Wie produziert man Public Value? Eine Studie über den österreichischen nichtkommerziellen Rundfunk.

23. Januar 2023 • Medienpolitik, Redaktion & Ökonomie, Top • von

Die nichtkommerziellen Radio- und TV-Sender haben sich in Österreich als dritte Säule der Rundfunklandschaft etabliert. Durch ihr Selbstverständnis als Teil der Gemeinschaft tragen sie dazu bei, einen öffentlichen Wert, einen sogenannten „Public Value“, herzustellen und können so Demokratie erlebbar machen.

Im Sommer 2022 erreichte eine besonders frohe Nachricht die österreichische nichtkommerzielle Rundfunkszene Das erste Mal seit seiner Einrichtung im Jahr 2009 stimmte das österreichische Parlament einer Aufstockung des nichtkommerziellen Rundfunkfonds zu. Statt bisher drei teilen sich die 17 Sender nun fünf Millionen Euro. Sie finanzieren sich zu weiten Teilen über diesen Fond.

Der nichtkommerzielle Rundfunk in Österreich ist vergleichbar mit den nichtkommerziellen Sendern des “Bürgerfunks” in Deutschland oder den “komplementären Sendern” in der Schweiz. International wird dieser Bereich als Community Medien bezeichnet und ist etwa vom Europarat hier definiert

Dennoch ist die medienpolitische Position des nichtkommerziellen Rundfunks im Vergleich zu jener der öffentlich-rechtlichen und privat-kommerziellen Anbieter prekär. So strich beispielsweise die Wiener Stadtregierung dem Community-TV Sender Okto im Frühjahr 2022, mitten in der laufenden Förderperiode, die Förderung. Der Sender musste sich umorganisieren und nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten suchen, um den Sendebetrieb aufrechterhalten zu können. Dabei kann der nichtkommerzielle Rundfunk einen für die demokratische Gesellschaft öffentlichen Wert, einen „Public Value“, herstellen, der anders gestaltet ist als jener des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Warum ist das wichtig und wie generiert sich ein solcher „Public Value“? Das wollten wir in unserer von der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR) geförderten Studie Public Value des nichtkommerziellen Rundfunks herausfinden. Die Forschung basiert auf 15 Fokusgruppen mit Sendungsmachenden der österreichischen Freien Rundfunkszene, die zwischen September 2018 und März 2019 durchgeführt wurden.

Public Value wurde 1995 von Mark Moore, Professor an der Harvard University, als Wert, den der öffentliche Sektor schafft bzw. schaffen soll, definiert. Er grenzt den Begriff damit vom damals bereits geläufigen in der Privatindustrie produzierten privatwirtschaftlichen Wert ab, lehnt sich aber auch ein wenig daran an. Denn er weist den öffentlichen Sektor darauf hin, das Generieren von öffentlichem Wert ins Zentrum seiner Tätigkeiten zu rücken. Ein produziertes Gut besitzt dann Public Value, wenn es zum einen der Öffentlichkeit zugutekommt und von dieser auch angenommen wird. Zum anderen aber sollte die Bevölkerung selbst an der Produktion des öffentlichen Gutes mitwirken können. Das kann an sich schon durch das Zahlen von Steuern geschehen, ist aber eine sehr schwache Form der Ko-Produktion. Umso aktiver die Bevölkerung mitmachen kann, z.B. durch die Teilnahme an einem Bürger:innenforum oder die aktive Teilhabe und Mitgestaltung, desto eindeutiger hat ein öffentliches Gut einen Public Value. .

Codewolke aus dem Forschungsprojekt. Quelle: Biringer, Seethaler und Peissl

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann diese letztgenannte Form schon aufgrund seiner Organisationsform nicht verwirklichen. Andererseits organisierten sich die nichtkommerziellen Sender in Österreich bereits seit Mitte der 1990er-Jahre „bottom-up“, also aus der Zivilgesellschaft heraus. Die insgesamt 14 Radio- und drei TV-Sender verstehen sich als Ort, an dem interessierte Menschen aus der Bevölkerung, aber auch Vereine und Nichtregierungsorganisationen (NGOs), zusammenkommen und mit eigenen Ideen das Programm mitgestalten. Die Sender stellen die technische Infrastruktur zur Verfügung, bieten Weiterbildungen und ein Netzwerk an und erhalten im Gegenzug Sendeinhalte.

 

Forschungsmethode

Um nun messbar machen zu können, ob und wie der nichtkommerzielle Rundfunk Public Value generiert, gingen wir von fünf normativen Funktionen aus, die in einer demokratischen Gesellschaft der Realisierung bestimmter Werte dienen. Das sind die Artikulations-, die Komplementaritäts-, die Partizipations- und die Medienbildungsfunktion, sowie angesichts des gegenwärtigen rasanten Medienwandels die Realisierung medienkonvergenter Strategien, Für diese fünf Funktionen definierten wir insgesamt 43 Codes. Außerdem achteten wir auf die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, in denen sich der nichtkommerzielle Rundfunk in Österreich bewegt. Unser Ansatz baut auf einem Konzept der “diskursiv” Forschungsgruppe der Universität Erfurt auf, die ihn im Auftrag der Thüringer Medienlandesanstalt (TLM) entwickelt hat. Wir sprachen die Funktionen in den Fokusgruppen-Diskussionen mit 120 Sendungsmachenden bewusst nicht direkt an, um den Teilnehmenden die Möglichkeit zu geben, ihren gemeinsamen (konjunktiven) Erfahrungsraum unbeeinflusst offen zu legen. Die rund 750 Transkriptseiten wurden anschließend inhaltsanalytisch ausgewertet.

Unsere Untersuchung baute auf fünf Funktionen auf (s. Infobox). Das ist die Artikulations-, die Komplementaritäts-, die Partizipations- und die Medienbildungsfunktion, sowie die Realisierung medienkonvergenter Strategien, d.h., dass durch die Sendungsmachenden zusätzlich auch digitale Medien einbezogen werden, beispielsweise zur Verbreitung, zur Vernetzung und Interaktion oder auch in den Entstehungsprozess der Sendung. Während bei der Artikulationsfunktion die Ermöglichung der Teilhabe an der öffentlichen Deliberation für alle, im Speziellen für all jene, die in den Medien keine Stimme haben, im Zentrum steht, geht es bei der Partizipationsfunktion um die aktive Teilhabe und Gestaltung. Die Komplementaritätsfunktion fokussiert auf die Abdeckung lokaler Informationsbedürfnisse der Bevölkerung und von Themen, die in anderen Medien nicht behandelt werden. Die Medienbildungsfunktion beschäftigt sich mit der Vermittlung von Medienkompetenz.

Die Ergebnisse zeigen, dass der österreichische nichtkommerzielle Rundfunk Public Value vor allem auf dreifache Weise generiert wird. Diese sind bei uns unter der Artikulation-, der Komplementaritäts- und der Partizipationsfunktion gefasst. Konkret heißt das, dass den Sendungsmachenden freie Meinungsäußerung, Selbstermächtigung und Empowerment auch bzw. vor allem von in der Öffentlichkeit unterrepräsentierten Gruppen wichtig sind („offener Zugang“). In ihren Sendungen behandeln sie Themen, die in den Mainstream-Medien – auch nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk – so abgebildet werden. Es geht häufig um die Förderung von Kunst und Kultur im lokalen Raum und um soziale, politische und ökologische Themen, die aus einer Betroffenenperspektive aufbereitet werden. Netzwerken spielt im Sender als auch darüber hinaus eine wichtige Rolle. Die Sender sind im lokalen Raum und in ihren Communities stark verwurzelt, ermächtigen die Menschen zur Mitgestaltung ihrer sozialen und natürlichen Umwelt und sind so ein wichtiger Bestandteil des lokalen Community Building.

Public Value generieren die nichtkommerziellen Sender aber auch dadurch, dass sie nicht nur als Rundfunkanbieter, sondern auch als Medienbildungseinrichtungen agieren. Vor allem die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, beispielsweise in Form von Schulkooperationen, ist ihnen ein Anliegen. Das Besondere an den umfangreichen Bildungsmöglichkeiten ist, dass die Sendungsmachenden durch eine Mischung von verpflichtenden Basiskursen, in denen sie journalistische Grundlagen und medienrechtliches Wissen vermittelt bekommen, und learning-by-doing laufend an ihrer eigenen Medienkompetenz arbeiten. Diese entwickeln sie auch im digitalen Bereich weiter.

Darüber hinaus spielt das schon 1999 gegründete Cultural Broadcasting Archive (CBA) eine wichtige Rolle für die Arbeit der Sendungsmachenden. Es dient dazu die Sendungsinhalte zum Nachhören, aber auch für das gemeinsame Arbeiten mit anderen Freien Sendern, zu teilen. Diese Plattform wird von den nichtkommerziellen Medienschaffenden sehr wertgeschätzt. Einem Ausbau insbesondere dieser letztgenannten Funktion stand lange Zeit die eingangs erwähnten stagnierenden Fördermittel entgegen.

Der nichtkommerzielle Rundfunk hat in den letzten knapp 25 Jahren seines Bestehens ein gemeinsames Selbstverständnis entwickelt, das sich in der Verwirklichung vielfältiger öffentlicher Werte niederschlägt und so zweifellos zur Institutionalisierung als dritte Säule des Rundfunksektors beigetragen hat. Wo immer nichtkommerzielle Radio- und Fernsehsender tätig sind, ermöglichen sie kommunikative und gesellschaftliche Teilhabe, sichern Vielfalt im lokalen Raum, stellen soziale Knotenpunkte dar und fördern einen kritischen Umgang mit Medien – kurz: sie machen Demokratie erlebbar.

 

Die Studie Public Value des nichtkommerziellen Rundfunks wurde von der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR) gefördert. Ein englischsprachiger Artikel erschien im November 2022 unter dem Titel Public Value of Community Media in Austria. https://www.intellectbooks.com/journal-of-alternative-community-media

Literatur

Biringer, K., Peissl, H., & Seethaler, J. (2022). Public value of community media in Austria. Journal Of Alternative And Community Media, 7, 45-65.

Moore, M. H. (1995). Creating Public Value. Strategic Management in Government. Cambridge (MA), London: Harvard University Press.

Peissl, H. [in Zusammenarbeit mit Purkarthofer, Judith, Bellardi, Nadia Bellardi & Scifo, Salvatore]. (2022). Community media. Contributions to citizens participation.

Peissl, H., Seethaler, J., & Biringer (Mitarbeit), K. (2020). Public Value des nichtkommerziellen Rundfunks. RTR – Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH. Wien. Online unter

Seethaler, J. & Beaufort, M. (2017). Community media and broadcast journalism in Austria: Legal and funding provisions as indicators for the perception of the media’s societal roles. The Radio Journal: International Studies in Broadcast & Audio Media, 15 (2), 1-28.

Thüringer Landesmedienanstalt (TLM) (Hrsg.) (2010). Chancen lokaler Medien: Modelle, Bewertungen und Anforderungen von lokalem Hörfunk und Fernsehen – zwei explorative Untersuchungen. TLM Schriftenreihe, Bd, 21, Berlin: Vistas.

Beitragsbild: Pixabay

Print Friendly, PDF & Email

Schlagwörter:, , ,

Kommentare sind geschlossen.

Send this to a friend