreiheit • von

Als sich im November 2018 mehr als 400 ungarische Medien zur Mitteleuropäischen Presse- und Medienstiftung (KESMA) zusammengeschlossen haben, waren alle gespannt, wie sich diese auf die Medienkonzentration des Landes auswirken wird. Berechnungen der ungarischen NGO Mertek Media Monitor übertreffen schlimmste Erwartungen.

In Ungarn ist es schwierig, die Medienkonzentration zu messen, da es keinen öffentlichen Zugang zu der Datenbank gibt, die die Reichweiten der einzelnen Medien auflistet.

Dennoch konnten wir auf der Basis von Umsatzdaten schätzen, wie dominant die regierungsnahen Medien auf dem ungarischen Nachrichtenmarkt sind. Da wir nur Zugang zu den Umsatzdaten von 2017 hatten, mussten wir uns für unsere Berechnungen auf diese stützen. Wir haben davon aber nur diejenigen berücksichtigt, die von Medienunternehmen stammten, die auch im November 2018 noch existierten, als die Mitteleuropäische Presse- und Medienstiftung  gegründet wurde. Die Zahlen für 2018 werden bald vorliegen, da die Unternehmen ihre Jahresabschlüsse bis Ende Mai veröffentlichen müssen. Diese dürften jedoch keine wesentlichen Auswirkungen auf unsere jetzigen Kalkulationen haben.

In unsere Berechnungen haben wir Print, Radio, TV und Online einbezogen. Im Printsegment gehörten dazu überregionale Tages- und Wochenzeitungen, Regionalzeitungen, Boulevardzeitungen und die Gratis-Zeitung Lokál. Zudem haben wir uns die Zahlen für den landesweit ausgestrahlten Privatsender Retro, das Internetradio Rádió1 und die drei bekannten Polit-Talk-Radios Klubrádió, Info Rádió und Karc FM angeschaut. Daneben haben wir die beiden großen Privatsender RTL Klub und TV2 sowie die drei politischen Sender ATV, Hír TV und Echo TV mit aufgenommen. Öffentlich-rechtliche Medien sind nicht mit in die Berechnungen eingeflossen, da die staatliche Medienholding MTVA nicht offenlegt, wie viel sie für Nachrichtensendungen in Radio und Fernsehen ausgibt. Die Messung des Online-Nachrichtenmarktes erwies sich als äußerst schwierig, da es Hunderte von Online-Nachrichtenquellen gibt und auch die traditionellen Medienmarken über eigene Online-Plattformen verfügen. Um diese komplexe Situation methodisch zu vereinfachen, haben wir uns die vier großen Nachrichtenseiten angeschaut, die hauptsächlich über Politik berichten; das sind Index, Origo, 24.hu und 444.hu. Die beliebte Website hvg.hu, die dem gleichnamigen Printmagazin angehört, wurde als Teil der Marke HVG dem Print-Segment zugeordnet.

Basierend auf den Finanzdaten aus dem Jahr 2017 zeigt die folgende Übersicht, wie hoch der Marktanteil der regierungsnahen Medien im Vergleich zum Gesamtumsatz der Medien im jeweiligen Mediensegment war.

In der  Kategorie „KESMA und andere regierungsnahe Medien“ finden sich  Unternehmen, die entweder Teil der Mitteleuropäischen Presse- und Medienstiftung sind oder Eigentümer haben, die offensichtliche Verbindungen zur Regierung haben. Dazu gehören Rádió1 und TV2, die sich zum Zeitpunkt der Gründung der KESMA noch im Besitz des inzwischen verstorbenen Regierungskommissars Andrew Vajna befanden, sowie die Wochenzeitung Magyar Demokrata, dessen Chefredakteur András Bencsik ist, und die Tageszeitung Magyar Hírlap, die dem Oligarchen Gábor Széles gehört. Sowohl Bencsik als auch Széles sind bekannt für ihre engen Beziehungen zur Fidesz-Partei, zu denen sich beide offen bekennen.

Unsere Analyse zeigt, dass die Medien, die sich zur KESMA zusammengeschlossen haben, einen Marktanteil von fast 39 Prozent haben. KESMA-Medien und andere regierungsnahe Medien kommen zusammen auf einen Anteil von 64 Prozent. Dafür sorgt vor allem der Fernsehsender TV2, der gemessen am Gesamtumsatz das größte regierungsnahe Medienunternehmen ist.

Noch extremer zeigt sich die Dominanz regierungsnaher Positionen, wenn man die öffentlich-rechtlichen Medien, die dafür bekannt sind, intensiv regierungsfreundliche Standpunkte zu verbreiten, einbezieht. Das Budget der MTVA für 2017 betrug 94 Milliarden Forint (rund 300 Millionen Euro). Wenn man den jeweiligen Umsatz für die KESMA-Medien, die offensichtlich regierungsfreundlichen Medien außerhalb der KESMA und die öffentlich-rechtlichen Medien zusammenrechnet, werden insgesamt 77,8% des Markts für politische Nachrichten aus Quellen unter Kontrolle der regierenden Partei finanziert.

Zwei Fakten deuten darauf hin, dass die effektive Reichweite der Fidesz-freundlichen Medien sogar noch größer ist: Zum einen werden von MTVA produzierte Nachrichten seit einigen Jahren auch auf vielen unabhängigen Sendern ausgestrahlt, so dass sie eine große Anzahl von Radiohörern in ganz Ungarn erreichen. Darüber hinaus wurden in unseren Berechnungen auch keine lokalen Medien berücksichtigt, die sich typischerweise im Besitz der Gemeinde befinden. In wesentlichen Teilen des Landes führt die Kontrolle der lokalen Regierung dazu, dass die betreffenden Medien den Regierungssprech einfach nachplappern.

Dieser Beitrag wurde zuerst auf Englisch und Ungarisch auf der Website der ungarischen NGO Mérték Media Monitor veröffentlicht. 

Übersetzung aus dem Englischen: Johanna Mack

Bildquelle: RGY23/pixabay.de

 

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